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REVUE DER REVUEN.
Wie die „Jewisli Chronicle" nach russischen Berichten
mitteilt, hat kürzlich eine Sitzung des Heiligen Synod statt¬
gefunden, dessen Beratungen hauptsächlich der Rechts¬
stellung der getauften russischen Juden
galten. In der Sitzung des Synod wurde festgestellt, dass
die Juden der russischen Mission ein dankbares Material
bieten, weil der Jude durch den Übertritt zum russischen
Glauben Staatsbürgerrechte erwirbt und sein Wohnrecht
nicht mehr durch den Ansiedlungsrayon beschränkt wird.
Der Synod beabsichtigt nun, zur Förderung der Propaganda,
die Rechte der Juden in der Weise zu erweitern, dass den
zur russischen Kirche übergetretenen Juden alle staats¬
bürgerlichen Rechte gewährt werden, darunter auch das
Recht, in den Staatsdienst zu treten. Der Synod wird bei
dem Ministerrat um eine Verbesserung der Lage der ge¬
tauften Juden in dem Sinne petitionieren, dass sie der recht¬
gläubigen Bevölkerung in allen Stücken gleichgestellt werden
sollen. Es wurden dann noch eine Reihe weiterer Begünsti¬
gungen für getaufte Juden bewilligt.
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Die Parlamentswahlkämpfe in Italien
waren heftig, wie immer. Unter den Gewählten befinden
sich einige Juden, die ihre Mandate auch diesmal behauptet
haben. Der Justizminister hat einige Ernennungen voll¬
zogen, die in Italien nicht geringes Aufsehen hervorriefen.
So wurde der Präsident des Appellationssenates von Mo-
dena, Cavaliere Cesare, zum Oberstaatsanwalt in Bologna
ernannt, während sein bisheriges Amt dem Signor Jena
verliehen wurde. Beide haben in verhältnismässig jungen
Jahren diese hohen Stellungen erreicht und beide sind gute
J uden.
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Ein ergötzliches Geschichtchen finden wir in
der „Selbstwehr". In Wien tagte eine Baukommission, an der
auch der antisemitische Bezirks Vorsteher Pelikan und ein Ge¬
schäftsmann namens Kohn teilnahmen, der zu den Anrainern
des zu prüfenden Baugrundes gehörte. Als Herr Kohn sich
zu einer Bemerkung meldete, trat Herr Pelikan auf ihn zu
und sagte spöttisch: „Herr Kohn, Ihrem Namen nach
scheinen Sie ein Jude zu sein? . . .", worauf Herr Kohn
prompt erwiderte: „Herr Pelikan, Sie seheinen Ihrem
Namen nach ein Vieh zu sein!" ... Die aus lauter anti¬
semitischen Grössen zusammengesetzte Kommission musste
in dem allgemeinen Gelächter ihre Sitzung unterbrechen,
der Pelikan aber lief zum Kadi. ...
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In der letzten Sitzung der „Akademie der In -
Schriften zu Paris" wurde Theodor Reinach mit
23 Stimmen gegen Fournier, auf den nur 21 Stimmen ent¬
fielen, zum Mitgliede gewählt. Es gehören nunmehr der
Gesamtakademie (Institut de France) zehn Juden an: vier,
Michel Breal, Salomon Reinach, Theodor Reinach und Henry
Weü, der Akademie der Inschriften; drei, Michel Levy,
Moritz Levy und Gabriel Lippmann, der Akademie der
Wissenschaften; zwei, ^yon-Caeu und Bergson, der Aka¬
demie der moralischen und politischen Wissenschaften;
einer, Baron Edmund von Rothschild, der Akademie der
schönen Künste.
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Das Newyorker Ghetto, das schon seit langem
eine polyglotte, u. a. des Jargons kundige Polizei besitzt,
wird jetzt auch weibliche Schutzleute erhalten. Sie sind be¬
rufen, der Verwahrlosung der Ghettojugend zu steuern,
die, sich selbst überlassen. Schule und Synagoge vergisst.
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In organisatorischer Beziehung standen die Newyorker
Judengemeinden bisher immer allen voran. Seit einigen
Wochen aber ist ein grosses Werk zu Ende geführt worden:
die Newyorker jüdische Grossgemeinde,
Nachdruck verboten.
bisher erdacht und erstrebt, ist jetzt fertige Tatsache. Der
Zweck der jüdischen Grossgemeinde von Newyork soll sein, die
Interessen des Judentums in Newyork zu fördern und die
Juden der Stadt unter Beachtung aller lokalen Angelegen¬
heiten, die jüdisches Interesse tangieren, zu repräsentieren.
