Sahrg. XX.
Nmnmer 8.
«»»»«»Preise:
hakbjLhrig . . . ... . JNonen 12*50
ganzjährig.Kronen 24׳—
Deutschland, ganzjähr»».Mark 18 —
Rußland, ganzjährig Rubel 12 *—
Bauan, Arantreich Frank» S4 —
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( ^
Herausgeber: Max Hickl.
Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 8
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Passah.
(Motto:) Werden diese Gebeine wieder aufleben?
(Jecheskiel Kap. 37. Vers.)
Zum fünften Male seit Ausbruch dieses Unglück-
seligsten, durch Uebermut, Herrschsucht, nationalen
Chauvinismus hervorgerufenen Weltkrieges, begeht das
jüdische Volk in allen Weltteilen das Passahfest, das
Fest der Befreiung und Menschwerdung des jüdischen
Volkes.
Zu arm der Wortschatz um all. das zu schildern,
was unsere Brüder, die Flüchtlinge in diesem Weltkrie-
ge mitgemacht haben. Ströme jüdischen Blutes sind un-
schuldig geflossen. Tausende und Abertausende Brüder
sind im Kampfe um ihr ״vermeintliches Vaterland" ge-
fallen und zu Krüppeln geworden. Tausende wurden
vvn ihrer Wohnstätte vertrieben. Hunderttausende ihrer
Existenz, ihres Hab und Gutes beraubt, Weiber und
Mädchen geschändet, Kinder in bestialischer Weise getö-
tet, jüdisches Eigentum vernichtet.
Wohl hat auch ein Teil Juden, jedoch ein winzig
kleiner Teil, sich am Kriege bereichert. Wohl ist es einer
kleinen Zahl gelungen, während des Krieges zu Wohl-
stand zu gelangen. Das jüdische Volk wird aber, wie es
leider immer der Fall ist, in seiner Gesamtheit für
eventuelle Fehler und Sünden Einzelner verantwort-
lich gemacht. ״Jüdische Solidarität" heißt dieses Schlag-
Wort. Wie es aber wirklich mit dieser Solidarität be-
stellt ist, davon wissen wir ein Liedchen zu singen. In
Wirklichkeit ist diese «Solidarität" ein Truggebilde.
Der Modernismus, der Fortschritt, der Materialismus
haben uns Juden daS Solidaritätsgefühl geraubt. Es
besteht leider zum größten Teile ein Egoismus, der jede
ideale Regung in einem großen Teile der Menschheit
und auch der Juden, erstickt hat.
Die Sehnsucht der Nationen nach Befreiung und
Selbstbestimmungsrecht wird wohl kein Volk der Welt
so zu würdigen wissen als wir Juden. Wir haben die
Feuilleton .
Bor Pi Hachirot.
Nach einem Midrasch von Schlesinger-Silenski.
Unaufhaltsam, von ihrem Führer geleitet, zogen
die Israeliten vorwärts. Und es zog mit ihnen die leuch-
tende Feuersäule, das Gefühl des Befreitseins, das
jauchzende, unaussprechliche Glück, als Freie das Land,
das ihre Kraft ausgesogen, für immer verlassen zu
haben.
Ein Gedanke bewegte die ganze große Menschen-
Masse, ein Pulsschlag durchzuckte sie. . . sie waren
frei ... sie hatten sie erreicht, erlebt, die goldene, süße,
himmlische Freiheit, nach der sie sich nach so langer
schmachvoller Knechtschaft gesehnt.
Der lange Zug ging, Umwege machen-, durch die
Elamwüste. Kein Hügel, keine Klippe erhob sich in dem
unermeßlichen Raume. Sie traten heraus aus der
üppigen Fülle des organischen Lebens und sahen vor
sich den öden Rand der baumlosen, pflanzenarmen
Wüste. Keine Oase winkte ihnen entgegen, kein behaue-
ner Stein, kein verwilderter Fruchtbaum erinnerte an
das Dasein des Menschengeschlechtes. Ueber ihren Häup-
tern die Strahlen der nie umwölkten Sonne, zu ihren
Füßen der glühend heiße Wüstensand. Und trotz dieser
sie von überall umgebenden Armut fühlten sie sich un-
Befreiung der Nationen auf das allerfreudigste begrüßt.
