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Nr . 34
Berlin . 20 . August 1930
10 . Jahrgang
Die mllomlWalWche Gefahr
Daß in dem Reichstags den das deutsche Volk am 14 .
September wählt , etwa jeder ' zehnte Reichstagsabgeordnete der
Nationalsozialistischen Partei angehören wird , muß leider schon
heute als Tatsache angenommen werden . Hüten aber sollte
man sich davor , dieses unzweifelhafte Anwachsen der national¬
sozialistischen Bewegung nur einseitig unter jüdischem Gesichts¬
winkel zu werten . Gewiß ist der Antisemitismus eine Wurzel ,
vielleicht die Hauptwurzel der wachsenden Bewegung . Aber
da beute von den Nichtjuden die Einen in dieser Frage vor¬
urteilsloser Betrachtung nicht mehr zugänglich find und die
Anderen sie als ein Blümlein Rühr - mich - nicht - an betrachten ,
sollte d . er Kampf von allen vom jüdischen Schauplatz auf
den ihm gebührenden Kampfplatz Verlegt werden , auf den
Kampfplatz um die deutsche Zukunft .
Tie Nationalsozialisten schmähen uns Inden ; das geht
gewiß nicht nur uns selbst an . Aber weit mehr noch geht es
die Reichslagswähler an , daß ihre Lehre eine Schmähung des
deutschen Volkes , der Menschheit schlechthin ist . Nehmen wir
einmal ruhig an , daß die Inden alle schlechten Eigenschaften
besäßen , die ihnen ihre Gegner andichten und noch einige
hundert dazu . Wäre es dann nicht die größte Mißachtung
des deutschen Volkes , zu vermuten , daß es sich durch eine
derartige jüdische Gesellschaft verführen läßt ? Werfel hat
einen seiner Romane genannt : „ Nicht der Mörder , der Er¬
mordete ist schuldig " . Wenn dieses Paradox irgendwann einen
Sinn haben kann , hier müßte es , hätten die Antisemiten recht ,
Anwendung finden . Tenn die Tatsache . ließe sich ja nicht aus
der Welt schaffen , daß diese Tötung der deutschen Seele ohne
militärische Machtmittel nur durch freiwillige Fügung einer
neunundncunzigsachcn Ueoermacht möglich ist . Adolf Hitler
hat ein Buch „ Mein Kampf " geschrieben , in dem sich zum
Beispiel dieser Satz findet : „ Siegt der Jude mit Hilfe seines
marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser
Welt , dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit
sein , dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmil¬
lionen menschenleer durch den Aether ziehen . "
Lassen wir einmal . Hitlers Prophezeiung gelten . Müßten
dann nicht die herrlichsten Gesänge auf die Juden angeftimmt
werden , die derart Gewaltiges , gleichoiel , ob es erwünfcht
ist oder nicht , zu vollbringen vermögen ? Alle Juden Teutsch -
lands zusammen wählen schätzungsweise sechs bis sieben
Reichstagsabgeordnete . Ter aufgelöste Reichstag zählte - 191
Mitglieder , unter ihnen 12 Nanonalsozialisten . Wenn bei
diesen Zahlcnverhältnissen der vom deutschen Volk gewählte
Reichstag , wie . Hitler meint , je „ die seichteste Schwätzerinstitu¬
tion ^ aller Zeiten " werden konnte , wenn all fein Schaffen
„ verjudet " war , so ist da - : doch ein geistiges Armutszeugnis
für das nichtjüdische Teutschland . Hätte Hitler mit den Ju¬
den Recht , sein Narionalstolz ermangelte des Objektes , auf den
es stolz sein könnte .
Man mag es für richtig oder für falsch halten , wie die
Nationalsozialisten die jüdische Rasse werten . Mag ihr ge¬
ringschätziges Urteil anerkennen oder das Vorzeichen tauschen .
Gleichviel . Tas Eine ist gewiß : jede derartige Kollektiv -
Wertung von Menschengruppen nach dem Blute statt nach dem
Geiste , jedes Anerkenntnis des Rajsenprinzips im Staate muß
zur Auflösung des Begriffes der Volksgemeinschaft führen .
