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Literarisches , Miscellen .
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Kultur propagiert wird . Der Verfasser bekundet eine tiefe
und allseitige Kenntnis des Judentums und namentlich der
jüdischenPhilosopheme sowie eine vorzügliche Vertrautheit mit
der modernen Philosophie und eine selbständige Auffassung
ihrer Resultate . In gediegenen und doch gemeinverständ¬
lichen Ausführungen weist er nach , dass das Judentum sich
mit der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ,
insbesondere mit der Evolutionstheorie sehr wohl vereinbaren
lässt , dagegen den materialistischen Mechanismus , der aber
nur Metaphysik , graue Theorie ist , ablehnen muss . Ebenso
steht das Judentum einer pantheistischen Weltanschauung
nicht feindlich gegenüber , pantheistische Anklänge finden
sich schon in alten jüdischen Schriften und auch bei mittel¬
alterlichen jüdischen Denkern . Das Judentum betont aber die
Transzendeuz und Persönlichkeit Gottes und verwirft nur
jenen radikalen Pantheismus , der Gott die Attribute der Per¬
sönlichkeit : Selbstbewusstsein und Freiheit abspricht , und
den schon Goethe grimmig verhöhnte mit den Worten : „ Der
Herr Professor ist eine Person , Gott ist keine . " Dem leben¬
verneinenden , greisenhaften Pessimismus stellt das Judentum
seinen schaffensfrohen , das Böse bekämpfenden und über¬
windenden Optimismus entgegen , der nicht , wie Schopen¬
hauer meint , einem Uebersehen und Verkennen des Welt¬
leids entspringt . Es genügt ja , das Buch Job und die Psalmen
zu lesen , um sich zu überzeugen , dass schon das alte Juden¬
tum den Weltschmerz tief empfand und ihm ergreifenden
Ausdruck verlieh . Aber das Judentum verkündet den Glauben
an den endlichen Sieg des Guten , nach dessen Verwirklichung
auf Erden der Mensch unablässig streben solle . Wenn
Nietzsche lehrt , der Mensch sei etwas , was man überwinden
müsse , so halte dem das Judentum entgegen , der Unmensch ,
der Untermensch sei etwas , was überwunden werden müsse ,
überwunden durch die Idee der Gerechtigkeit , der Demut
und der Güte . Nietzsche irrte , wenn er meinte , der von ihm
sogenannte Sklavenaufstand in der Moral , den das Judentum
herbeigeführt habe , sei schon verwirklicht und die Herren¬
moral gestürzt worden . Im Gegenteil , dem Judentum bleibt
noch eine grosse Arbeit zu verrichten , um seinen Ideen auch
in der Welt der Wirklichkeit zur Geltung zu verhelfen . Ebenso
interessant und lehrreich ist die Auseinandersetzung mit der
ethischen Kultur , deren Bedeutung der Verfasser übrigens
vollauf würdigt . Jedem , der nach einer Klärung und Ver¬
tiefung der Ideen des Judentums ringt , sei das geistvolle
Buch aufs wärmste empfohlen . Lector .
Die stille Stadt . Roman von Richard Huldschiner .
Berlin 1904 . Egon Fleischel & Co .
Um es kurz zu machen : Huldschiners neues Buch ist
ein Kunstwerk . Viel Handlung ist zwar nicht darin , dagegen
verfügt es aber über den Vorzug , von einem wirklichen
Dichter zu stammen . Der beste Beweis hierfür sind die Ge¬
stalten des Romans selbst . Durchweg sind sie Idealisten ;
meist Träumer , wenn nicht gar Sonderlinge . Seele ist ihnen
gegeben , doch fehlt ihnen das Körperliche . Dazu kommt
das Milieu , in dem jene Personen den Mittelpunkt bilden .
„ Die stille Stadt " , ist das herrliche Bozen Tirols mit seiner
malerischen Umgebung . Trotzdem der Autor vor allem
Wert auf die dichterische Ausgestaltung seiner Arbeit gelegt
hat , Hess er es sich nicht nehmen , in ihr das Judentum
anderen Bekenntnissen gegenüberzustellen . Und wenn uns
die Schilderung der seelischen Liebesbeziehungen des jüdischen
Schwärmers Elias Mercan zu der romantisch veranlagten
Dulderin Eva Kröger persönlich nicht ergreifen mag , so liegt
doch über dem Ganzen ein poetischer Hauch verträumter
Schwermut , den uns die Sprache Huldschiners in ihrer vollen
Schönheit verstehen lässt . L . Zucker .
* *
*
Die Zeichnungen „ Aufräumung des Gesäuerten "
und „ An der Sedertafel " in diesem tiefte , sowie
die auf Seite 171 — 172 des letzten Heftes entnehmen
wir einem merkwürdigen , sehr seltenen alten Buche ,
welches uns von dem Buchhändler Herrn Louis
Lamm , Berlin , in dankenswerter Weise zur Verfügung
gestellt wurde . Es betitelt sich : „ Eigentliche Be¬
schreibung der auswendigen Gottesdienst¬
lichen Kirchen - Gebräuchen und Gewohnheiten
der Juden . Verfasset theils in historischen Ab -
handlungen , theils in zierlichen Figuren . Nach
Bernhard Picart aus dem Französischen , nach
Abraham Moubach aus dem Nieder - Deutschen
übersetzt und abgekürzt von Johann Baptist
Ott . In Kosten und Verlag David Herrlibergers ,
Zürich . Gedruckt bey Conrad Orell & Comp .
MDC u . XXXIX . " Auf zwölf schönen Kupfertafeln
werden alte religiöse Bräuche , sowohl sephardische als
deutsche in guter Ausführung dargestellt . Der statt¬
liche Band enthält ausserdem eine Beschreibung und
bildliche Darstellung der Riten sämtlicher christlicher
Kirchen , des Islams sowie der Urreligionen der asia¬
tischen und amerikanischen Kulturvölker .
Abonnementspreis für das Jahr in Deutschland und Oesterreich Mark 7, — ( Luxusausgabe Mark 14, — ) , für das Ausland Mark 8, —
( Luxusausgabe Mark 16, — ) .
für Russland ganzjährlich 4 Rubel . Einzelhefte ä 35 Kop .
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