Wie wurde aber die Freiheit von den seinerzeit Bedrück-
ten, in die Tat umgesetzt? Der Jude bekam es zu füh-
len was ״Freiheit" bedeutet. In den meisten Ländern
haben die Pogrome eingesetzt. Wieder wurden Hunderte
Juden hingeschlachtet, jüdisches Hab und Gut Vernich-
tet, tausende Juden um ihre Existenz gebracht.
Wenn am Passahabend in den jüdischen Familien
der Seder in feierlicher Weise begangen werden wird,
wenn die vier Fragen von jugendlichem Munde zögernd
gelispeld werden, so wird uns in dieser feierlichen Stun-
de eine fünfte Frage beschäftigen; was wird der Völ-
kerfrühling, was wird der Friedenskongreß dem jüdi-
schen Volke und der Menschheit bringen!
Werden die dürren Gebeine wieder aufleben? Wer-
den sich die Hoffnungen der Nationen endlich erfüllen?
Wird man endlich die Formel finden, die die Liebe mit '
dem Rechte, die Freiheit mit dem Gesetze brüderlich auf
Erden zusammen wohnen werden? Wird der Jugend-
träum, daß der Wolf neben dem Schafe weiden und der
Friede und die Freiheit, das Recht und die Menschlich»
keit, nicht auf den Spitzen der Bajonette und in den
Feuerschlünden der Kanonen ihr verkümmertes Dasein
zu fristen verurteilt sein wird in Erfüllung .gehen?
Werden endlich die Nationen einsehen lernen, daß auch
dem jüdischen Volke sein Selbstbestimmungsrecht einge-
räumt werden mutz, daß auch wir Jckden das Recht der
Freiheit besitzen. In diesem Sinne begrüßen wir nach
dem gewaltigen, blutigen Ringen, unser Passahfest in
der Hoffnung, daß es auch dem jüdischen. Volke vergönnt
sein wird, sein Selbstbestimmungsrecht zu erlangen.
Die jüdische Schule.
In der letzten Plenarsitzung des jüdischen Ratio»
nalrates für Deutschösterreich wurde die brennende,
vielleicht die brennendste Frage der jüdischen Gegen-
wart im Galuth besprochen, die Frage der weiteren
Existenzmöglichkeit, die in der jüdischen Schule liegt.
Mit dem Auftreten der.national-jüdischen Bewegung
trat auch diese Frage auf, deren Lösung und Verwirk-
lichung eines der Hauptziele und Endresultate jener
״alle jüdischen Werte umwertenden" revolutionären
Bewegung ist. Sie ist aber ein Problem, das zu lösen
man durch so viel Jahre hindurch nicht imstande war,
weil, wenn man genau hinzielt, der Kern einer derar-
Ligen Erziehungsfrage nicht leicht zu bestimmen ist,
weil die Meinungen in bezug auf die Accentnierung
viel zu verschieden waren. Die einen, und das waren
die, die bisher in der jüdischen Welt alleinbestimmend
waren, weil sie die Unzulänglichkeit der bisheriges Ge-
setze auf ihrer Seite hatten, wollten den Ton auf
״Schule" gelegt wissen, das Spezifische vollkommen
verkennend und auf dje für ihre Begriffe in ״Finster-
niS" lebende Masse des jüdischen Ostens hinweisend,
in ״Finsternis״ lebend, wenn man den nahezu blöd-
sinnigen Maßstab ihrer eigenen Frack-Kultiviertheit,
den Konsum an Haarpomade in Rechnung zieht. Die
anderen, das war wohl die Mehrheit der in dieser Fra-
ge Thearetisierenden (von einer Praktizierung der Ge-
danken war. keine Rede) wollten in richtiger Erkenntnis
historischer Entwicklung und vollkommen zutreffender
Wertung. geistigen Werdeganges, daß dem Beiwort
״jüdisch" zur Gänze Genüge getragen würde. Allein sie
hatten weder gesetzliche noch finanzielle Mittel, um
durch Verwirklichung die Richtigkeit ihres Vorhabens
beweisen zu können. Dazu kam noch, daß in ihrem ei-
genen Lager jener heillose, noch immer nicht ausgetra-
gene Sprachenkampf ausbrach, der nahezu bis zur
Langweile fortgesetzt nichts Fruchtbares aufkommen
ließ. Es trat ein Chaos ein, das zu entwirren unge-
mein schwer erschien. So im jüdischen Osten. Die West-
juden machten sich darüber gar wenig Kopfzerbrechen.
