Fleisch herauszuschneiden. „Allein", so heißt es in
»er alten Uebersetzung des Berichts, „gebt hierbey wohl
achtnng ans euch selbsten: denn wo fern ihr nur ein einziges
tznintlein zu viel oder zu wenig schneiden werdet, müsset ihr
ohne eintzige barmhertzigkeit hencken". Darauf verlangte
Seecchi nur den Segen des Papstes und war bereit, seinen
Schein zu zerreißen. Womit auch der Jude zufrieden war.
,Mir aber sind keines weges zufrieden", versetzte der Papst,
Ließ beide ins Gefängnis werfen und verurteilte, weil sie
leichtfertig mit einem Menschenleben gespielt hätten, beide
zu» Tode. Doch wollte er sie nur schrecken, begnadigte sie
zur Galeere und erließ ihnen auch diese Strafe gegen je
zweitausend Scudi zum Bau des Hospitals di Ponte Sisto.
.jedoch durfften sie sich aus seinen ausdrücklichen beseht ver¬
mittelst dieser summe nicht eher loßmachen, als biß man
ihnen schon die ketten an die süße geleget."
Shakespeare kann diesen Bericht Letis nicht gekannt
haben, da das Buch über Sixtus V. erst 1630 erschienen ist.
Aber die Tatsachen, die dem Bericht zugrunde liegen, hat er,
wie Niemeyer vermutet, gekannt. Denn er sei von 1585 bis
1590 aus England verschwunden und „so gut wie sicher" in
Italien gewesen, wo die Fleischpsandgeschichte ebensolches Aus¬
sehen gemacht haben werde wie eine Reihe anderer berühmter
Justizexempel des Papstes Sixtus.
Eine andere Geschichte vom Fleischpsand, dieses Mal
ohne Juden, steht schon in dem „Gesta Romanorum" be
titelte« Märchen- nno Legendenbuch aus denr dreizehnten oder
vierzehnten Jahrhundert. Ein Ritter will des Königs Lucius
Tochter freien, braucht aber dazu vorerst tausend Mark
und bekommt sie von einem Kaufmann gegen einen mit
Blut geschriebenen Schein, wonach der Gläubiger dem Schuld¬
ner, wenn er nicht binnen drei Tagen die tausend zurück¬
zahle, „ein schwer Stück Fleisch von seinem Leibe schneiden"
dürfe. Der Ritter geht zu Hofe, und „die Jungfrau behielt
ilh» eine ganze Woche bei sich in ihrer Kammer, ohne daß
jemand darum wußte". Also versäumt er den Rückzahlungs¬
termin; wieder will der Gläubiger das Geld, das die Jung¬
frau vorstreckt, nicht annehmen. Es folgt der Prozeß, worin
der Richter entscheidet, der Kaufmann dürfe schneiden, aber
kein Blut vergießen...
Endlich, in der italienischen Novelle des Ser. Giovanni
Aiorermno aus der Sammlung „Jl Pecoroue", 1378 ge-
zchricben und 1558 gedruckt, wird der Geldgeber zum (namen¬
losen) Juden gemacht, feine Wohnung nach Mestri bei Vene¬
dig verlegt, der Palast des Fräuleins nach Belmvnt, wie
bei Shakespeare, nur daß der Freiersmann nicht Bassanio,
sondern Gianetto, und sein Freund und Bürge nicht Antonio,
sondern Ansaldo heißt.