Soll die Willensentscheidung des Einzelnen durch den Nach¬
weis des Stammbaums ersetzt werden ? Wie viele wohl wer¬
den den Nachweis der Reinrassigkeit führen können nach der
— - um mit . Hitler zu reden — erfolgten „ Blntscergiftung ,
da jede ^ Warenhausjüdin als geeignet gilt , die Nachkommen¬
schaft Seiner Durchlaucht — die allerdings dann danach aus¬
sieht — zu ergänzen . " ( Im umgekehrten Falle würde Herr
Hitler wohl von der Schändung des armen Christenmädchens
durch den feilen Juden reden . )
Toch Rasse hin — Rasse her . Wie gering muß man die
Macht der deutschen Kultur , den Klang der deutschen Sprache ,
den Zauber der deutschen Heimat schätzen , wenn sie nur
einer Rasse etloas gelten können . . Hier offenbart sich die
ganze Gefahr : daß die Geisteskultur durch Rrssenverherrli -
chung ersetzt wird . Frank Thieß hat diese Gefahr richtig er¬
kannt , als er schrieb : „ Tas Rassegefühl als politisches Kampf¬
mittel muß endlich ausgegeben werden , denn dadurch wird die
Verwirrung maßlos vergrößert und das Unheil zu ungunsten
der großen geistigen Standpunkte permanent gemacht . Es geht
nicht an , daß jeder siebzehnjährige pommersche Jnspektörs -
sohn einfach ! durch die nichtssagende Tatsache seines unjüdischen
Blutes sich für einen erlesenen Sproß Gottes hält und bei
den Namen Liebermann , Rathenau oder Einstein ausspuckt .
Hier wird nicht der Jude beleidigt , sondern in ihm der Geist
durch einen , der noch nicht einmal das ABC des Denkens !
gelernt hat . Auf Grund nicht der geringsten Leistung wird
so ein unchristlicher , barbarischer Hochmut erzogen , der sich
wie jede . Hybris am ganzen Schicksal der Rasse rächen muß . "
Gilt die Auffassung als richtig , daß das Blut den Geist
formt , so sind die geistigen Verschiedenheiten innerhalb der
gleichen Blutsgemeinschaft unerklärbar . Und es ist wahrlich
nicht verwunderlich , daß dann die Wertung der Persönlichkeit
ersetzt wird durch die Hochschätzung des eigenen und die Ge¬
ringschätzung des fremden Raffenangehörigen . Schiller sagt
im Wallenstein : „ Es ist der Geist , der sich den Körper baub "
In der neuen Toktrin bestimmt stattdefsen das Blut dm Geist .
Tie Kosten für diese Wandlung , erhält sie in der Politik
Geltung , wird das deutsche Volk zu zahlen haben . . Hat dieses
doch niemals Persönlichkeiten nöliger zur Leitung seiner Ge¬
schicke gehabt als in dieser traurigen Gegenwart .
Toch nicht nur im Inneren drohen dem deutschen Volke
Gefahren von der nationalsozialistischen Bewegung . Tie deut¬
sche Außenpolitik der letzten zehn Jahre , die auf die Befrie¬
dung der Welt und die Revision des Fricdensvertrages von
Versailles durch Verständigung abzielte , soll durch ein neues
Blutbad kriegerischer Verwicklungen ersetzt werden . Hitler —
und wie der Herr , so ' s Gescherr — schreibt in seinem Buche
ganz offen , cs muß „ von der Fibel des Kindes angesangen
bis zur letzten Zeitung jedes Theater und jedes Kino , jede
Plakatsäule und jede freie Bretterwand in den Tienst dieser
einzigen großen Mission gestellt werden , bis daß das Angst¬
gebet unserer heutigen Vercinsvatrioten „ . Herr , mach uns
frei ! " sich in dem Gehirn des kleinsten Jungen verwandelt
zur glühenden Bitte : „ Allmächnger Gott , segne dereinst unsere
Waffen ; sei so gerecht , wie du es immer warst ; urteile jetzt ,
ob wir die Freiheit nun verdienen ; . Herr , segne unseren
Kamps ! "
Wahrlich , weniger kann man nicht vergessen , weniger
kann man nicht hinzugelernt haben . Unterliegt es doch keinem
Zweifel , daß ein neuer , von Teutschland provozierter Krieg
den Verlust der deutschen Selbständigkeit , den Untergang deut¬
schen Volkstums im Gefolge haben würde . Hitler hat für
die Gegnerschaft der Anderen ein cmsach . es Rezept . Bon Eng¬
land sagt er : „ In diesem Lande der „ freiesten Demokratie "
Wir veröffentlichen den nachstehenden Artilel , der eine
Ansicht wicdergibt , die in zahlreichen an uns gelangten
Zuschriften zum Leitartikel der vorigen Nummer zum Aus¬
druck kommt . Wir glauben aber , daß dennoch die in der
vorigen Woche hier vertretene Ansicht nicht unberechtigt ist .
