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JUDENTAUFEN IM NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERT.
Von Dr. N. Samter.
Das neunzehnte Jahrhundert kann mit Recht
in der jüdischen Geschichte das Taufjahrhundert
genannt werden. Es sind auch früher Juden¬
taufen vorgekommen, aber da, wo sie massenhaft
auftraten, waren sie durch brutalen Zwang hervor¬
gerufen. Ich erinnere nur an die „Bekehrungen",
•welche die Wut der Kreuzfahrer oder der ent¬
fesselte Fanatismus zur Zeit des schwarzen Todes
zuwege brachte — ganz zu geschweigen von den
unglücklichen Marranen Spaniens, die zu vielen
Tausenden die Larve des Christentums vornehmen
mussten. Was war aber die Ursache, dass die
Juden,' welche anderthalb Jahrtausende hindurch,
allen Verfolgungen und Erniedrigungen zum
Trotz, mit unerschütterlicher Treue ihrem Glauben
angehangen hatten, gerade dann zum Abfall ge¬
neigt wurden, als die Sonne der Freiheit auch
die dumpfen Strassen des Ghetto zu bestrahlen
anfing?
Während der langen Jahrhunderte des Druckes
bildeten die Juden eine Welt für sich. Verachtet
und gehasst, verkannt, gemieden und verfolgt,
schlössen sie sich in ihrem Kreise eng zusammen
und lebten hier als eine Nation, die in Glaube
und Sitte., Sprache und Litteratur, Nahrung und
Kleidung, Aussehen und Beschäftigung streng
von der sie umgebenden Welt geschieden war.
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kam es
jedoch vor, dass einzelne aus diesem Kreise
herausstrebten, um sich allgemeine, auch ge¬
lehrte Bildung zu erwerben. Besonders gelangte
Moses Mendelssohn (1729—1786) zu anerkannter
Bedeutung und wurde für viele ein leuchtendes
Vorbild. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die
Aufklärung, wenigstens in den grossen Städten,
verbreitet hat. Am 29. Juni 17.79 schrieb Moses
Mendelssohn an August v. Hennings: „Meine
Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur
gehalten, dass man an der Möglichkeit einer
Verbesserung verzweifeln möchte." Und am
Ende des Jahrhunderts war man bereits so weit,
dass der Oberrabbiner von Berlin, Hirschel Lewin,
nach Palästina auswandern wollte, weil die Auf¬
klärung, die mit Verachtung väterlicher Sitte
Hand in Hand ging, gar zu sehr überhand nahm.
War doch sein eigener Sohn, obgleich selber
Rabbiner, bereits in bedenklicher Weise davon
angesteckt.
Seitdem die Juden in immer grösserer Zahl
ihr Sonderleben aufgaben, waren sie genötigt,
sich ihrer Umgebung zu assimilieren. Es galt
aber nicht bloss, andere Sprache und Kleidung
anzunehmen, sondern man musste auch die über¬
kommenen religiösen Gebräuche und die Religion
selber mit der neuen Bildung in Einklang bringen.
Vielen der Aufgeklärten jedoch war infolge ihres
Bildungsganges die Religion gleichgültig, ja ein
Gegenstand der Abneigung geworden. Gleich¬
wohl sahen sie sich auf Schritt und Tritt daran
erinnert, dass sie Juden seien. Der Staat be¬
handelte alle Juden, gebildete und ungebildete,
als Fremde, und das Beispiel Frankreichs, das
1791 den Israeliten Bürgerrechte verliehen hatte,
fand zunächst wenig Nachahmung. Aber auch
als seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den meisten
Staaten die Judenemanzipation vollzogen war,
suchte man ihnen vielfach die gesetzlich garan¬
tierten Rechte zu verkümmern und war überdies
wenig geneigt, auch gesellschaftliche Gleich¬
berechtigung zuzuerkennen.
Bei dem herrschenden Indifferentismus standen
dem Uebertritt zur herrschenden Religion nur
zwei Bedenken entgegen: einerseits scheuten sich
viele, wenn ihnen das Judentum auch nichts
mehr galt, gänzlich das Band zu zerreissen, das
sie von Geburt an mit ihren Stammesgenossen
verknüpfte, und auf der anderen Seite waren
ihnen die christlichen, der Vernunft unzugänglichen
Dogmen ein schwerer Stein des Anstosses.
Es hat gewiss oft Seelenkämpfe genug ge¬
kostet, ehe der Schritt unternommen wurde. Ge¬
meine Naturen erlagen freilich schon, wenn ihnen
der Versucher ins Ohr zischelte:
Lass dich taufen und verwandeln!
Mancher that's, und mit vier Rossen,
Homklang kommt er nun geschossen,
Der einst umrief: „Nichts zu handeln?"
So mancher blieb zwar für seine Person beim
Judentum, aber eingedenk der Hindernisse,
die ihm als Juden in den Weg gelegt worden
waren, ehe er es zu etwas bringen konnte,
opferte er seine Kinder dem Fortkommen, diesem
modernen Moloch, und liess sie taufen. Viele
nahmen, um eine Christin zu heiraten, deren
Religion an. Die Möglichkeit, auch in der Ehe
mit einem christlichen Gatten die jüdische
Religion beizubehalten, wurde für Preussen 1874
durch Einführung der obligatorischen Civilehe