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SONNENTHAL
Von Max Schacherl.
Ein Charakter
handle und spreche
nie über seine Welt
hinaus; aber für das,
was in seiner Welt
möglich ist, finde er
die reinste Form und
den edelsten Ausdruck.
Hebbel.
Sonnenthal!... Nicht
Erinnerungen sind es, die
der Name weckt. Nicht
ein Zurückdenken an
Stunden höchsten, edel¬
sten Genusses; frisch und
unverwelkbar leben diese
Stunden in uns fort,
steht er selbst vor uns,
klingt seine volle, weiche
Stimme an unser Ohr.
Als wäre es gegenwärtig,
so können wir es noch
empfinden, so können
Sonnenthal als „Wilhelm Teil".
Adolf von Sonnenthal.
als müsste der schwere
Vorhang sich wiederheben,
als müsste Sonnenthal
Nathan wieder erscheinen
und froh und freudig rufen:
„Da bin ich wieder, liebe
Kinder! . . . Nein, ge¬
denken wir seiner, so ist
keiner von uns älter ge¬
worden, der Greis und der
Jüngling, das junge Mäd¬
chen und die alternde Frau
— dieselben sind sie, er¬
innern sie sich der Abende
im Burgtheater. Wie ein
geheimes, lockendes Wer¬
ben war sein Spiel, war
die bestrickende Melodie
seiner Stimme. Es war,
als spiele er nicht für
alle, sondern für jeden
besonders. Wenn er von
dem kühnen, heissen Stre¬
ben junger Liebe sang,
des Lebens reinste Freude
und unendlichstes Leid
Nachdruck verboten.
wir's noch iühlen. Er
ist nicht mehr. Aber
„Nathan" ist geblieben
und „König Lear", der
„Wallenstein", und mit'
ihnen alF die gebroche¬
nen Helden und unge¬
brochenen Charaktere,
denen er sein volles,
heisses Leben gegeben.
Nun hat er, der so oft
die Tragödie des Sterbens
gespielt, dem Spiel ein
Ende gemacht. Sein
Stück ist aus, der Vor¬
hang fällt. Aber noch
immer will die Menge
nicht weichen und blickt
auf jene Bretter, die er
zu einer Welt gewandelt,
die ihm die Welt schlecht¬
hin bedeuteten. Es ist,
Sonnenthal als „Nathan der Weise"