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Vom Kriegsschauplatz des Geistes
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Enkelsohn eines der bekanntesten hebräischen Publi¬
zisten in Rußland, des Begründers und langjährigen
Redakteurs des Petersburger „Hameliz", Alexander
Zederbaum. Martow ist im Grunde dem Grafen
Reventlow ebenso verhaßt wie Sinowjew, und unter
anderen Umständen würde er ebenso nachdrücklich
seinen früheren Namen betonen. Aber diesmal ist
Martow der Repräsentant der Menschewiki, im Ver¬
gleiche mit Sinowjew also der sympathischere, er er¬
scheint als Held und Märtyrer, und zwar einer guten
Sache. Darum wurde Graf Reventlow nicht müde,
den fetten, ,, vollgefressenen" Sinowjew Apfelbaum
zu nennen, „vergißt" aber gsrn, was er unzweifel¬
haft sehr wohl weiß, daß Martow Zederbaum
heißt. Er spekuliert da auf die Verallgemeine¬
rung. „Die Sucht nach Verallgemeinerung erregt bei
den Betroffenen das Streben nach Höchstleistungen.
Die Pflicht, sich ganz besonders auszuzeichnen, wird
zu einem sittlichen Programm der Minderheit. Jedes
Glied fühlt sich verantwortlich für das Ganze. Da
dieses Streben aber wiederum die innere Kraft der
Gemeinschaft verstärkt, ihr Selbstbewußtsein und
ihren tatsächlichen Wert hebt, wirkt sie auf andere
Quellen des Fremdenhasses verstärkend." Es handelt
sich, wie man sieht, bei den psychologischen Pro¬
zessen, die den Judenhaß formen, nicht um spezi¬
fisch Jüdisches an sich. „Gewiß sind nicht alle
von gleicher Verbreitung und gleicher Tiefe. Überall
und immer wirken das sachliche Moment des Kraft¬
bewußtseins der Majorität und das formelle der
Verallgameinerung/' — Der Antisemitismus ist also
nur „eine Spezialf rage aus dem größeren Gebiete
des Fremdenhasses, aber keine Sondererscheinung
der jüdischen Geschichte, die für sich allein be¬
urteilt werden müßte." Die geschichtlichen Ur¬
sachen, die den Antisemitismus in die Erscheinung
bringen, sind dreierlei: das religiöse, das wirtschaft¬
liche, das Rassenelement. Im Mittelalter sah die
Kirche das Prinzip ihrer alleinigen seligmachenden
Kraft und das Prinzip der Glaubenseinheit ,,durch
die verfluchten Juden gestört, die sich nicht nur er¬
hielten, sondern recht oft ein beachtenswertes und
erfolgreiches Dasein führten". Die Disputationen be¬
wirkten nur noch eine Verstärkung des religiösen
Antisemitismus, „denn sie ließen immer wieder er¬
kennen, daß nur der Appell an die Gewalt dort helfen
könne, wo logisch und verstandesmäßig das Über¬
gewicht nicht zu erzielen war. Das Gefühl der zahlen¬
mäßigen Überlegenheit, der Majoritätsinstinkt,
wurde auf diesem Wege besonders erweckt". Die
Reformation und die Aufklärung haben den religiösen
Antisemitismus bedeutend geschwächt, aber sein Erbe
ist der moderne wissenschaftliche Antisemitismus, der
besonders in der protestantischen Theologie gepflegt
wird. .„Das alte Dogma von cler alleinseligmachenden
Kirche ist in verklärter, idealisierter Gestalt zu dem
neuen Dogma geworden, daß das Christentum —
und zwar immer das des gerade schreibenden For¬
schers — die höchst denkbare Vollkommenheit religi¬
öser Fortentwicklung bedeutet. Auf dieser Grundlage
muß natürlich das Judentum als eine, längst über¬
wundene Religionsstufe dargestellt werden. „Freilich
muß anerkannt werden, daß es auf diesem Gebiete
einen Unterschied gibt zwischen antisemitischer Ten-
denzforschung und wirklicher Wissenschaft. ... Nicht
jede Wissenschaft, die zu ungünstigen Ergebnissen
in bezug auf das Judentum kommt, ist antisemitisch."
