367
Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Qiacomo Meyerbeer
36S
Damit ist zugleich die Skala gegeben, nach der
wir seine großen Schöpfungen ihrem "Werte nach
bestimmen können.
Wenn er bei seinem Aufenthalt in Italien seinen
ersten Vornamen Jakob in Qiacomo umgestaltet
und den zweiten mit seinem Stammnamen Beer zu
dem Namen Meyerbeer zusammenzog, so wurde
er dem väterlichen Glauben doch niemals untreu; er
blieb Israelit, selbst als ihn sein König mit den
höchsten Ehren überhäuft hatte.
Abseits von den weltbewegenden großen Opern
des Meisters, die soviel Begeisterung und soviel
Widerspruch erregten, gänzlich unbekannt und nie
in den Kreis der" Beurteilung gezogen, liegen aber
zwei Werke, deren Vor¬
handensein gerade bei den
Lesern dieser Zeitschrift
einiges Interesse erwecken
dürfte. Indem wir heute,
nachdem sich der Grab¬
hügel über Meyer beers
irdischen Ueberresten 50
Jahre wölbt, zwei alt-
testamentliche
Kompositionen des
Tondichters aus ihrer be¬
scheidenen Verborgenheit
ans Tageslicht ziehen,
glauben wir dem großen
Toten eine nicht un¬
würdige Feier zu be¬
reiten. 40 Jahre trennen
die beiden Werke von
einander; der 21jährige
Jüngling schrieb die bib¬
lische Oper „J e p h t a s
Q e 1 ü b d e", der 62jährige
reife Meister den ,,9 1.
Psa 1 m".
1. J e p h t a s G e 1 ü b d e.
Von Meyerbeers eigner
Hand geschrieben, ruht
die Partitur dieses merk¬
würdigen Jugendwerkes in
der Musiksammlung der
Königlichen Bibliothek zu
Berlin,
lautet:
Das Titelblatt
Giacomo Meyerbeer
J e p h t a ' s G e 1 ü b d e.
Ernsthafte Oper in 3 Aufzügen.
Gedichtet
vom
Professor Alovs Schreiber
in Musik gesetzt
von
J. Meyerbeer
angefangen in Darmstadt Ende des July ISil.
geendet in Würzburg d. 6t. April 1812.
Als ,.große" Oper im üblichen Sinne ist das
Werk nicht zu bezeichnen, da die einzelnen Musik¬
nummern noch durch das gesprochene Wert unter¬
brochen werden. Es scheint nur einzige Aufführung
— in München — erlebt zu haben; von den Künst¬
lern und Kennern wurde die Musik mit ihrer gro߬
zügigen Anlage, ihrem edlen Feuer, ihrer feinen
technischen Arbeit bewundernd aufgenommen.
Nicht so vom Publikum, das die Schwächen des
Librettos schnell herausfühlte.
Was dieses Textbuch so besonders langweilig
macht, ist der Umstand, daß es durch ganz äußer¬
liche, nicht zur dramatischen Handlung gehörige
Dinge ungebührlich in die Länge gezogen ist. Nicht
drei, sondern ein Aufzug hätte genügt, um die
Wucht dramatischer Gewalt, die in der biblischen
Erzählung liegt, voll und ganz herauszuarbeiten.
Statt dessen hat der Textdichter in echt
italienisierender Manier ein Liebesverhältnis mit
obligatem rachesüchtigen Nebenbuhler einschalten
zu müssen geglaubt, woran, da es gänzlich inter¬
esselos ist und den Gang der Handlung nur auf¬
hält, selbst die Begeisterung eines Künstlers, der
seine Erstlingsarbeit schreibt, scheitern mußte. Ob
Sulima (so heißt in der Oper die in der Bibel
namenlose Tochter Jephtas) den Asmavett liebt und
dadurch die Wut des eifer¬
süchtigen Abdon erregt
oder nicht, ist völlig gleich¬
gültig, und all die hier¬
auf bezüglichen Stücke
erheben sich auch nicht
über das Niveau des Ge¬
wöhnlichen. In den
Chören der Landleute und
K Weger j ed och, wiewoh 1
auch sie einen ungebühr¬
lich breiten Raum ein¬
nehmen, kann der 'Ton¬
dichter wenigstens Me¬
lodik und Verve entfalten.
So entzückt ein Chor der
Jungfrauen, die dem
Jephta die Erstlinge des
Frühlings darbieten, durch
ein eigentümliches orien¬
talisches Kolorit, welches
auch dem Triumpfmarsch
der heimkehrenden Krieger
eigen ist. Ein nicht übler
Gedanke des Textdichters
war es, Sulima zu Beginn
des zweiten Aufzuges —
während der Abwesenheit
des Vaters — auf dem
Grabe der Mutter beten
zu lassen; der darauf fol¬
gende Chorgesang ihrer
Gespielinnen, die mit ab¬
gemessenen Schritten das
blumenstreuend unischreiten, ist
Grabmal
rührende Elegie,
blassen gegen den
Orchesters, der bei
einbricht, als dieser
seiner Rückkehr ihm
Wer die
verstand,
Aber all dies muß
tosenden Donnerschlag
dem „Weh!" Jephtas
die Tochter als erstes
begegnendes Wesen erblickt.
Verzweiflung eines Vaters so zu malen
wie es Meverbeer an dieser und den fol-
eme
Ver¬
des
her¬
bei
genden Stellen tat, dessen Beruf zum dramatischen
Komponisten ist voll und ganz entschieden. Weitere
Höhepunkte des Werkes stellen der ergreifende
Trauermarsch und der darauf folgende Chor:
„Das Opfer ist geschmücket,
Der S:ahl ist gezücket;
Sulima, du mußt sterben.
Du so schön und gut!
Und dein junges Blut
Muß die Schwelle des Tempels färben!
Leiser töne die Klage,
Leiser an ihrem Grab,
Und das Lied, es sage,
Der Blumen schönste .'.el hier ab!"