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Vom Kriegsschauplatz des Geistes
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und wirft die Frage auf, ob der Antisemitismus eine
vergängliche Erscheinung sei oder nicht, „ob er,
praktisch gesprochen, durch Kampf ausgerottet
werden kann, oder ob er für ewig bestehen muß, da
er gewissermaßen ein Teil der Weltordnung ist/' Die
Antwort auf diese Frage ist wichtig, da unter uns
sicli die Stimmen mehren, die jeden Abwehrkampf
aufzugeben raten, da er zwecklos sei. „Nur dann
würde ja der Kampf einen Sinn haben, wenn irgendwie
Aussicht auf Erfolg bestünde, und nur wenn das
Bewußtsein, dem ethischen Fortschritt zu dienen,
ihn beflügelt, wird er mit wirklicher Kraft geführt
werden können.'' In einer scharfsinnigen und glänzen¬
den Auseinandersetzung kommt der Verfasser zu
dem Schluß: „Aus der Stärke und der Verbreitung
einer Erscheinung folgt ebensowenig wie für ihren
absoluten sittlichen Wert auch etwas für die Dauer. '. .
Der Diebstahl und die Lüge sind fraglos nicht in der
sittlichen Weltordnung begründet und nicht ihr
immanenter Teil, der notwendig und ewig ist. . . .
Wer aber in die Praxis schaut, wird wahrscheinlich
feststellen können, daß Diebstahl und Lüge noch weit
weniger ausrottbar erscheinen als der Antisemitis¬
mus. . .. Und wie der Jude von Religions wegen gegen
Lug und Diebstahl und jede sonstige sittliche Ver-
irrung auftritt, so muß er auch den Antisemitismus
bekämpfen, weil er eben Jude ist. Kampf
gegen Judenhaß, der nur eine Unterabteilung
des Hasses gegen Gottes Geschöpfe ist, ist
begriffbestimmendes Merkmal des Judeseins, das
mehr als die Feststellung gemeinsamer Abstam¬
mung dem als Juden verbundenen Teil der Mensch¬
heit ethische Zukunftsaufgaben zur Lösung zuweist."
Der Kampf aber muß geführt werden auf der Basis
des Rechtes. „Das Wort Recht freilich ist nicht
im engen juristischen Sinne zu fassen, als einen
Gegensatz zur Moral darstellend und aus Verträgen
sich herleitend", sondern in dem Sinne, daß es den
innern Ausgleich menschlichen Sinnens und Tuns mit
den Gesetzen göttlicher Sittenlehre erstrebt zum
Zwecke des friedlichen Zusammenlebens der Mensch¬
heit. „Recht bedeutet so auch Sittlichkeit." „Das
Recht in diesem weiten Sinne aufgefaßt ist schließlich
auch identisch mit Kultur." „Die Judenheit hat
die Pflicht, dem Vernichtungswillen einheitlichen
Widerstand entgegenzusetzen, es kann kein positives
Judentum, kein starkes, freies Judentum geben, das
die Bekämpfung des Antisemitismus nicht als seine
oberste Aufgabe betrachtet." ,,Der Kampf um
die Gleichberechtigung ist im letzten Grunde
eine jüdische Lebensnotwendigkeit."
Die kleine Schrift Goldmanns behandelt das
Problem mit einem erstaunlich reichen Rüstzeug von
Gedanken und Wissen, nicht bloß als spezifisch
jüdische Frage, sondern vom allgemeinen soziologi¬
schen und geschichtsphilosophischen Standpunkt, und
gemäß den Gesetzen der allgemeinen Entwicklung
des Völkerlebens. Mit kühler Sachlichkeit und ruhiger
Objektivität wird die Erscheinung analysiert und
begriffen. Die Untersuchung wirft Licht auf eine
ganze Reihe von Erscheinungen des geschichtlichen
Lebens und bietet einen überaus wichtigen Beitrag,
um die jüdische Geschichte im Rahmen des gesamten
weltgeschichtlichen Geschehens gesetzmäßig zu be¬
greifen ...