Was immer von diesen. Berichten der Dichter gekannt
hat, es waren nur Bausteine, die er hier benutzen, dort ver¬
werfen konnte. Er hat sich schließlich den Stoff souverän
gestaltet und in den Mittelpunkt einer im übrigen vielfach
kustigm Handlung die tragische Figur Shylocks gestellt. Um
bei der schaulustigen Menge Vergnügen über die Mißhand¬
lung des rachsüchtigen Alten zu wecken? Um dem Haß
des Pöbels gegen die Söhne des Wüsteuwanderstammes neue
Nahrung zuzusühren? Nichts wäre unbilliger als solche Unter¬
stellung. Denn wo ist gesagt oder angedeutet, daß er das
Urteil der Porzia für gerecht hält? Eher ist zu schließen,
daß seine Darstellung dem landläufigen Vorurteil gegen die
Juden einigermaßen Abbruch tun sollte, wenn auch in den
Grenzen der künstlerischen Fabel und unter Berücksichtigung
der im Mtttelalter herrschenden Anschauungen.
*
Denn, hätte er lediglich über den Juden den Stab
brecheu wollen, er hätte ihm nicht so erschütternde Wahr¬
heiten in den Mund gelegt, wie sie Shylock vor Abschluß
des Paktes gegen den „königlichen Kaufmann" Antonio aus¬
spricht, gegen den hochmütigen Christen, der ihn viel und
oftermals geschmäht und angespien hat. Weshalb geschmäht
und angespien? Weil der Jude, wenn er Geld auslirh,
Zinsen nahm. Als ob er etwas andres tat als Christen
auch, nämlich sein Vermögen zu.nützen, wie es letzten Endes
auch Antonio iu seinen S.lftfssgeschäften machte. Und haben
nicht Christen, recht große, sogar Zinshandel genug getrieben?
Nicht die Medici, nicht die Fugger? Und wesl)alb mußten
sich Juden vielfach, wenn sie leben wollten, ans den Zins-
Handel, auf den „Wucher" werfen? Weil ihnen von einer
brutalen Gesetzgebung die meisten andern Gewerbe verschlossen
wurden. „Er hat mich beschimpft", sagt Shylock, „meinen
Gewinn bespottet", „mein Volk geschmäht", „meine Feinde
gehetzt".
„Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat
nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude.Hände, Glied¬
maßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, L.idenschaften? Mit
derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt,
denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mit
teln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter
und Sommer wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten
wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn
ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns
beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?"
Alle diese Fragen ebenso wie die Schilderung der Roh
heilen, die Shylock von Antonio erfahren hat, wären unter¬
bliebe«, wenn der Dich.er nur seinen Witz an dem Juden
üben, nur den Judenhaß hätte schüren wollen. Im Gegen¬
teil, er sucht die Rachsucht, der Shylock bis zum Wahnwitz
verfällt, zu erklären, zu begründen. .Hat nicht Antonio schon,
ehe die dreitausend Dukaten bewilligt war.-n, die ausrei epde
Drohung ausgestoßen, er könne leicht.ich wieder S y o.k einen
Hund nennen, ihn wieder anspein und mit Füßen treten?
Da bäumt sich der Zorn in dem Bedrückten auf. „Sollen
wir uns nicht rächen?"
„Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen
wirs euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen
Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. W-.'nn
ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld
sein nach christlichem Vorbild? Ru, Rache. Die
Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben.."
Das ist ein. Plaidoy er des Dichters, wenn nicht für
die Freisprechung Shylocks, so doch für mildernde Umstände.
Röcht «nrders Shakespeares Spott über die Judentauftn.
Jessica, Shylocks abtrünnige Tochter, läßt sich mit ihren
Juwelen und Dukaten von ihrem christlichen Gcllan stehlen,
— „ber Mann, der kürzlich seine Tochter stahl", sagt Antonio
ausdrücklich —, und prahlt: „Ich werde durch meinen Mann
selig werden, er hat mich zu einer Christin gemacht", woraus
Lanzelot erwidert, da sei er sehr zu tadeln, es gebe schon genug
Christen; „dies Christenmachen wird den Preis der Schw.ine
steigern". Wenn der Dichter nichtsdestowenig'r zum Schluß
selbst Shylock zum Zwangschristen macht, so liegt da in
ein blutiger Hohn — nicht auf das Judentum. Er läßt
Autoniv verächtlich sprechen über Shylocks „jüdisch Herz",
und ihn selbst und seine Freunde zuletzt herzlos den Juden
vernichten. Er läßt sie so oft mit Hatz gegen den ,Juden"
Porzias Rede unterbrechen, daß den unbefangenen Hörer
ein Ekel angeht. Und er stellt Shylock als Widerpart eine
Gesellschaft gegenüber, die alles eher als Bewunderung für
derarttge Vertreter des Christentums wecken kann.
