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Vom Kriegsschauplatz des Geistes
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Nachkommen der berühmtesten jüdischen Familie Su¬
rinams existieren noch in Paramaribo und schreiben sich
„Nassy", oder Cohen Nassy". Das Wort Nassy selbst
bedeutet soviel wie Fürst. 4 )
Im Laufe des 17. Jahrhunderts verloren aber
die Spanier nicht nur die holländischen Inseln unter
dem Winde, sondern sämtliche Kleinen Antillen wurden
von anderen Völkern, Franzosen, Engländern, Schweden
und Dänen besetzt, ferner mußte die kastilianische
Krone von den großen Inseln das halbe Haiti an die
FYanzosen und 1650 ganz Jamaica an die Engländer
4 ) Die Mitteilungen über Guayana verdanke ich in erster
Reihe Herrn Dr. I. Querido, von 1892 bis 1896 Rabbiner der
Sephardim-Gemeinde in Paramaribo, der die Freundlichkeit
hatte, mir sehr ausführlich kurz vor seinem 1918 in Curazao
erfolgten Tode zu berichten. Auch Herr Jacob de Wilde,
Kantor der Aschkenazim-Gemeinde in Paramaribo teilte mir
viel Interessanteres mit. Nach beiden Herren existieren von
den Ruinen des Tempels und den Friedhöfen der Joeden-
savannah keine Photographien. Über Curazao berichtete mir
sehr ausführlich Herr A. D. Capriles daselbst.
Auch dem Werke „Dutch Guayana* 4 von Palgrave sind
einige Angaben entnommen.
abtreten. Auf allen diesen Besitzungen wurden die
Juden geduldet. An zwei Orten bildeten sich größere
jüdische Gemeinden, die beide den Spaniolen Surinams
ihren Ursprung verdanken.
Als die Britten letztere Kolonie den Niederländern
übergeben mußten, siedelte der schon erwähnte Gou¬
verneur Wilongby in derselben Eigenschaft nach dem
kurz vorher den Spaniern abgenommenen Jamaica über.
Ihn begleiteten eine stattliche Anzahl jüdischer Pflanzer,
um dort ebenfalls Zuckerrohr-Plantagen zu schaffen.
Sie kamen in Jamaica zu Wohlstand und Ansehen,
mischten sich aber noch stärker wie die surinamischen
Pflanzer mit Negern.
Erst später, als der Zuckerrohrbau in Verfall geriet,
wanderte eine Anzahl sephardischer Juden nach der
ebenfalls unter britischer Herrschaft stehenden Insel
Barbados aus, der östlichsten der Kleinen Antillen. Es bildete
sich auf dieser wenig umfangreichen Insel eine stattliche
Gemeinde, die ihren Tempel, Friedhof usw. besaß, und
deren Mitglieder im 17. und 18. Jahrhundert in ganz
Westindien lebhaften Handel trieben.
VOM KRIEGSSCHAUPLATZ DES GEISTES.
APOLOGETISCHE SCHRIFTEN.
I.
„Das Wesen des Antisemitismus" von Dr. Felix
Gold mann (Philo-Verlag, Berlin 1920) steht außer¬
halb der eigentlichen apologetischen oder Abwehr¬
literatur, denn es erwidert nicht auf Vorwürfe, wider¬
legt nicht Anklagen gegen die Juden, sondern
bildet eine tief bohrende sozialpsychologische Unter¬
suchung des Antisemitismus als Erscheinung des
Völkerlebens. Es sei gleich bemeikt, daß nur selten
das Problem so tief, so allseitig, von einem so hohen
und umfassenden Standpunkt gefaßt worden ist.
Durchaus objektiv, lediglich nach streng wissen¬
schaftlich-soziologischer Methode, sucht der Ver¬
fasser die treibenden Kräfte des Antisemitismus zu
verstehen und auf ihre Stärke und Haltbarkeit zu
prüfen. Ausgehend von der Annahme, daß der Anti¬
semitismus überall, wo er in die Erscheinung trat
oder tritt, latenten Dispositionen entspringt, die als
abstrakte Beweggründe in der Seele schlummern und
durch historische Vorgänge und reale Zustände ge¬
weckt werden und konkrete, greifbare Gestalt an¬
nehmen, teilt der Verfasser die Ursachen des Anti¬
semitismus in psychologische und historische.
Unter den psychologischen steht in erster Reihe die
Grundtatsache, daß die Juden eine Minderheit
bilden, sowohl als Gesamtheit wie auch innerhalb
der einzelnen Gruppierungen auf großen und kleineren
Territorien. Wo der Jude eine Majorität bildet, ge¬
schieht das nur vorübergehend und hat bloß lokale
Bedeutung. Es gibt eine eigene Psychologie der
Minderheiten, die deren Verhalten und das Verhältnis
der Majorität zu ihnen bestimmt. Die Mehrheit ist
im Bewußtsein ihrer größeren Kraft und Straflosig¬
keit geneigt, von ihrer Stärke zum Nachteil der
Minderheit Gebrauch zu machen, um sie zu ver¬
folgen und zu unterdrücken; um jedoch dieses Ver¬
halten zu rechtfertigen, suggeriert sich die Mehrheit
herabwürdigende und nachteilige Meinungen über den
sittlichen Wert der Minderheit. — Hier muß bemerkt
werden, daß man den Begriff Minderheit ausdehnen
darf. Als Minderheit wirkt nicht nur eine numerisch
schwächere Gruppe, sondern auch eine solche, die,
obwohl ziffernmäßig stärker, so gestellt ist, daß sie
der Herrschaft einer Minderheit unterwoifen ist. Wer
die militärische und administrative Gewalt in Händen
hat, fühlt sich als „Majorität". Die Lage der Minorität
wird noch prekärer, wenn sie „fremden" Ursprungs
ist, d. h. wenn sie in historischer Zeit eingewandert
ist, auch wenn diese Zeit noch so weit zurückliegt,
und wenn sie ihre Hauptmerkmale aus der Ver¬
gangenheit beibehält. Auch in diesem Falle aber ist
Macht gleich Majorität. Der fremde Eroberer hält
sich für den Erbgesessenen und die unterjochte
Majorität für den fremden Geduldeten. In der offi¬
ziellen Sprache der zaristischen Regierung hießen die
unterjochten Ukrainer, Polen, Weißrussen, Litauer,
Letten, Esthen und natürlich erst recht die Juden —
„Fremdstämmige"; für die Angelegenheiten der nicht
griechisch-orthodoxen Bekenntnisse existierte ein
Departement der „fremden Religionen". Die Preußen
behandelten die Polen in deren ureigenster Heimat
Posen als Fremdlinge. Dafür werden sie jetzt, auch
wo sie seit Jahrhunderten im Lande siedeln, von den
Polen als fremde Eindringlinge behandelt. Dasselbe
gilt von Tschechen und Deutschen in Böhmen. —
,,Ein indifferentes Gefühl wird der Minderheit gegen¬
über empfunden, wenn diese die Vertreterin einer
anderswo lokalisierten Mehrheit ist." Da dies bei
den Juden, die überall nur Minderheiten bilden, nicht
der Fall ist, wird ihnen gegenüber das Majoritäts¬
gefühl nirgends gemildert. Das Herrschervolk ist
besonders empfindlich, wenn Minoritäten auf dem
Wege stiller Kulturarbeit mit ihm in Konkurrenz zu