Der Verfasser warnt davor, daß man auf jüdischer
Seite hier angebrachte und berechtigte Kritik mit
bewußtem Angriff unter Mißbrauch der Wissenschaft
verwechselt. — Der wirtschaftliche Antisemitismus,
der sich häufig in das Gewand des Religiösen hüllt,
bediente sich der Gesetzgebung, um die Juden auf
den Geldhandel zu beschränken. „Die Gesetzgebung
bewirkte eine ungesunde Berufsverteilung, die un¬
gesunde Berufsverteilung gab den Juden für bestimmte
Gebiete besondere Fähigkeit, und der notwendiger¬
weise hieraus entspringende Erfolg wird wieder zum
Quell des Judenhasses, der eine gerechte und gesunde
Gesetzgebung immer wieder vereitelt."
Der Rassenantisemitismus, der an die Stelle
der religiösen Ideologie des Judenhasses getreten ist,
hat eine leichte Aufgabe. Für ihn g2nügt das Anders¬
sein der Juden, ihre Rassenfremdheit, eine Ver¬
folgung und Entrechtung zu begründen. Dabei ist
die Rasse ein Verhängnis, dem man weder durch
Massentaufen noch durch Annahme anderer Berufs¬
arten noch durch persönlich lauteren Wandel ent¬
gehen kann, sie ist auch für die Menge das bequemste
Erklärungsmittel aller sozialen Erscheinungen. Es
gibt drei Stufen: zuerst ist alles Jüdische anders,
fremdartig, und muß schon aus diesem Grunde allein
ausgesondert werden, dann ist alles Jüdische minder¬
wertig, schlecht; schließlich ist alles Schlechte jüdisch.
Daher der Kampf der Rassenantisemiten gegen das
Christentum. Von der Rassentheorie wird der Natio¬
nalismus gespeist. Was der Verfasser S. 68—74
über den Nationalismus sagt, gehört zu dem Besten,
was über dieses Thema geschrieben worden ist.
Treffend ist die hier meines Wissens zum erstenmal
gemachte Bemerkung, daß der Nationalismus aus der
Hegeischen Geschichtsauffassung reiche Kraft gesogen
hat. Wenn es wahr ist, daß, wie Hegel lehrte, alles,
was besteht, vernünftig und berechtigt ist, so haben
alle nationalen Eigentümlichkeiten und „Eigenarten",
mögen sie an sich noch so minderwertig und vom
allgemeinen sittlichen Standpunkt noch so verwerflich
sein, den besten Wert an sich, eben weil sie vor¬
handen sind. Daher die Selbstvergötterung besonders
der kleinen und der Emporkömmlingsnationen, die
an die Welt den Anspruch erheben, sie müßte ihnen
behilflich sein, ihre kostbaren Eigenarten zu konser¬
vieren. — Den Taufjuden widmet der Verfasser
ein besonderes Kapitel, er betrachtet das Renegaten¬
tum als einen der Hauptfaktoren der Verbreitung
und Verstärkung des Antisemitismus in Vergangenheit
und Gegenwart. ,,Es liegt in der Natur der Renegaten¬
seele, daß sie in ihrer neuen Umgebung sich recht
beliebt zu machen sucht und den Wandel der Ge¬
sinnung deutlich beweisen will." Daher die vielen
Anklagen gegen das Judentum, die aus den Kreisen
der Abtrünnigen kommen. ,,Die Ehrfurcht vor den
Lehren des Christentums, die jedem anständigen
Menschen und besonders jedem Juden eine Selbst¬
verständlichkeit sein müßte, kennt der Täufling
nicht, weil er traditionslos und ohne Achtung vor
dem geschichtlich Gewordenen durch das Leben geht.
Der Renegatencharakter ist ein typisch minder¬
wertiger! Die christliche Welt lernt aber nur den
getauften Juden intimer kennen, und da sie in ihm
den Juden erblickt, erscheint er ihr als der typische
Vertreter der Judenheit." ,,Da die Welt nur diese
Juden kennt, ist das Bild, das vom Judentum ver¬
breitet wird, ein ungünstiges, und wenn in Wahrheit
alle Juden so wären, wie es nach dem Bilde der
Täuflinge das Ansehen hat, so würde der Judenhaß
fraglos verständlich sein/*
Der Verfasser sieht voraus, daß der jetzt vor¬
herrschende Rassenantiseinitismus von einer neuen
Welle des religiösen Judenhasses abgelöst werden wird