*
„Wahrlich, Shakespeare würde eine Satire auf das Chri¬
stentum gemacht haben, wenn er es von jenen Personen re¬
präsentieren ließe, die dem Shylock feindlich gegenübe.stehen
und dennoch kaum wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen."
So sagt Heinrich Heine. Der bankerotte Antonio, ein trübes
Wurmherz. Bassanio, der aus einen fetten Brautschatz aus-
geyt. Lorenzo, der Mitschuldige eines der infamsten Haus¬
diebstähle, der (meint Heine) nach preußischem Landrecht
zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, gebrandmarkt und
an den Pranger gestellt würde. Die andern edlen Venezianer,
die gegen den Juden eifern, aber bis zum letzten Tage der
drei Monate nicht daran denken, ihrerseits die dreitausend
Dukaten zusammenzubringen, um ein Menschenleben zu ret¬
ten. Lanzelot Gobbo, der Schweinefleischfreund. Und endlich
nochmals Bassanio, der erklärt, er wäre bereit, sein Weib
„dem Teufel da" zu opfern, um Antonio zu befreien, und
Graziano, der hinzufügt, er wünsche sein geliebtes Weib in
den Himmel, „könnt' sie Mächte dort flehn, den hünd'-
schen Juden zu erweichen" — „wahrlich", sagt Heine, „mit
Ausnahme Porzias ist Shylock die respekta.be.ste Person im
ganzen Stück". Er hätt cs mit der schönen Britin im Dury-
lane-Theater, deren große Augen weinten um Shylock? „The
poor man is wronged! Dem armen Mann geschieht Unrecht!"
Und Alfred Kerr hält cs mit Heinrich Heine, kraft eige¬
nen Urteils und Gesüh.s. und sieht wie er nicht: hier Jude,
hier Christ, sondern: hier Unterdrückter, hier Unterdrücker,
wenn er auch den Gegensatz auf die Formel: Jude oder
Lude bringt. Wenn aber Wilhelm Speyer aus der Auf¬
führung bei Jeßner, mit Kortner und der Bergner, den
Eindruck empfangen hat, der Kaufmann von Venedig mache
für den Antisemitismus Propaganda, so ist die Frage, wieweit
das Stück, wieweit die Inszenierung an diesem Eindruck
beteiligt ist. Frank Harris, der die^Marotte hat, in Antonios
Gestalt eine Art Selbstbildnis Shakespeares zu entdecken,
schreibt doch: „Die Schauspieler der englischen Bühne haben
sich dararr gewöhnt, Shylock zu einem Helden zu stempeln."
Da haben sie recht getan. Zu einem tragischen Helden.
Und wie das Stück aus vorutteilsfreie Personen wirkt, zeigen
Schriften wie die Jherings und Niemeyerck, zweier Christen
und rassereine Urgermanen.
Sühne für die Pogrom-Ausschreitungen
Am Donnerstag, den 22. Dezember, begann vor dem
Bukarcster Militärgericht der Prozeß, gegen die erste Staffel
lener Studenten, die angellagt sind, in Großwardein, Klau¬
senburg und anderen Städten Siedenbürgens an der Verwü¬
stung der Geschästsläden. uud Synagogen und an den Plün¬
derungen teilgenommen zu haben. Auf der Anklagebank, saßen
neun noch ganz junge Stundenten. Unter den Verteidigern
befinden sich zwei Universitätsprofessoreu, sowie der Anti¬
semitenführer Cuza. Tie Anklage lautet auf Zerstörung frem¬
den Eigentums, Plünderung und Profanierung ritueller Ge¬
genstände. Auf dem Gerichtstisch liegen die bei den Studenten
Vorgefundenen, in den Synagogen und Läden geraubten Gegen¬
stände, wie hebräische Gebetbücher, Thorarollln, Thoraschmuck,
Priestcrornate und verschiedene Waren.