Es ist selbstverständlich , daß ein Jude keine Partei wählen
kann , die ihm die Mitarbeit in der Partei satzungsgcmäß
nicht ermöglicht . ES erscheint uns ferner vom Standpunkt
des einzelnen Wählers aus verfehlt , die Wahlenücheidung
nur unter jüdischen Gesichtspunkten zu treffen . Bai den¬
jenigen Parteien , bei denen Juden auf Grund der Partciver -
sassung als Mitglieder teinerlci Beschränkung unterliegen ,
scheint cs unS Pflicht der sich zum sonstigen Parteiprogramm
bekennenden jiidrschen Deutschen zu sein , darauf hinznwirken ,
daß es in Zukunft eine „ Judcnsrage " in der Partei nicht
mehr gibt . Da das Anschwellen der antisemitischen Bewegung
nicht zuletzt aus die wirtschaftlichen Verhältnisse zurück -
zuführcn ist , dient auch der Bekämpfung des Antisemitismus
jeder am besten , wenn er neben den jüdischen Gesichtspunkten
auch wirtschaftlichen Betrachtungen Raum gibt .
Für Sozialdemokraten ist selbstverständlich die hier er¬
örterte Problematik nicht gegeben . Daß sie die sozialdemo¬
kratische Liste wählen , ist selbstverständlich . Daß oder jemand
nur wegen der Jndenfrage die sozialdemokratische Liste wählen
soll , wenn er sich beispielsweise von ihrem Wirken aus wirt¬
schaftlichem und sozialem G - ebict eine weitere Verschlechterung
unserer Lage verspricht , erscheint uns von jedem Standpunkt ;
aus kaum möglich . Die Red .
Es war einmal ein Herr , dessen Pelz so schmichijg
geworden war , daß . er ihn nicht mehr tragen lonnte . Ta
ries er seinen Knecht und befahl ihm : „ Wasche mir den
Pelz , aber mache ihn nicht naß ! . . . So lieb Tir Tein
Leben i st, " . . .
Es war einmal eine sehr besorgter Vater , der seine
Familie und die schwachen Kinder sehr liebte . Da drohte
unmittelbar eine große Gefahr . Ter Vater versammelte seine
Familie : „ Meine Kinder " , ries er , „ die Gefahr steht vor¬
der Türe . Ich will Euch retten durch den besten Rat !
Wenn die Gefahr kommt , so mache jeder was er will ! " . . .
Es war einmal ein Politiker , der das Wort prägte
von „ dem Jntecesseutenhausen , gegenüber dem einigen Staats -
rolke ! " Uno als ' es notwendig wurde , siehe , da zerfiel ,
die feisteste Gemeinde als Staatsvork , von allein in vielfache
Jnteressentenhaufen . Und das nannte man dann Politik ! . . .
