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Nr. 5 - 14. Jahrgang
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Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag
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Berlin, 16. Januar 1934
Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint
Radikalkur
. Dr. Felix Theilhaber, der bekannte Bevölkerungspolitiker,
gibt in No. 3 der „Jüdischen Rundschau“ statistisches Ma¬
terial, aus dem er eine „Geburtenkatastrophe“ für das nächste
Jahrzehnt den deutschen Juden jn Aussicht stellt, und die die
Auswanderung nach Palästina für den gesamten jüdischen
Nachwuchs in Deutschland als ausreichendes Hilfsmittel dar¬
stellt. Er zieht daraus die Schlußfolgerung, daß „für die
Juden, die für sich und ihre Familie dem drohenden 'Aus¬
sterben entgehen wollen, der Zionismus die Lösung ist“..
Das statistische Material kann ich als Laie nicht nachprüfen;
es mag daher vorbehaltlich weiterer Erörterung als richtig
unterstellt werden. Der Schlußfolgerung aber muß ich fol¬
gende Erwägungen entgegenstellen.
Die das Judentum
verließen
Ein Briefwechsel
1. Es ist geschichtlich bekannt, daß die Juden überall
und insbesondere auch in ' Deutschland, Perioden jüdischer
Erschlaffung, ja sogar gesetzlicher Geburtenhinderung durch¬
gemacht haben. In vielen Gegenden Deutschlands hat man
die Juden gesetzlich gezwungen, „nur ein Kind anzusetzen“.
Trotzdem ist das Judentum in Deutschland nicht ausgestorben.
Wichtiger Hinweis;
Zwischen dem. 15. und 25. Januar
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„Jüdisch - liberalen Zeitung
Woher nimmt Herr Dr; Theilhaber die Prophetengabe, den
von ihm nachgewiesenen Geburtenrückgang sich auch über die
von ihm erforschte Epoche auswirken zu sehen? Ich vermisse
z. B. die sehr wichtige positive -Tatsache, daß von jetzt an
Mischehen, bekanntlich- sehr häufig Gründe für die Kinder¬
losigkeit, aufhören werden.
2. Es fehlt jeder Nachweis, ja nur der Versuch' eines
Nachweises, daß dieselben Juden, die. hier in Deutschland
zum Aussterben verurteilt sind, in Palästina sich besser fort¬
pflanzen werden. Bisher sind die sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse in Palästina insbesondere für die Neueinwandem¬
den nicht so, daß mit bewußter Zurückhaltung bei der Kinder¬
erzeugung wird gebrochen werden können. Die mir bekannten
„alten Palästinenser“ haben sich durch Kinderreichtum eben¬
falls nicht ausgezeichnet. Bei der Empfehlung, den jugend¬
lichen Nachwuchs nach Palästina zu verpflanzen, ist mit keinem
Wort auf die Fassungsmöglichkeit von Palästina gerade für
deutsche Auswanderer eingegangen. Diese ist bekanntlich
gerade auch in zionistischen Kreisen überaus bestritten.
3. Gänzlich unverständlich ist mir die Schlußfolgerung,
daß für Familien, die bewußt fortpflanzungswillig und fort-
pflanzungsfähig sind, der-Zionismus die Lösung, d. h. doch
. wohl die einzige Lösung sein soll. Zionismus ist, wie uns
immer wieder gesagt wird (so z. B. .im Leitartikel derselben
* Nummer der „Jüdischen Rundschau“), in erster Linie eine
geistig-seelische Einstellung, eine Sache des Wollens und
Einordnens in eine bestimmte Gemeinschaftsgruppe. ‘ Nicht
einmal alle, die. nach Palästina gehen, vollziehen diese Ein¬
stellung. Daß aber eine bestimmte' Geistesrichtung und ein
bestimmter nationaler Wille für Geburtenvermehrung oder
-rückgang kausal sein soll, will nicht in'meinen Kopf hinein.