Die angeklagterr Studenten beteuern ihre Unschuld und
behaupten, die bei ihnen Vorgefundenen Gegenstände hätten
sie nicht selbst geraubt, sondern sie seien ihnen auf dem
Bahnhof von unbekannten Personen zur Aufbewahrung über¬
geben worden. Nach Großwardein seien sie auf B.-fetzl ihrer
Vorgesetzten gekommen. Tie Aussch>reitnngen seien von Lock¬
spitzeln veranstaltet worden. Tie kommunistischen Arbeiter iu
Großwardein hätten für einen Monat im voraus den Lahn
ausgezohlt erhalten, nur damit sie Die Studenten provozieren.
Ter Militäranwalt führte in seiner Anklagerede aus, die!
Studenten hätten sich gegen die staatliche Ordnung und die;
öffentliche Sicherheit schwer vergangen. Tie Verteidiger be- j
stritten die Zuständigkeit des Militärgerichts. Einer der Ber j
jerdiger protestierte dagegen, daß die Anklageschrift die Stu¬
denten Verbrecher nennt. Rumänische Studenten, rief er,
seien niemals Verbrecher.
Spät nachts wurde cxrs Urteil gegen sie neun Studenten,
die sich als bu crllen wegen Zerstörung fremden Eigentums,
Plünderung imß Schändung von religiösen Heiligtümern vor
Gericht zu verantworten hatten, gefällt. Das Militärgericht
verurteilte einen der angcklagten Studenten zu 5 Monaten
Kerker, zwei Studenten zu je zwci Monaten und zwei Stu¬
denten zu [t einem Monat Kerker. Vier Stuoenten wnroen
zu ;e 10 Tagen Arrest verurteilt.
In der Begründung erklärte das Mititärgerickft^ aus
Grund der Zeugenaussagen und der vorliegenden Bel reise zu
der Uebeczeugung gekommen zu sein, oaß die augeklagten
Studenten an den Unruhen be^ei igt waren und rituelle Gegen¬
stände aus Synagogen cntlocndrt haben. Bei der Bemessung
der Strafe wurde das fugend'iche Alter und di' Unbescholten¬
heit der Angeklagten berücksichtigt. Das Urteil wurde soll¬
kommen ruhig ausgenommen. Auch nach Verkündung des¬
selben kam es zu keinen Zwischenfällen.
»
Das Klarrsenbur^er Kriegsgericht verurteilte einen Studen¬
ten, der an der Spitze eines Trupps die Synagoge in dein
Städtchen Aphadia verwüstet hat, zu drei Monaten G.fänguis.
Ter berüchtigte antisemitische Agitator Zur.anu, der bei
der Verbreitung von Pogrom-Aufrufen e llv scht worden war,
ist verhaftet und dein Militärgericht eingeli fert worden.
Fünf Kommisiare der Klausenburger Polsici fini) infolge
der von den Behörden angestelltcn Ermittlungen über die
Studentenunruhen ihres Amtes enthoben worden.
In Großwardein aber scheint das Bereden vorzüherr-
kchen, die Schuldigen zu decken. In br g sstern abgchaltenei
Versammlung der Stadtverwaltung wollte der Führer der
Großwardeiner Arbeiterschaft Tr. Eugen Rozvanyi eine Er¬
klärung der Arbeiter verlesen, in w.llch-em der Bürgermeister
und die leitenden B -Hörden der Parteilichkeit gez'e'en werden.
