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ganzjährig.Kronen 12-
Deutschland, ganzjährig.Mark 12 —
Rußland, ganzjährig ....... Rubel 16
Balkan, Frankreich ...... Frank» 4׳—
Wien-Brünn.
Hickls Jüdischer
M - Killender
16. Jahrg. Preis K 350 ־ .
Jrod Max. In der Fabrik.
Senedikt Clotilde: Aus der weibl. Armenpflege
ru Josef: Kriegswaisen.
John Dr. Carl Altona: Judentum und Freiheit
7 euchtwang Dr.: Brüder ganz Israel
7 ärber Dr. R.: Unsere Israel. Militärseelsorge
[Giinzlg Dr. I.: Die Philosophie des Rabbi Beer
Mezeritsch . . ...
|mber 8. J.: Frihling 1915 ....
Coh^iit Dr. Ad.: Allerlei Geschichten v. König Salomo
(dnig Eisig: Kriegspassah . .
[urreln Prof. Dr. A.: Rabbi Israel Baal-Schem
llüller Dr. E.: Prophetenvvorte . . .
teusser Regine, Breslau: Fanny von Arnstein:
{othbllum Dr.: Großvaters Tod ....
tawltsch Meiiech: Aufotmen . .
{elfer M.: Pravoszitelstwo ....
Schach Fabius, Hamburg: Weltschmerz
Schach Fabius, Hamburg: JQd. Kriegsaphorismen
Scherlag Lorenz : Der Tod geht um
^chmahl Grete, Wolf: Militärzug an der Grenze
Schreiber Helnr. Dr.: Die Kultussteuer und der Krieg
stoclstl Theodor: Das Heilmittel
herein zur Errichtung von Volksküchen
torein Kurförsorge im Krtejj*.
)as allgemeine Jüdische Krankenhaus in Jerusalem
Jünnftr 1918.
Swath 5677.
Die Stunde der Entscheidung.
Es gibt Zeiten, die sich von einander nicht
abheben u. wo alles im gewöhnlichen Fahrwasser
verläuft. Gleich den Ebenen, die immer dasselbe
Niveau einnehmen, weisen die Völker Epochen
auf, in denen das Alltägliche, ׳Banale, ja Triviale
überhand nimmt und wo das Feierliche geradezu
ausgeschaltet wird׳.
Dagegen gibt es kürzere oder längere Zeit-
räume, die gie springenden Punkte in der kultur-
historischen Entwicklung dieses Volkes oder der
Menschheit bilden.
Zu diesen Glanzperioden gehören: das g!rie-
chische Altertum zur Zeit des Perikles, die italie-
nische Renaissance, die deutsche Reformation, das
17. Jahrhundert ׳iin. Frankreich usw. Dies sind li-
terarische und unsterbliche Blütcperioden, die
allen geistigen Erzeugnissen ihren Stempel auf-
drücken. Doch gibt es auch Vorbereitungszeiten,
die in künstlerischer Hinsicht Wohl nicht den Hö-
hepunkt bedeuten, wo aber gewisse Vorblicke für
die Zukunft sich eröffnen.
Das jüdische Volk, das Jahrtausende in der
Verbannung lebte, begann int letzten Drittel des
19ten Jahrhunderts seine Auferstehung zu fei-
ern, da es sich seiner früheren geistigen Erzeug-
inisse und einstiger Mission bewußt geworden ist.
Da hat es die hebräischen Schätze zu würdi
gen begonnen, die hebräische Sprache meisterhaft
ausgebildet, Dichter, Schriftsteller und Kabba-
listen sind auf den Plan- getreten, !die Erstklassi-
ges geleistet haben.
Das Interessanteste dabei ist, daß das Ost-
judentum, das bis nun zu gering geschätzt und
verachtet war dieses Wunder bewerkstelligt hat.
Im Laufe von Jahrhunderten sammelten sich in
diesem Judentum Energiquellen an, die Wohl
bctent, aber um so stärker und intensiver sich
dann äußerten, wenn es zum Durchbruch gekom-
men ist.
Prag—Lemberg.
«Feuilleton.
Jarosz.
Nur eine Jüdin!
Einem Juden starb eine Tochter. Solch einem
)ißt Ihr, simplen Juden, der in unserer Vorstadt
tit Mehl handelte. Er hatte nur zwei׳ — und bei-
f'e ließ erauswärts Schulen besuchen. Und als sie
)eimkehrten, erzählte die alte Jüdin, daß sie selbst
Lehrerinnen werden könnten — so gebildet seien
l’ie. . .
״Man kann sagen, daß sie hübsch waren und
tatsächlich wohlgestaltet. Ich beidaure am meisten
bie Verstorbene — obwohl die. Leute sagen, es sei
sine Sünde einen Juden zu bedauern.
I Aber auch sie hatte tnanchmal nt/it mir Mit-
leid. Manchmal pflegte ich im größten Froste
sagen mit Mehl zu schleppen, daß die Knochen
sachten, und dann ging ich in die Küche, um mich
lu wärmen. Die Selige . . (Gott verzeih: was
für Selige, wars doch eine Jüdin) Pflegte mir im
Geheimen vor der alten Jüdin Arrak zu bringen.
— Trinket, — sagte sie — denn ihr seid si-
)erlich durchfroren...
Nie im Leiben hat sich jemand um! mich ge-
künnnjert. Was hätte sie das schmerzen sollen,
iß ich friere? ...