Der ganze Artikel — es ist mir sehr schmerzlich,, dies
auszusprechen, aber es muß einmal gesagt werden — zeigt
die Tendenz, die wir leider nicht zum ersten Male bei * *
' , wissen Gruppen im zionistischen Lager wahrriehmen.
unserer wirtschaftlichen und seelischen Not soll bei der Masse
der jüdischen Indifferenz für eine bestimmte jüdische Welt¬
auffassung Kapital geschlagen werden. Dazu sind die Zeiten
zu .emst. Wer den deutschen Juden helfen will, soll über
Abhilfe nachdenken, aber keine Radikalkuren Vorschlägen, bei
denen man zu deutlich die Absicht merkt und daher verstimmt
- wird. Ich halte es für wichtiger, alle Kräfte einzusetzen, um
die soziale und wirtschaftliche Lage der deutschen Juden
so zu gestalten, daß auch unter den veränderten Verhältnis'sen
kein Absterben, sondern ein sozialer und danach auch ein
leiblicher Aufschwung ermöglicht wird. Wir. jedenfalls, die
wir hier bleiben und hier arbeiten wollen, und dazu gehören
auch viele ehrliche Zionisten, geben die Hoffnung nicht auf
j —j -=- ,—,-— Heinrich Stern.
dWerden sie niemals auf geben.
ln Nr. 35 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 19. Dezember v. Js. war ein redaktioneller Artikel Über
„Die Seelennöte der Getauften“ erschienen. Er richtete sich zur Hauptsache an diejenigen, die um äußerer Vor¬
teile willen aus der jüdischen in die christliche’Religionsgemeinschaft hinübergewechselt sind oder an denen die-,
ser Wechsel, ebenfalls um des äußeren Fortkommens willen, schon von den Eltern vorgenommen worden ist, und
die nun auf Grund ihrer jüdischen Abstammung alle diese Vorteile wieder verloren-haben. Die .eigenartige Stel¬
lung der nichtarischen Christen innerhalb der evangelischen Kirche war in dem Aufsatz nur gestreift worden,
weil wir der Meinung waren, daß diese Frage eine innerkirchliche Angelegenheit ist. Aus den Reihen der nicht--
arischen Christen ist uns nun eine Erwiderung von Herrn Dr. Georg Mayer-Alberti, Coblenz, mit der Bjtte.ttl
Veröffentlichung zugegangen. Wir bringen diesen Brief wunschgemäß hier zum Ahdru “
lieh, daß dieser Brief von jüdischer Seite nicht unerwidert bleibe
faßte Antwort zum Abdruck.
Coblenz, den 23. Dezember 1933.
Prinzeß Luisenweg 9
Arrdie Schriftleitung der
„J ü d i s c h -1 i b e r a 1 e n
Berlin-Cha
Zeitung“
lottenbur
Der getaufte Jude hat in Ihren Spalten kein Hei¬
matsrecht, aber da Sie sich in Ihrer No. 35 unter der
Überschrift „Die Seelennöte der Getauften“ in län¬
geren Ausführungen mit der Geisteshaltung der Apo¬
staten befassen, hoffe ich, daß Sie, als liberales Blatt,
auch der Gegenseite Gelegenheit zur Äußerung geben
werden.
Um es vorauszuschicken: Ihr Einfühlungsversuch
in das Weltbild des nichtarischen Christen ist gänzlich
mißlungen. Jedenfalls ist die von Ihnen vorausgesetzte
Seelennot entweder gar nicht oder zum mindesten in
der von Ihnen vorausgesetzten Form nicht vorhanden.
Den augenblicklichen Zustand glaubt Ihr Ge¬
währsmann dahin kennzeichnen zu sollen: Materiell
habe uns die Taufe nichts „genützt“, geistig und
seelisch dagegen habe sie uns unendlich geschadet.
‘ Meine Antwort lautet: Vom materiellen Nutzen
brauche ich nicht zu reden. Zwar glaubt derVerfasser
Ihres Aufsatzes die Wahrnehmung früher angeblich
mit der Taufe verbundener Vorteile unter Umständen
als gar nicht materialistisch bezeichnen zu sollen, weil
dem Streben, in sonst verschlossenen Berufen zu
wirken, auch ein gewisses ideelles Moment innewohne.