Bei ihnen wanderte alles in Zersetzung fort. Aber alle
dem machte der Krieg ein jähes Ende. Im Osten be-
ginnt sich der Knäuel allmählich zu entwirren. Manche
wirklich jüdische Schule, die gerade im Kriege entstan»
den'ist, bezeugt es. Und welchen Ausgang immer der
Kampf um die jüdische Autonomie im Osten nehmen
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endlich reich, denn hoffnungsfreudig und .vertrauend
blickten sie auf ihren großen Führer. Unv leitend ׳führte
Moses das Volk all dieWege, die Gott ihm vorge-
zeichnet.
Und das Volk zog nach Pi Hachirot zwischen Migdol
und dem Meere. «Sie sollen lagern vor Pi Hachirot",
so lautste der Befehl. Von der wasserarmen Wüste weg
sahen die Israeliten plötzlich vor sich die unabsehbare,
glänzende Meeresfläche. Schäumend schlugen sich die
Wellen und Wogen an die kantigen Klippen, die von
dem blühenden Gestade wie bekränzt erschienen. Herr-
liche Früchte reiften in der feuchtwarmen Luft, und
süße Wasserquellen plätscherten durch moosiges Gestein.
Freudig schlugen die Wegemüden ihre Lager im Schat-
ten der Palmen auf. j
- Doch horch, welch ein Schall durchschüttert die Luft!
Von weither kommt er, ganz dumpf, — doch mächtiger
und mächtiger wird der Ton, wie das Getöse des Don-
ners, wie das Grollen der Windesbraut.
Die Israeliten horchen auf. Betroffen blickt einer
auf den andern. Der Boden unter ihnen beginnt lang-
sam zu zittern. Will sich die Erde auftun, um sie zu
verschlingen? Welch' Verderben droht ihnen?-
Da, die Staubwolke wird dünner, sie sehen hinter
sich, — und ein betäubendes Entsetzen ergreift selbst den
Mutigsten unter ihnen. Sie kommen ihnen nachgezo-
gen, ihre Verderber, ihre Peiniger, vor denen sie sich,
für immer schon sicher gefühlt hatten. Als wäre ganz
Mizrajim in Bewegung, so groß ist die Zahl ihrer Ver-
folger. !
O, jetzt sehen sie es genau. Pharao selbst mit sei-
ner großen Macht, mit allen seinen Reitern und was-
fenfähigen Männern, mit seinen Prachtwagen und
Prachtrossen, führt den Zug, denn es gereute den
Mächtigen, die Israeliten aus ihrer Dienstbarkeit ent-
lassen zu haben.
Ein ungeheurer, furchtbarer Schrei entringt sich
den Lippen der Unglücklichen. Fliehen, weit weg von
ihren Verfolgern!-
Doch wohin? Wo ist ein rettender Ausgang? Wo-
hin immer sie sich wenden, überall gähnen ihnen die
Todespforten entgegen. Vor ihnen das hochgehende
Meer, hinter ihnen die Lanzen und Speere ihrer
Feinde.
Und Schrecken und Angst bemächtigen sich des gan-
zen Lagers, sie sehen sich schon an die Wagen geschmie»
det, sie hören das Triumphgeschrei, die tobende Freude
der sie Ueberwindenden. Im Uebermatze ihrer Furcht
vor den Schrecknissen, die ihrer warten, beschuldigen sie
Moses, daß er freventlich an ihnen gehandelt, indem
er sie Aegpten zu verlassen hieß. «Warum tatest Du
uns dies, war Mizrajim als Grab nicht groß genug
für uns", so riefen sie in wildem Schmerze ihm zu.
Doch Moses, bewaffnet mit Ruhe und Himmelsklarheit,
erschrak nicht vor der tobenden Menge. ״Fürchtet nichts",
ries er, und wieder ruhig wurde das Volk.
* * •
In den höchsten, lichtvollsten Höhen, wohin daS
Auge eines Sterblichen noch nie gedrungen, auf ewi-
verbreM <lle JdiKlte Uolksstimme“.
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