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Felix Halle: Ueber die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien.
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Ein so umfangreiches Werk wie eine Genealogie
angesehener jüdischer Hänser ist nicht mit einem Male
nnd nicht gleich vollkommen herzustellen. Yerlag und
Heraasgeber sind auf die Mitarbeit und Unterstützung
der beteiligten Familien, Stiftungsverwaltungen wie der
Staats- und der Gemeindebehörden angewiesen. Darum
müssen die betreffenden Familien, Verwaltungen und
Behörden von dem Werte eines solchen Werkes über¬
zeugt und Vorurteile und Gleichgültigkeit gegen das
Unternehmen überwunden werden.
Eine Genealogie jüdischer Familien ist nötig, um
die Fabel von der Minderwertigkeit, einseitigen
Begabung und Betätignng der Semiten zu widerlegen;
sie muss geschaffen werden, als Nachschlagewerk für die
lebenden und kommenden und als pietätvolles Denkmal
für die vor auf gegangenen Generationen.
Bemerkungen der Redaktion.
Die Idee der Schaffung einer Genealogie jüdischer
Familien ist sicherlich eine gesunde und bedarf gar
nicht erst einer Art Entschuldigung gegenüber den
Ideen der Emanzipation einerseits uud des freiheitlichen
Individualismus andererseits. Was speziell den letzteren
betrifft, ist man heute über die Freiheit und Gleich¬
heit der blossen Phrase denn doch schon heraus. Man
weiss die Bedeutung der Zucht zu würdigen. Man
weiss, dass Familien entarten und sich erschöpfen, aber
auch, dass sie Kräfte sammeln und liefern.
Sehr gut führt der Antragsteller einen Teil der
jüdischen Erfolge im sozialen, ökonomischen und geistigen
Leben darauf zurück, dass die Juden eben niemals die
Emporkömmlinge waren, für die sie das nichtorientierte
und unfreundliche Auge der anderen hält. Und seine
Annahme, dass eine genaue und gründliche Genealogie
den Angriffen der Judenfeinde und der sonstigen Vor¬
urteilsvollen gegenüber die alte innere Kultur feststellen
wird, ist gewiss richtig.
Nichtsdestoweniger möchten wir uns von der apo¬
logetischen Wirkung der vorgeschlagenen Genealogie
nicht zuviel versprechen. Wenigstens noch auf lange
Zeit hinaus nicht. Das Vorbeiraten an dem Können
und den Leistungen der Joden ist zu tief eingewurzelt,
um sich auch von den trefflichsten Familiengeschichten
entwurzeln zu lassen. Der Drang, uns schlecht zu
finden, wird auch die genealogischen Ergebnisse so zu
kommentieren wissen, wie es ihm passt
Gegen das Motiv der Pietät ist natürlich nichts
einzuwenden. Auch der praktische Nutzen für Stiftungen
in der Richtung des Yerwandtschaftsn ach weises ist nicht
abzuleugnen. Doch sind diese Momente sicherlich nicht
von besonderer Bedeutung. Viel wichtiger ist die vor¬
aussichtliche moralisch-pädagogische Wirkung auf die
Jugend der berücksichtigten Familien. Denn das ist es
ja, was heute den Juden so oft des Halts beraubt, in
weiterer Konsequenz auch die Allüren des Empor¬
kömmlings gibt, obwohl er der älteste Adelige in Europa
ist: Dass er das Gefühl hat, von Eltern und Ureltern
zu stammen, deren er sich zu schämen braucht. Und
diesem Gefühl könnte eine gute jüdische Genealogie in
hervorragendem Masse entgegenarbeiten helfen. Deshalb
vornehmlich muss sie angestrebt w r erden. ~:
Das von dem Verfasser entworfene, sonst ga»z
vortreffliche Programm erfordert einige Aenderungen
bezw. Ergänzungen. Da ist vor allem die etwas,
zu ausgedehnte Rücksichtnahme auf deutsches Gebiet.
Wohl ist in einem paragraphenweise geordneten Resume,
das der Verfasser gleichzeitig mit der hier abgedruckten
Anregung der Redaktion überreichte, auch ein Teil
für das Ausland reserviert. Aber dieser Teil ist offen¬
bar als im Umfange beschränkter und nur an jene
Familien ist dabei gedacht, die ... . „nicht nur in
ihrem Vaterlande bekannt sind." Das will anscheinend
heissen, dass für die Auswahl der Familien im jüdischen
Ausland nicht eine kritische Orientierung an Ort und
Stelle, sondern der vage Ruf massgebend sein soll, der
von ausländischen jüdischen Familien mit Recht oder
Unrecht bis nach Deutschland gedrungen ist. Man
denke sich, dieselbe Methode auf das jüdische Deutsch¬
land übertragen, und man wird fühlen, wie verfehlt sie
ist. Entweder man berücksichtigt das ausländische
Judentum gar nicht — und das ist bei dem Zahlen¬
verhältnisse, aber auch bei der Einflussverteilung sowie
den starken verwandtschaftlichen und geistigen Bezieh¬
ungen zwischen den deutschen und den anderen Juden
auf die Dauer untunlich — oder man tut ganze Arbeit,
d. h. erstreckt sie mit gleicher Genauigkeit auch auf
die übrigen jüdischen Gruppen. Gewiss würde in
diesem zweiten Fall der Apparat ein schwerfälligerer
werden, aber es wird auch etwas dabei herauskommen.
Vom rein buchhändlerischen bezw. Verlegerstandpunkt
betrachtet, würde das Unternehmen komplizierter und
teuerer, aber auch grosszügiger und aussichtsvoller.
Ebenso wie der Verfasser das von ihm angeregte
Werk örtlich etwas zu viel auf Deutschland eingestellt
wissen will, genau so will er es ganz besonders der
Feststellung jener Familien widmen, die in ökonomischer
Beziehung und etwa auch durch wohltätige Stiftungen
hervorragen. Nun kann man ja die Bedeutung dieser
Familien im Gesamtaufbau der Judenzeit nach Gebühr
würdigen und doch vor einer Ueberschätzung warnen.
Und dies ebensowohl mit Rücksicht auf die Wirkungen
nach aussen als nach innen. Um die ökonomische
Tüchtigkeit, speziell auch der deutschen Juden, anzu¬
spornen, braucht man doch sicherlich nicht erst auf die
Leistungen der Vorfahren hinzuweisen. Davon ist ja
auch in der heutigen Generation genügend vorhanden.
Und auch im Stiftungswesen sind sie noch nicht zurück¬
geblieben. Freilich auch nicht, was geistige Arbeit
betrifft, so weit sie sich nicht auf Judentum bezieht.
Dagegen über die Grosstaten ihrer Vorfahren auf dem
besonderen jüdisch-geistigen Gebiete hätte die heutige
jüdische Jugend es doch wahrlich nötig genug, ein
wenig aufgeklärt zu werden. Und wiederum nach
aussen? Dass wir ein Handelsvolk sind und viele von
uns unter widrigen Verhältnissen reich oder wohlhabend
geworden sind, glaubt man uns ohnehin. Dass dabei
Fleiss, Solidität und andere Bürgertugenden mitgewirkt
haben, davon werden wir die Antisemiten nicht über¬
zeugen, — auch wenn dies in einer Genealogie besser,
als es wirklich möglich ist, zur Anschauung gebracht
werden könnte. Und unter den Halbantisemiten, wenn
dieser Ausdruck erlaubt ist, hat man denn doch schon