Ter Bürgermeister Egri ließ sechs G ndarmen in dm Sitzungs¬
saal kommen, die Rozvanyi die Erklärung entrissen und ihn
selbst für verhaftet erUcssten. Die B ratung ve lich vollständig
resultatlos, da weder bezüglich der für die Exzesse verantwort¬
lichen Amtspersonen noch des zu leistenden Schadenersatzes
eine Klärung geschaffen wurde.
Einerseits — Andererseits
Ueber die Berliner Repräsentantenverfammlung dom 5.
Dezember hatten wir in unserer Nr. 49 einen ausführlichen
Bericht veröffentlicht. Bon dem rnittelparteilich-konservativ-
zionistischen Block wurde beantragt, entgegen dem bisherigen
Brauch die Friedhöfe der Gemeinde am Sabbat geschlossen
zu halten. Bon der liberalen Fraktion wurde diesem An¬
trag widersprochen und gefordert, daß es bei dem bisherigen
Brauch verbleibe. In unserm Bericht hieß es: „Professor
Türk wies vor allem auf die befremdliche Tatsache hin, daß
auch Rabbiner Dr. Weiße den Antrag unterzeichnet habe. Als
vor sieben Jahren schon einmal diese Frage aufgeworfen sei,
da hätten die liberalen Rabbiner Gutachten für die Beibehal¬
tung der Friedhofsöffnung am Sabbat abgegeben. Zu ihnen
gehörte damals^auch Dr. Weiße. Habe sich nun in den letzten
sieben Jahren das Religionsgesetz wieder geändert? Und
soll das jetzige Verhalten oes Herrn Tr. Wllße die Erfül¬
lung der Parole „Für Frieden und Einheit in der Ge¬
meinde" sein?"
In der Repräsentantenversammlung am Mittwoch, den
21. Dezember verlas eingangs Herr Tr. Weiße sein früher
abgegebenes Gutachten und behauptete, daß danach wohl von
einem Widerspruch in seinem Verhalten keine Rede sein könne.
Von der liberalen Fraktion erwiderte Professor Türk, daß
nach seiner Auffassung das Vorhandensein eines Widerspruches
doch garnicht bestritten werden könne. Rechtsanwalt Stern
wies namens der liberalen Fraktion daraus hin, daß sich doch
zumindest, der Standpunkt des Herrn Dr. Weiße in der Frage
der religiösen Toleranz gewandelt habe und daß das gewünschte
Ergebnis seines früheren Gutachtens das Gegenteil des jetzt
von ihm unterschriebenen Blockantrages bedeute.
Wir glauben, uns einer eigenen Stellungnahme ent¬
halten zu können, da unsere Leser aus der Wiedergabe des
nachstehenden Gutachtens und des jetzt gestellten Antrages
sich selbst ein Urteil bilden können.
I.
Gutachten.
Berlin, den 20. Juni 1922.
An den Vorstand der jüdischen Gemeinde,
hier.
Betreffs der Schließung der Friedhöfe an Sabbaten
und Feiertagen gestatte ich mir zu erwidern, daß im Ju¬
dentum der allgemeine religiöse Brauch Minliag, der sich in
das Gefühl und das Bewußtsein der jüdischen Gesamtheit
eingelebt hat, als Religionsgesetz angesehen wurde
Hatninliag m’wate! ess hahaiachoh Minhagawaussenu tauroh
Es ist das gleichsam ein ungeschriebenes Gesetz.
In allen mir bekannten jüdischen Gemeinden ist
es feststehender Brauch, den Friedhof an Sonnabenden und
Feiertagen nicht zu besuchen, da diese über das Leid nnd-
die Trauer erheben sollen. Das war und ist die allgemeine
jüdische Auffassung zu allen Zeiten geblieben. Auch hier
in Berlin sind es nur einzelne, die den Friedhof an unseren
Feiertagen aussuchen und nicht allgemeiner Brauch.