Die Organisation darf sich nicht in irgendeine politische
Propaganda einlassen; auch darf sie der Selbstverwaltung
einer bestehenden Organisation keinen Eintrag tun. Die neu«
Organisation stellt die erste wesentliche Zusammenfassung
der fast eine Million Seelen zählenden Newyorker Judenheit
dar und wird von der amerikanischen Presse freudigst be
grüsst.
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In Brasilien wird demnächst die Wahl des Bun¬
despräsidenten vollzogen werden. Als aussieht^
reichster Kandidat gilt der Abkömmling einer deutscher
Judenfamilie, David Moritzsohn Campista, ein Mann in jungen
Jahren. Er wurde von Alfonso Penna, dem jetzigen Bundes¬
präsidenten, zu seinem Nachfolger erkoren. Moritzsohr
Campista hat eine unglaublich schnelle Karriere gemacht. Ei !
begann «eine Laufbahn als Rechtspraktikant, wurde dann Koni
missär für Einwanderung, später Kabinetssekretär, Bundes
deputierter, und ist seit zwei Jahren Finanzminister de
brasilianischen Republik. Bisher ging alles glatt für ihn.
Jetzt aber macht sich eine Agitation geltend, deren Trägt!
die Bevölkerung warnen, einen „deutschen Juden zur.:
Präsidenten zu wählen ..."
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In der Wiener Jahresausstellung für 1909, die iui
Beisein des Kaisers eröffnet wurde, haben auch j ü d i s c b ,4
Künstler ausgestellt. Jehuda Epstein brilliert mit einer
„Italienischen Nachtszene", David Kohn zeigt in bekannt ;
Meisterschaft Rötel- und Kreidezeichnungen. Frau Rose \,-
thal-Hatschek und Leopold Horewitz überraschen dur<.-Ii j
fein gearbeitete Damenporträts, Rudolf Quittners geistvoll j j
„Boulevard in Paris" wird allgemein bewundert. Zu de n
Besten gehört auch ein Porträt des Hof Schauspielers Adeif
v. Sonnenthal, das Laszlo ausstellt. Der Kaiser zeichne e
die anwesenden, jüdischen Künstler mit Ansprachen aus us 1
kargte nicht mit Lob.
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Einer der angesehensten und erfolgreichsten Wien r
Baukünstler war Oskar Marmorek, der jüngstv r-
storbene Architekt, dessen Arbeiten und Entwürfe wiec!
holt mit ersten Preisen ausgezeichnet wurden. Die gesamte
österreichische Presse widmet dem Hinscheiden Marmore
längere Artikel und beklagt diesen Verlust für die östt >
reichische Baukunst. Marmorek hatte zu Lebzeiten Hei s
auch in der zionistischen Partei eine führende Stellung inn M
doch konnte er sich, wie viele andere, mit dem „neuen Kur
des Zionismus der letzten Jahre nicht befreunden und sch•■■■'l
aus der Partei, wobei es an Angriffen auf seine Pers'-n
nicht fehlte. Oskar Marmorek genoss als Baukünsi r
grossen Ruf, aber auch sein gedeihliches Wirken als Mit gl' 'l
im Kultusvorstand sichert ihm ein gutes Angedenken.
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Der finische Senat hat endlich den längst angeki t-
digten Entwurf bezüglich der Judenrech-e
fertiggestellt. Gemäss diesem Entwurf sollen alle Jude i.
die in Finland geboren, bzw. dort über zehn Jahre wo ; •
haft sind, völlige Gleichberechtigung erhalten. Dage: 11
sollen fremde Juden bestimmten Beschränkungen ausgeseift
sein, wonach die Dauer des Aufenthaltes je nach Dorf- odor
Stadtgebiet verschieden ist. Dieser Entwurf entsprieß
zwar nicht im entferntesten den Grundsätzen der Gerechtig¬
keit, dürfte aber trotzdem noch verschlechtert werden, da
gesetzmässig das russische Ministerkomitee über Durchfüh¬
rung oder Ablehnung des Gesetzes zu entscheiden hat. I nti
da wird sich wieder einmal zeigen, wie sehr F»nland zu
Russland gehört.