Trotzdem wiederhole ich: vom materiellen Nutzen
brauche ich nicht zu reden, weil Übertritt zum
Christentum zum Zwecke besseren Fortkommens über¬
haupt kein wirklicher Übertritt wäre. Ich will bestimmt
keinem Getauften einen Vorwurf machen, wenn er
heute' zum Judentum zurückkehrt,, nur möchte ich
sagen, daß es eine ebenso berechtigte geistige Ein¬
stellung gibt, aus der — was auch in der Welt
passieren möge — Rückkehr zum Judentum einfach
nicht möglich ist, — eine Haltung, der auch Sie
hoffentlich den Respekt nicht Versagen werden.
Der neutestamentarische Missionsbefehl lautet:
„Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker!“,
also auch die Juden, ja die Juden ganz besonders;
ist doch nach christlicher Ansicht das' Christentum
Erfüllung und Vollendung der jüdischen Religion und
der Weissagungen des Alten Testaments.
Ich habe bestimmt nicht vor, in einem jüdischen
Blatte christliche Apologetik zu treiben; aber da ich
von Ihnen als Getaufter ausdrücklich apostrophiert
werde, darf ich vielleicht mindestens antworten; denn ‘
allerdings vermag ich nicht einzusehen, inwiefern heute .
das Verlassen des Judentums „Seelennöte“ verursachen
solle, im Gegenteil: gerade heute bewährt sich das
Christentum als seelische Haltung, und wenn das
Dritte Reich uns Nichtariern sonst keine Vorteile ge¬
bracht hat, so wenigstens den, daß Nichtarier Christen- "
tum heute frei bekennen können, ohne der bisherigen
Gefahr der Mißdeutung ausgesetzt zu sein, weil heute
jeder weiß, daß die Taufe bestimmt keinerlei mate¬
riellen Vorteil bringt. Ich vermag mir sogar vor¬
zustellen, daß die Mission aus diesem Zustande einen
neuen Antrieb erfahren könnte, insofern endlich-klar¬
gestellt ist, daß es.sich bei der Taufe ausschließlich
um Religion handelt.
Aber auch in kultureller Hinsicht täuscht sich der
Artikelschreiber fundamental über die Seele des Juden¬
christen. Selbstverständlich verkenne ich nicht den
Trost, den das Festhalten an den geheiligten Bräuchen .
der Väter und das Gemeinschaftsgefühl mit einer durch
Blut und Tradition innigst verwandten Gruppe zu
gewähren vermag. Respekt und Achtung vor dem;
lebendigen Gefühl einer derartigen Gemeinschaft!"
Respekt sogar vor der Haltung des auch in Ihrem
. Blatte für einen Irrweg gehaltenen überzeugten Zionis¬
mus. Bitte aber auch etwas mehr Achtung vor der
geistigen Haltung desjenigen, der sich von den kultu¬
rellen Bezirken des Judentums entfernt und den Rausch
seiner Seele aus anderen .Brunnen geschöpft hat.
Vermeiden Sie doch den Fehler, den Judenchristen
nach denjenigen zu beurteilen, die schon • der erste
Sturm'aus der christlichen Kirche wieder entfernt hat.
Es liegt in der Natur der Sache, daß heute nicht alle
jüdischen Richtungen gleichmäßig zu Worte kommen;
das haben Sie ja schon selbst gemerkt an der Art
und Weise, wie nach dem März 1933 der Zionismus
behauptete, die alleinseligmachende Richtung des
Judentums zu sein. Aber andere Leute sind auch noch
da, und was die Getauften anbelangt, so besitzen-sie
zwar kein Sprachrohr, aber so haltlos, wie Sie zu
glauben scheinen, sind wir durchaus nicht. Wir wu߬
ten ja schon'vorher, was wir waren und warum wir
es waren, nämlich einfach in Anerkennung der Tat¬
sache, daß wir der christlichen Kultur mehr ver¬
dankten - als der jüdischen, und daran hat sich
heute nichts geändert.
Konflikte können selbstredend entstehen, wenn
der Judenchrist sich für einen Germanen hält, unedle
Zertrümmerung dieser Illusion ihm nun Sein- Weltbild
erschüttert. Abwegig aber wärt es, nunmehr die
Taufe für die etwaigen Illusionen- eines Getauften
verantwortlich zu machen.. Wenn das Deutsche Volk