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A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit.
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Zweck habe ich Bücher aus allen Gebieten der
Wissenschaft angekauft, manches in zwei oder drei
Exemplaren . .
Da er auf seine Bibliothek zu sprechen kommt,
wird der etwas trockene und pedantische Gelehrte
förmlich poetisch: „Mein Sohn! Die Bücher sollen
deine unzertrennlichen Gefährten sein. Der Bibliothek¬
saal soll dir Garten und Park ersetzen. In diesem
Garten lustwandelnd pflücke Blumen und sammle
Früchte . . Hier folgt eine Keihe trefflicher
Ratschläge betreffend die Oekonomie der für das
Studium der Wissenschaften zu verwendenden Zeit,
betreffend die Anordnung und Katalogisierung der
Bücher und die Instandhaltung der Bibliothek . . .
„Leihe deine Bücher allen denen, die keine eigenen
besitzen, aber gib kein Buch aus dem Zimmer,
bevor du es in die Liste der ausgeliehenen ein¬
getragen hast. . . Die Bücher, das ist dein kost¬
barster Schatz . . . Die Bücherschränke müssen
schön und mit schönen Vorhängen versehen sein ..."
Bei diesem steigenden Bedürfnisse nach Büchern
ist es kein Wunder, dass der Buchhandel unter
den Juden sich immer mehr entwickelte. Schon
der Dichter Immanuel, ein Zeitgenosse, vielleicht
ein persönlicher Freund Dantes, erzählt von dem
Buchhändler Aharou, der aus Toledo nach Rom
180 hebräische Handschriften brachte, von denen
der grösste Teil ihm unterwegs, in Perugia, von
Liebhabern abgekauft wurde. In späteren Jahr¬
hunderten hat der jüdische Buchhandel - immer
KAETHE MÜENZER. OELGEMAELDE.
Frau aus der Bretagne.
grössere Dimensionen angenommen. Benjamin Seev
aus Arta (Morea) im 16. Jahrhundert erzählt, dass
in seinem Heimatlande zahlreiche jüdische Buch¬
händler wohnen.
Bei dieser grossen Anhänglichkeit der Juden
an ihre Bücher ist es nur zu begreiflich, dass es
im Mittelalter den jüdischen Büchern nicht besser
erging als ihren Besitzern. Konnte man die Juden
beim besten. Willen nicht ausrotten, so versuchte
man wenigstens, ihre Lieblinge zu vernichten, wohl
wissend, dass man jene durch nichts so hart treffen
kann. Im Jahre 1230 befahl Papst Gregor XL,
alle jüdischen Bücher, die Bibel ausgenommen, zu
verbrennen. Diesem Beispiel folgte Ludwig der
Heilige in Frankreich im Jahre 1240, die Päpste
lnnocenz IV. 1244, Johann XXII. 1320, Bene¬
dict XIII. 1415. Im Jahre 1286 befahl Papst
Honorius IV. dem Bischof von Canterbury, allen
englischen Juden ihre Bücher abzunehmen und den
Flammen zu überliefern. Julius III. verordnete im
Jahre 1553, just am Laubhüttenfeste den Juden
der italienischen Städte die Bücher zu konfiszieren
und zu verbrennen. Diesem Edikt sind zahlreiche
literarische Schätze zum Opfer gefallen. Der
„schreckliche Tag" der Verbrennung blieb den
Juden noch lange im Gedächtnisse hafften.
Abraham Menachem Kohen Rapa aus Venedig, einer
der Vorfahren der später nach Polen ausgewanderten
und zur Berühmtheit gelangten Familie Rapoport,
schildert in seinem Buche „Minchah ^Belulah"
(Verona 1594) das furchtbare Ereignis, zu dessen
Erinnerung er an jedem Jahrestag sein ganzes
Leben lang fastete. Da die Juden — erzählt uns
der Verfasser weiter — infolge der Vernichtung
des Talmud sich der traditionellen Lehre beraubt
sahen, fingen sie an, der Mystik zuzuströmen und
versanken immer mehr in Aberglauben. Derselbe
Verfasser zeichnete sich durch ein phänomenales
Gedächtnis aus und konnte dem Herausgeber des
Jalkut Schimeoni Mei'r Pring die Quellen aller in
diesem Werke vorkommenden Zitate aus dem
Talmud angeben. Mit dem Verbrennen des Talmud
war dieser also noch lange nicht tot gemacht.
Uebrigens musste die Totmachung dieses Buches
immer von neuem vorgenommen werden. Papst
Paul IV. beti aute mit dieser Arbeit das Inquisitions¬
tribunal, welches 1559 zu Krenona an die zehn¬
tausend Bände auf den Scheiterhaufen schleppte.
Das Vernichtungswerk wurde fortgesetzt von
Pius V. 1566, Clemens VIII. 1592 und 1594.
Die jüdischen Bücher erlitten das Schicksal der
Juden. In Deutschland brandschatzte Rupprecht II.
die Juden im Jahre 1391 und verjagte sie dann;
die geraubten Bücher schenkte er der fünf Jahre
vorher gegründeten Universität zu Heidelberg, die
aber alle, bis auf ein Talmudexemplar, wieder ver¬
kaufte. David Kalonymos, in Neapel, der aus
Spanien stammte, erzählte 1506, wie in seinem
Heimatlande und in Portugal oftmals eine Razzia
nach der andern auf jüdische Bücher veranstaltet
wurde, wobei der grösste Teil von ihnen unwieder¬
bringlich vernichtet wurde. Josef Hakkohen aus Avig-