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Friedensziele der Juden.
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FRIEDENSZIELE DER JUDEN.
Von B. W. Segel.
III
Wenn im Jahre 1821 ein russischer Staatsmann
auf die Idee kam, die jüdischen Palästinapilger
könnten die Türkei gegen Rußland aufwiegeln,
so finden wir einige Jahre später einen umge¬
kehrten Gedankengang. Der russische Konsul in
Akko (St. Jean d' Acre), Antonio Kalliphagi, fing
um das Jahr 1825 urplötzlich an, sich der Juden
in Galiläa mit auffälligem Eifer anzunehmen. In
Safed, Tiberias und anderen Ortschaften bestanden
kleine, sehr arme Gemeinden, gegründet von Pil¬
gern überwiegend aus Polen und Litauen, die
von der „Chalukka" und anderen aus der Heimat
zufließenden Almosen lebten. Sie litten viel Not
und der Pascha von Akko bedrängte sie häufig.
In dem genannten russischen Konsul erwuchs
ihnen ein Fürsprech und Beschützer; er lieh ihnen
sogar Geld, und auch für die kleine verwandte Ge¬
meinde, die 1812 in Jerusalem gegründet worden
war, verwendete er sich bei den Behörden und
bei einflußreichen Privatpersonen. Als die Juden
von Palästina wieder einmal, wie dies in früherer
Zeit oft geschah, Abgesandte nach Polen und
Litauen schickten, um Unterstützungsgelder und
Almosen zu sammeln, verkündeten sie das Lob des
russischen Wohltäters, und die Juden von Wilna
schickten ihm einen warmen Dankbrief nebst ei¬
nem schwungvollen hebräischen Gedicht, verfaßt
von dem berühmten Adam Lebensohn (siehe seine
„Schire Sephath kodesch" I S. 166—9). Diese auf¬
fällige Anteilnahme des russischen Diplomaten an
dem Schicksal der palästinensischen Juden, die in
einem schroffen Gegensatz stand zu der Behand¬
lung, die man ihnen in der Heimat angedeihen
ließ, erscheint uns im rechten Lichte, wenn wir
bedenken, daß Rußland damals heimlich zu einem
Krieg gegen die Pforte rüstete. Davon hatten na¬
türlich die armen Menschen in Safed und Jerusa¬
lem ebensowenig eine Ahnung, wie ihre Glaubens¬
genossen in Wilna. Es konnte den Russen nicht
schaden, auf alle Fälle durch kleine Geldunter¬
stützungen und gute Worte sich unter den Juden
in Palästina Freunde zu machen. Möglich, daß
der Gedanke hierzu mittelbar durch die so ridiküle
Affaire des Salomon Plonski eingegeben wurde.
Jedenfalls hat die freundschaftliche Anbiederung
vonseiten einer mit der Türkei kriegführenden
Macht diesmal für die Juden in Palästina keine
schlimmen Folgen gehabt. Anders im Jahre 1798,
als Napoleon seinen Zug nach Aegypten und Sy¬
rien unternahm. Die erste französische Republik
hatte die Menschenrechte verkündet und die Juden
emanzipiert. Dadurch hatte sie sozusagen ein An¬
recht auf die Dankbarkeit aller Juden der Welt er¬
worben, sogar der palästinensischen, obgleich 1 (diesen
alle Revolution und Emanzipation und alles, was
damit zusammenhing, ein Greuel war. Dem napo¬
leonischen Heer ging der geschickt verbreitete Ruf
voraus, daß alle geknechteten und verfolgten Men¬
schenklassen, darunter natürlich die Juden, sehn¬
süchtig darauf harrten, von ihm befreit zu werden.
Unter der mohammedanischen Bevölkerung von
Jerusalem verbreitete sich die Ueberzeugung, die
Juden stünden in heimlicher Verbindung mit dem
heranrückenden Feinde und trieben Spionage in
seinem Interesse. Ein den Juden freundlich ge¬
sinnter Türke setzte den Chacham Baschi Rabbi
Jörn tob Algazi und seinen Stellvertreter Rabbi
Mordechaj Josef Mejuchas in Kenntnis, daß es
beschlossene Sache war, sobald Jerusalem belagert
würde, alle Juden niederzumetzeln. Die beiden
Rabbiner ergriffen Gegenmaßregeln, sie forderten
sämtliche Juden der Stadt auf, sich zu einem Gebet
vor der Tempelmauer zu versammeln, um den
Schutz des Himmels gegen den Feind herabzu-
flehen; nach dem Gottesdienst unterbreiteten sie
der Militärverwaltung einen Plan, die Festungs¬
werke auszubessern, Schanzen aufzuschütten und
außen einen neuen Graben auszuwerfen. Alle er¬
wachsenen Juden beteiligten sich an der Arbeit un¬
ter Anführung des Chacham Baschi und seines
Vertreters, die selber Hand anlegten. Die Moham¬
medaner konnten keinen besseren Beweis für die
Grundlosigkeit der Beschuldigung gegen die Juden
haben. 'Und da sie überdies stets von einler ehrfürch¬
tigen Scheu für deren Gebet vor dem Allerheiligsten
erfüllt waren, so schrieben sie es seiner Wirkung
zu, daß; Napoleon dicht vor den Toren Jerusa¬
lems den Rückzug antrat. Wenig fehlte jedoch
und die Juden von Jerusalem hätten es mit ihrem
Blute bezahlt, daß ihre Glaubensgenossen im
fernen Westen eine Weile von der Gunst der
französischen Revolution beschienen wurden.
(Diese Begebenheiten sind verzeichnet in dem
heb. Jahrbuch „Jerusalem" von A. M. Luncz, 1905,
S. 198 u. 208.)