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Binjamiu Segel : Geld und Gott .
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was die hochwürdigen Patres dir sagen , sollst du
glauben , aber eins merke dir stets und lass es dir nicht
ausreden : „ Du hast keinen andern Gott , als diesen
da ! " Man darf wohl getrost behaupten , dass ein
jüdischer Vater , auch wenn er nicht so fromm war ,
seinen Solin unter geistlicher Obhut erziehen zu lassen ,
noch nie zu seinem Kinde ein solches Wort gesprochen
hat . Aber das tut nichts zur Sache . Umgekehrt , es
kann uns als einen Beweis mehr dienen , dass Amerika
. . . ein echtes Judenland ist .
Denn der Herr Prof . Sombart doziert folgendes :
„ Das ganze ( jüdische ) Religionssystem ist im Grunde
nichts weiter als ein Vertrag zwischen Jahweh " ( wer ist
dieser Herr ? ) „ und seinem auserwählten Volke : ein
Vertrag mit allen obligatorischen Konsequenzen , die
ein Vertragsverhältnis mit sich bringt . Gott ver¬
spricht etwas und gibt etwas , und die Gerechten
haben ihm dafür eine Gegenleistung zu machen . "
Dieser Kernsatz und das ganze Kapitel , dem er
entnommen ist , enthält lauter Ansichten , wie sie die
protestantische „ wissenschaftliche ' ' Theologie als Wesen
des Judentums ausgibt , nur in eine etwas weltlichere ,
weniger gottselige und salbungsvolle Sprache übersetzt .
Ich bin leider von jeder spezifisch - theologischen Denk -
und Empfindungsweise so fern als möglich . Aber
auch als ganz gemeiner Sterblicher , als gewöhnlicher ,
titelloser , ungelehrter Mensch habe ich das Recht ,
mit meinem ganz gemeinen Menschenverstand die
Behauptungen der Herren Gelehrten von dem , was
ich seit meiner Kindheit als meine Religion bekenne ,
und was mir meine Väter seit 3000 Jahren üb erlief ert
haben , zu untersuchen . Und von diesem Rechte will
ich Gebrauch machen .
Wie einer ist , so erscheint ihm das , was er in der
Welt sieht , sagt das Sprichwort . Wir Juden sagten
stets : Gott hat mit uns einen Bund ( berith ) geschlossen .
Das sollte gewiss ausdrücken , dass der Mensch Gott
freiwillig anerkennt und sich seinem Willen und seiner
Führung vertrauensvoll unterwirft . Mag ein Philo¬
soph , ein Psychologe das als eine Illusion , eine Selbst¬
täuschung des religiösen Bewusstseins auffassen . Aber
was für grobe , nuancenlose Augen gehören dazu ,
in einem Bunde nichts weiter als einen Vertrag auf dem
Grundsatz do ut des zu sehen ? Ist ein Bund kündbar
wie ein Vertrag ? Haben wir Juden auch jemals unsere
Bibeln weggeworfen , gleich wie es die Buren getan ,
als sie von den Engländern endgültig niedergerungen
waren — die Buren , ein so hochzivilisiertes , so tief
frommes , christliches Volk ? Möge doch unsere ganze
Gebetsliteratur vor aller Welt Zeugnis ablegen , vom
vierundvierzigsten Psalm , dem klassischen Märtyrer¬
psalm angefangen , bis zu dem letzten „ Selichoth " ' .
Dieser Name „ Selichoth " für die Lieder und Gebete
an den Gedenktagen blutiger Verfolgungen und grau¬
samer Ausrottungen ist selber bezeichnend genug
und spricht mehr als dicke Geschichtsbände . Wenn
die Kreuzzüge ganze jüdische Gemeinden in ihrem
Blute ersäuft hatten , — und so oft und wo immer
in der Welt sich das wiederholte — warfen unsere
Vorfahren nicht ihre Bibeln fort und . kündigten ihrem
Gott nicht den „ Vertrag " , sondern sie versammelten
sich und beteten zu ihm , dass er ihnen ihre . Sünden
vergebe . Ihre Sünden ! Denn es war klar für sie ,
dass sie wohl gesündigt haben müssen , da er Unge¬
mach über sie geschickt hatte .
Und da wir gerade bei den Gebeten der Juden
sind , so nmss auch eine andere Seite der Sache berührt
werden . Der Bund zwischen Gott und Israel wird
häufig , und zwar vornehmlich , als ein Liebesbund ,
als ein Ehebund aufgefasst , und zwar von den ältesten
Zeiten der Propheten bis auf die heutigen . Es sei
nur an den einen ergreifenden Vers erinnert : „ Ich
gedenke dir deiner jugendlichen Liebe , deiner bräut¬
lichen Hingabe , da du mir folgtest durch die Wüste ,
LEO BÄK ST . PA R I S -
Syrischer Jude .