Ta es nun hier lauge Jahre hindurch gestattet gewesen
ist, von diesem allgemeinen jüdischen Brauch abzuweichen,
e m pft e I>11 es fich vielleicht, da s charse Ma߬
nahmen, besonders auch auf religiösem Ge¬
biete nicht wünschenswert sind, den Besuch
an den genannten Tagen nicht zu verbiete»,
aber die Besuchszeiten für die Feiertage in Zukunft nicht
mehr zu veröffentlichen um einer- unrichtigen Auslegung zu
begegnen.
Hochachtungsvoll
gez. Dr. S. Weiße.
11
Antrag.
Die Repräsentantenversammlung wolle beschließen:
Die Friedhöfe der Gemeinde sind am Sabbat und
jüdischen Feiertagen gänzlich geschlossen zu halten.
Berlin, den 3. November 1927.
gez. Loeb, Weiße, Rau, Hornsteinj Lösser, Löwe, Klee,
stlbrccham Löb, Lina Wagner Tauber, Rothenberg.
Aus der Bewegung
Halle a. S. (Vereinigung für b r» ä liberale Iuden^-
tu in.) Am Freitag, i>m 1(5. Dezember 1927, hielt die hiesige
Ortsgruppe für das liberale Judentum ihre erste Freitag--Abendscier
bei Herrn Sanitätsrat Dr. Oppenheimer ab. W<.il über 400 SHnbet
aus allen Sfreifen der (Gemeinde folgten unserem Rus, au\> zahlreiche
Erwachsene waren anwesend. Nachdem .Herr Rabbiner Dr. Kahlberg
den Kiddusch über den Wein granacht hatte, vereinigte eine gemütliche
Kasseetasel Alle. .Herr Lehrer .Heymann und .Herr Canlor Kaufmann
unterhielten die Linder durch Erzählung erniger Märchen. Frau
Fränze Rosenthat sang einige Psalmen und gab durch ihre vollendete
Kunst der Feier eine höhere Weihe. Sie wurde hierbei durch die
Klavierbegleitung des Fcl. Ruth Friedmann würdig unterstützt. Wei¬
teres boten di? Linder selbst, wie Liselotte Müller am Klavier und
Mirjam Rosenberg durch verschiedene Tänze (Nottebohmschulr). Zum
Sclluß wurden Alle photographiert. Die Feier endete gegen 7y<t Uhr.
Vereinsnachrichten
Verein ehema'iger Schülerinne« der Mädchenschule der Jüdische«
Gemeinde zu Berlin E. 93., gegr. 1905, Lüneburger St raste 13,
Moab. (U'>2. Bis aus weiteres jeden Donnerstag, abends, geinülliches
Beisammensein, .Harcdarbeitskränzchcn, Restaurant Metropole, Rosen--
tl>aler Siraße 14; jeden Sonntag Waldlauf Sadoiva. Donnerstag,
2. Februar 192*, 20.30 Uhr, ordentliche Generalversammlung —
Neuwahlen.
Verein ehemaliger Schüler der Knadenschuie der Jüdische« Ge¬
meinde ;u Berlin E. 93., gegr. 1900, Elsässer Straße 9, Norden 1651.
Irden Donnerstag gemütliches Bryammenftin, Kegeln nßv-, bei Gabel.
Rosenthaler Straße 14; jeden Sonnabend Turnen, Große Ham¬
burger Straße; jeden Sonntag Waldlaus Sadowa. Sonntag, den
15. Januar 1923, vormittags ll) Uhr, ordentliche (Generalversammlung,
Gemeindehaus, Rosenstraßc, Neuwahlen.
Kalendarium s. die Zeit v. 1. b. 7. Zaru 1928
Jtiuoar 19-
lerne* 5688
Sonntag
1
8.
Montag
2
9.
10.
Dienstag
3
Mittwoch
4
11.
Donners:ag
6
12.
Freitag
6
13.
Sonnabend
7
14. Wochenabschnitt: Waj'cht
Hastarah: 1. Buch Könige 2, 1—12
Sabbat-Ansgang: 4.59 Uhr