Das
Berliner Wahlbüro
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diktiert der Jude auf dem Umweg der öffentlichen Meinung
heute noch fast unbeschränkt . " Von Frankreich : „ Tiefes an
sich immer mehr der Vernegerung anheimsallende Volk bedeu¬
tet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherv -
schung eine lauermde Gefahr für den Bestand der weißen
Rasse Europas . " Von den Vereinigten Staaten : „ Aber nichft
nur die alte Welt hält der Jude umgarnt , sondern auch der
steuen droht das gleiche Schicksal . Juden sind die Regenten
der Börsenkräfte der amerikanischen Union . "
Anders als sonst in Menschenköpfen - malt sich in diesem
Kopf die Welt . Soll von solchen Narren die Welt in neues ,
noch größeres Unheil gestürzt werden ? Stresemann hätte
dieser Gesellschaft wohl beharrlich seine Rückseite zugekehrt .
Will sie Scholz nach den Wahlen als Bundesgenossen be¬
grüßen ?
Tie Entscheidung der Reichstagswahlen am 14 . Septem¬
ber wird nicht nur für die Judenfrage , sie wird für die Ge¬
samtinteressen des deutschen Volkes von Bedeutung sein . Und
deshalb ist es nicht nur für uns als Juden , sondern nicht
minder für uns als Deutsche dringende Pflicht , mitzuarbeiten
an der Vorbereitung der Entscheidung . Tas „ Deutschland
erwache " muß einen Sinn erhalten , durch den das deutsche
Volk von her Kulturschande der nationalsozialistischen Bewe¬
gung befreit wird . B . W .
Was ist o : e Knust der Politik ? Politik ist nichts
arideres als die Kunst des Voraussehens . Politisch denken
Heist voraussehen , was eintrefsen wird oder muß , wenn
in einer bestimmten Situation bcstimrnte Mittel angewen -
det werden .
Nichts wollen und nichts voraussehen , nur . rastlos
greinen oder beten oder innigst wünschen : das ist das .
Wesen des politisch dummen Kerls , des Spießbütgers . Es
ist gleich , ob er die Landstraße als Lumpenproletarier be¬
völkert oder einen Kramlaoen hat , oder gar eine goldene
Kette mit Brillanten trägt .
Und so untersuchen wir in der vertrackten Zeit , jetzt
die Politik , die den Juden sür die Reichstagswahlen an -
zuraten ist .
*
Es wird schtoec fallen , bestimmte politische Gruppen
nicht mit Namen zu nennen . Tue ich aber das , so möge
man nicht eine bestimmte feindselige oder freundliche Ein¬
stellung gerade zu ocr Grupps vermuten , die mich leitet .
Ich untersuche nur , ohne Sympathie oder Antipathie , wie
ein mathematisches Ergebnis .
Sehen wir ern klein wenig mathematisch voraus . Zu¬
erst nur einige Zahlen . In Teutschland leben nach oer
letzten Volkszählung 560000 Juden . Nehmen wir die na¬
türliche Volksvermehrung etc . dazu , so wollen wir die runde
Zahl von 600050 gelten lassen . Im wahlfähigen Alter dürf¬
ten ungefähr 160009 bis 180000 Juden stiehen . Uno da
die Juden nicht zur Partei der „ Nichtwähler " gehören , darf
man annehmen , das ungefähr dieselbe Anzahl jüdischer Stim¬
men zur Verfügung stehen . Nehmen wir noch die unter
unmittelbaren Einfluß Stehenden dazu , so kann man wohl
sagen , daß die Juden 220000 bis 240000 Stimmen stlark
sind .
Tiefe Stimmenanzahi bedeutet , daß 6 — 8 Reichsta ^ s -
mandate mit ihnen zu erobern sind . Jetzt bei den Listen¬
wahlen . In einer anderen Wahtlonstellation bedeuten diese
jüdischen Stimmen noch mehr . Kann man aus diese Stimmen¬
zahlen eine Politik aujbauen ?
Treiben wir jetzt ein klein wenig abstrakte Politik !
Tiefer jetzt zu wählende Reichstag wird aller Vor¬
aussicht nach kein langes Leben haben . Dazu sind die Ge -
Der Aufmarsch ; u den Reichskagswahleu
Zn dem Artikel von Moritz Simon .
Von Sieg mu n d Reis .