Einmal stieß mir ein Unfall zu. Ich ziehe
mit einer Hand die Mehlsäcke und die zweite,
wißt Ihr, stützte ich stark auf die Radstange. Die-
ser Hallunke, der Klempnerssohn von vis-a>-vis,
macht sich beim Wagen zu schaffen. Ich sage ihm
in der Güte: Schau, daß du fortkommst, du Hun-
desohn, denn Wenn ich dich erwische ... Er aber
beginnt gar, mich zu beschimpfen: Jüdischer
Fuhrknecht — sagt er. Was dieser Hundsfott mich
giftet... Da griff er nach der Deichsel und dreht
sie um. Meine Hand geriet in die Radspeichen...
und von drei Fingern wurde die Haut bis auf
die Knochen geschunden.
Ich renne nach der Küche, und sie war gern-
de drin. Gott möge ihr die Sünden vergeben .
obwohl sie eine Jüdin ist. Sie bandagiert nun
sachte, sorgfältig.
— Schmerzt es auch sehr? fragt sie mich,
und auf ihrem Gesicht sehe ich einen aufrichtigen
Kummer.
Sagt, wozu hat sie das gesagt? . . . Hatte
sie denn Schmerzen? Niemand in der weiten
Welt hat mich je gefragt, ob mir was Weh tut...-
Bis sie einmal erkrankte. Ich weiß nicht,
was ihr geschehen ist, genug, daß sie krank wurde.
Es dauerte nur vier Tage — der Jude berief von
weit und breit Aerzte — es. half aber nichts. Mei-
ne Lieben, den Tod kann man selbst mit einem
Sack Geld nicht bestechen. Nichts hilft. Ich kehre
Jetzt steht das Ostjudentum strahlend da
mit Idealen ausgestattet, mit einer autochthonen
Literatur unid Sprache versehen und will sich in
jeder Hinsicht national ausleben. Auch das West-
judentum, das bis nun geradezu teilnahmslos
sich erhalten hat, da es sich bereits in jeder Hin-
sicht den Völkern angepaßt hat, hat vom! Ostju-
dentum beeinflußt die Assimilationshülle abge-
streift und sich mit jüdischen Lebens- und WÄt-
anschauungen durchtränken lassen.
Doch gibt es noch in einem jeden Lande ein
Häuflein Juden, das starr an der Assimilation
hält und sich als Deutsche, Franzosen etc. ausge-
ben.
Besonders ist in Deutschland eine Verbrü-
rung, die das Schädliche repräsentiert, denn es
besteht aus Personen die, weil sie Geheimräte ge-
worden sind, das Recht beanspruchen zu dürfen
,glauben, in jüdischen Dingen mitzureden, obwohl
ihnen meist das Judentum Hekuba ist und sie
sich desselben nur als Staffage bedienen.
Sie wollen just die Fahnenträger des Juden-
tums sein, obwohl sie sich als Deutsche! ausgeben.
Merkwürdiger, unbegreiflicher Mederspruch!
Jude und Deutscher in einer Person! Diesen kras-
sen Wiederspruch merkt weder der Logiker Her-
mann Cohen, der den Satz des Wiederspruchs
sicher kennt, der aber von der Jdentitätsphiloso-
phie Schellungs beeinflußt worden zu sein scheint.
Dann der allzugelehrte Ludwig Geiger, der
keine' Gelegenheit vorübergehen läßt sein lieber-
deutschtum zu dokpmientieren, dabei aber für sich
das Recht beansprucht, über jüdische Sachen, von.
denen er keine Ahnung hat zu Gericht zu sitzen.
Ziemlich fremd ist ihm die hebräische Sprache,
von der jüdischen Geschichte kennt er nur dasje-
nige, was mit der allgemeinen Geschichte zusam-
menhängt, aber für das lebendige Judentum hat
er allerdings kein Verständnis. Da kommen die
Herren und trotz ihrer philosophischen und litera-
rischen Kenntnisse entblöden sie sich,nicht infolge
I irifii ■ ■■ I . .' l itpriQSji
mit Mehl zurück und höre von der Höckerin, sie
sei schon dahin, Hch verspürte ein Stechen knapp
beim Herz, wie Nadelstiche. Ich gehe!näher, da es
ein furchbarer Lärm. Der Jud' hat beinahe den
Verstand verloren, rauft sich das Haar. Die Mut-
ter war wie ohnmächtig, sie schrie selbst nicht
mehr. Ich stehe mit de rPeitsche in der Hand—
schau das an — und es tut mir weh.Wjißt ihr, es
tut mir furchtbar Weh! ...
Es sammelten sich viele Leute an — ich höre,
ringsum redet man von ihr, aber niemand be-
dauert sie.
— Sie ist gestorben — reden sie unterein-
ander — ein Jud' weniger.
— Und die Teufel tanzen vor Freude...
Es. ist ja wahr, was man sagt — ein! Jud'
kommt wohl nicht im den Himmel. Und sie hat
mich doch gefragt...
— Nikolo bedauert sie nicht! Jeder Jud' ist
ein Dieb.
— Hat sie auch viel gestohlen?
Frau Maciejowa schlug Lärm. Sie be-
schimpfte vor Leuten meine Familie, aber ich ma-
che mir nichts daraus. Das Weibsbild ist eine
Hexe, alle wissen, daß sie drei Männer ins Grab
gebracht hat.
Gleich am folgenden Tag hieß man das
Mädchen beerdigen, weil es an Typhus gestorbetr
war. Der Sarg wurde auf den Wagen gelegt umd
Üben eWen: ״Kickl's WWer