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EINE NEUE SPINOZA - BIOGRAPHIE .
" Vau Beruh . M ü n z .
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Nachdruck verboten .
Aus Pietät für den Vater verschloss Spinoza jedoch
seine Ueberzeugung in sich , bis das Trauerjahr nach
ihm verstrichen war . Dann brach er offen . mit den
jüdischen Satzungen , übertrat sie und wurde , da er um
keinen Preis zu einer Sinnesänderung zu bewegen war ,
am 27 . Juli 1656 mit dem grossen Banne belegt . So
stiess die Amsterdamer Gemeinde einen der edelsten
Juden , den sie mit Stolz zu den ihrigen hätte zählen
können , mit Schimpf und Schande , unter den schreck¬
lichsten Flüchen und Verwünschungen von sich . Freuden¬
thal folgt nur dem Beispiele Spinozas , seiner Forderung ,
die Menschen und ihre Handlungen nicht zu ver¬
abscheuen , sondern zu verstehen , wenn er dieses un¬
selige Anathema mit der ihm eigenen vornehmen Ob¬
jektivität betrachtet und demgemäss milder beurteilt ,
als man gewohnt ist : „ Man wird sich vor allem sagen ,
dass es doch eine wesentlich härtere Strafe ist , nach
schrecklichen Folterqualen lebendig verbrannt , als nach
einem strengen Verhör aus der Gemeinschaft der Juden
verbannt zu werden . Auch wird man das Verfahren
der jüdischen Gemeindebehörde billigerweise nicht nach
den Gesinnungen der Gegenwart , sondern nach den
Anschauungen ihres Zeitalters beurteilen müssen . Wie
weit aber stehen diese von den unserigen ab ! . . . .
Selbst in den Niederlanden verfolgten und verketzerten
die verschiedenen Glaubensparteien einander oft aufs
bitterste . Auch hier wurden diejenigen , welche es
wagten , den Dogmen ihrer Kirche zu widersprechen ,
zwar nicht zum Scheiterhaufen verdammt , aber doch
oft genug mit schweren Strafen von den Staatsbehörden
belegt . . . . Selbst die sehr duldsame Sekte der
Mennoniten strafte mit Entziehung des Abendmahls ,
mit Exkommunikation und Untersagung alles freund¬
schaftlichen Verkehrs „ die hartnäckigen Sünder , Ketzer
und die , welche in der Lehre irrten " . Menno , der
Begründer der Sekte , nannte den Bann „ das Kleinod
der Kirche , ohne das eine Gemeinde wie eine Stadt
ohne Mauern und Tore sei " . Es ist nicht verwunder¬
lich , dass in dieser Umgebung die jüdische Gemeinde
von Amsterdam durch ein gleiches Mittel das Umsich¬
greifen der Ketzerei zu verhindern suchte . Ausser¬
dem gilt es zu bedenken , dass die Juden Spaniens
um ihrer Religion willen die grausamsten Verfolgungen
tapfer ertragen hatten . Sie atmeten in den duldsamen
Niederlanden auf und gründeten hier neue Gemeinden .
Sie waren glücklich , ihrer Religion wieder leben zu
können . Eine gewaltige Erbitterung musste sich daher
ihrer bemächtigen , als ein junger Glaubensgenosse ,
der Spross einer angesehenen Familie , auf den sie so
grosse Hoffnungen gesetzt hatten , es wagte , ihren alt¬
ehrwürdigen Glauben offen für einen grossen Irrtum
und damit alle ihm gebrachten Opfer für eine Torheit
zu erklären . Dass die Gemeinde Spinoza als einen
Feind ansah und ihn aus ihrer Mitte entfernte , wird
man ihr daher nicht zum Vorwurfe machen können .
Uebt doch noch heute jede Gemeinschait das Recht ,
ein Mitglied von sich zu weisen , das sich ihren
Satzungen und Verordnungen widersetzt . Nur die rohe ,
mittelalterliche Form , in der man den Bann verhängte ,
schreit gen Himmel . Er blieb denn auch trotz der Flüche ,
die auf sein Haupt herabbeschworen wurden , für alle
Zeiten das , was sein Name besagt , ein „ Gesegneter " .
