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Dr. J. Niemirower-Jassy: Rebb Mosche Äphikomon und der Prophet Eliahu.
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Rebb Mosche, der sich ehrfürchtig von seinem
Platz erhebt, antwortet: Eliahu hanowi! Er kam wie
der Rabbi versprochen, als Soldat gekleidet.
Er war ein Soldat des Königs der Könige, bemerkt
einer der Gäste.
Rebb Mosche erzählt weiter in Aufregung:
Yon einer Geschäftsreise heimgekehrt, sprach ich
mit meiner guten Etel. Da öffnete sich plötzlich die
Türe; auf der Schwelle stand ein jüdischer Soldat, der
schreiend fragte: Wohnt hier ein Jude?
Du siehst doch die Mesusa an der Türe, antwortete
ch. Ach was! meinte er; in vielen Häusern mit
grossen Mesusoth wohnen sehr kleine Juden, und in
der Kaserne, in der keine Mesusa steht, dient man
auch Gott.
Was willst du? fragte ich ihn.
„Essen und Nachtlager, weil ich aus weiter Ferne
komme. u
Aus weiter Perne! Ueberall, wo Juden sind, ist
: uch er, meint einer der Anwesenden.
Meine Etel sagte ihm, dass sie für ihn bloss Brot
:nd Butter habe, da sie nur ein wenig Suppe und
Heisch für mich zurückgelassen. Er aber erwiderte:
„Ich arbeite mehr als Ihr Mann und mir kommt
das bessere Essen."
Meine gute Etel wollte ihn anschreien, hatte jedoch
mt ihm Mitleid.
Welches Glück! rufen die Gäste.
Wasch dir die Hände, damit du essen kannst,
sagte ihm Etel, er aber antwortete: Ich werde sie mir
eschen, aber ich bin nicht Rebb, nicht Row, nicht
• iabbe und nicht Stadt versorger; meine Hände haben
tiemdes Geld nicht berührt!
Wer und woher bist du? fragte ich ihn. Er ant¬
wortete barsch: Zuerst gib Essen und dann stell Fragen!
Nachdem ihm Etel das Essen gereicht, ging ich mit ihr
: ein anderes Zimmer, um unser durch die Ankunft
d;-.s heiligen, wunderbaren Soldaten unterbrochenes Ge-
•räch über meine Geschäftsreise fortzusetzen. Als wir
v iederkamen, war der merkwürdige Soldat eingeschlafen.
v 'ir wollten ihn nicht stören und kehrten in das andere
■ immer zurück. Als wir nach einer Stunde wieder-
i.amen, war der göttliche Soldat verschwunden!"
„Er bestieg wieder den Himmel!" — „Hatte er
i3 Essen verzehrt?" — Sicherlich haben Sie die Türe
schlössen, und er konnte dennoch das Zimmer ver¬
bissen" — rufen bunt durcheinander die Gäste.
Rebb Mosche spricht: In diesem heiligen Zimmer,
■'ttf diesem heiligen Tisch hat Eliahu hanowi die heiligen
■ peisen meiner guten Etel gegessen. Mein Siddur, aus
? elchem ich bete und das immer auf dem Tische liegt,
hat der himmlische Gast in der Hand gehabt. Zwei
i>lättchen hat er „verbogen".
Welche? Welche? fragen neugierig die Gäste.
Rebb Mosche hebt das Siddur in die Höhe und
sagt: Schaut, Kinderl
Alle Anwesenden schauen ehrfurchtsvoll, küssen
leidenschaftlich das Gebetbuch und rufen: Noch jetzt
sieht man es, das erste verbogene Blatt enthält das
Lied vom Sabbatausgang „Eliahu hanowi, Eliahu hanowi."
„Deswegen singt Rebb Mosche mit solchem Feuer
Eliahu hanowi. Deswegen gibt man uns hier an jedem
Sabbatausgang einen siedenden, neugekochten „Barsch."
„Das zweite verborgene Blättchen ist aus der
Hagada, vom Äphikomon! gerade so wie der Rabbi
versprochen:"
Juden! Brüder! Kinder! fährt Rebb Mosche fort;
nachdem der heilige Soldat verschwunden war und ich
diese beiden verbogenen Blätter im Siddur gesehen,
begann ich zu lachen und zu weinen, zu tanzen und
zu zittern, ich schrie: Etelleben! wir haben den
Propheten Eliahu gesehen! Noch in jener Nacht reiste
ich mit meiner Frau zum heiligen Rabbi — sein An¬
denken bringt Segen.
Lieber, teurer Rabbi, rief ich, ich habe Eliahu
gesehen! Er war unser Gast! Ich erzählte ihm alles,
was sich ereignet hatte. Der Rabbi lachte —
sicherlich, weil er diese Geschichte von selbst kannte.
Rebb Mosche! sagte er: — Mit Stolz bemerkt Etel:
Der Rabbi, der jeden mit Du angesprochen, nannte
meinen Mann „Rebb". Ja! Ja! Rebb Mosche hat er
gesagt. —
Eliahu heilt die Kranken, speist die Armen, bringt
Trost den Trauernden und verbreitet den Frieden.
Tue auch du Gutes, hilf den Unglücklichen, damit sie
in dir einen Propheten Eliahu erblicken.
Der junge Chassid, der während der ganzen Zeit
oft zu Sima blickte, spricht: Sehr gut hat der heilige
Rabbi erklärt.
Rebb Mosche wendet sich seiner Tochter zu und
sagt: Simale 1 weil ich dem Rabbi den Äphikomon zu¬
rückgegeben, hat er meinen Gedanken erraten und mich
mit den Propheten Eliahu zusammengebracht. Weil
du mir den Äphikomon gegeben, soll dieser Bocher,
der ein „Iluj" und „Mijuches 1 **) ist — er war ein
wenig von der „Haskala"**) „angebrannt 14 , aber meine
Geschichte hat ihn gerettet — er soll dein Chossen***)
sein.
Teurer, lieber Vater, ruft Sima. —
Für mich waren Sie der Prophet Eliahu, meint
der junge Chassid. —
Eigentlich habe ich den Schidduch****) durchge¬
führt, bemerkt der anwesende Heiratsvermittler. — Masel
Tow! Masel Tow, Rebb Mosche Äphikomon! schreien
im Chor alle Chassidim.
*) Leuchte, **) Aufklärung, ***) Bräutigam, ****) Ehe¬
schliessung.