! ) Siehe „ Ost und West " Heft 2 .
Der Exkommunikation folgte bald eine andere ,
Strafe . Da er im Gegensatze zu seinem älteren Zeit¬
genossen Uriel da Costa seinen inneren Frieden über
alles schätzte und daher nackensteif blieb , stellte
R . Morteira dem Amsterdamer Magistrat vor , dass
Spinoza durch seine Ansichten über die Bibel sich
auch gegen die christliche Religion vergangen habe ,
und forderte seine Entfernung aus der Stadt . Dieser
Forderung wurde nach einigem Zögern Folge geleistet .
Und so ward Spinoza auf einige Monate aus Amsterdam
verwiesen . Schwere innere Kämpfe müssen die
nächsten Jahre ausgefüllt haben . Heisst es doch in
der die Wurzeln seines Denkens und Strebens bloss -
legenden Einleitung zu der um das Jahr 1661 ver -
fassten Schrift : „ Ueber die Läuterung des Verstandes " ,
dass auch er lange Zeit nach den Gütern verlangt
habe , welche die grosse Menge für die höchsten hält ,
nach Reichtum , Ehre und Sinnengenuss ; die Erfahrung
aber habe ihn gelehrt , dass diese vermeintlichen Güter
eitel und nichtig , ja oft verderblich seien , und dass
alles , wovor man sich fürchte , nur insoweit gut oder
schlecht sei , als unser Gemüt dadurch erregt werde .
Darum habe er sich nach langer , eindringender Ueber -
legung und nach manchen Rückfällen in die alten Irr¬
tümer endlich entschlossen , die sicheren Uebel für ein
einziges wahres Gut aufzugeben , für die Liebe zu Gott ,
dem ewigen und unendlichen Wesen und die Einheit
mit ihm . Wer dieses Gut erworben habe , der allein
geniesse höchstes , nie endendes Glück .
Der Bann hatte den Bruch mit den Verwandten
und Stammesgenossen herbeigeführt . Freunde und
Schüler traten an ihre Stelle und Hessen Spinoza nicht
völliger Vereinsamung anheimfallen . Sie rekrutierten
sich zumeist aus den Sekten der Kollegianten und
Mennoniten , zu denen er sich schon vor der Ablösung
vom Judentum hingezogen fühlte , weil sie die Haar¬
spaltereien der Theologen verwarfen , keine Priester
hatten , sich von dem äusserlichen Treiben der kirchlich
Gesinnten fernhielten und sich zu einem einfachen und
lebendigen Glauben bekannten , der sich in Werken
der Charitas äussert . Sie wollten wahre Jünger Jesu
sein und legten den höchsten Wert auf stille Herzens¬
frömmigkeit und Taten der Barmherzigkeit . Dadurch
wollten sie ein Reich Gottes auf Erden gründen und
seine Kirche auf Liebe und sittlicher Reinheit aufbauen .
Einer der glühendsten Verehrer Spinozas war der
Amsterdamer Kaufmann Simon Joosten de Vries .
Noch im Tode gab er seiner Liebe und Fürsorge für
den Freund und Meister ergreifenden Ausdruck . Mit
Glücksgütern reich gesegnet , hatte er noch bei Leb¬
zeiten Spinoza eine Summe von 2000 Gulden schenken
wollen . Spinoza aber hatte das Anerbieten mit der
Begründung abgelehnt , dass er eine so grosse Summe
nicht nötig habe , und dass ihr Besitz ihn seinen wissen¬
schaftlichen Untersuchungen abwendig machen könnte .
Nun wollte de Vries , als er im Jahre 1667 sein Ende her¬
annahen fühlte , Spinoza zum Universalerben einsetzen .
Auch dies wies unser Philosoph rundweg mit der Er¬
klärung ab , der gesetzmässige Erbe , Simons Bruder
Isaak , dürfe seines Rechtes nicht verlustig gehen .
Darauf hinterliess de Vries dem Bruder sein ganzes
Vermögen , jedoch unter der Bedingung , dass Spinoza
zeitlebens eine zu seinem Unterhalt ausreichende Rente
beziehe . Diese nahm Spinoza an , er setzte sie aber