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1UEDISCHE KUNDSCHAU
Nr. 59
zu unterbände!״, drückte die Rentabilität inelir, als man
aiutc Urnen sollte. So gibt cs noch eine ganze Reihe von
Verlusten, die aus diesem System der Finau/gcbaning
erwachsen und die unpnxluktivcn Ausgaben im Ver-
Iiältsus zu den eigentlich produktiven dauernd ver-
grölkni. Cs ist daher kein Wunder, daß !teilte bereits
einzelne Siedlungen über dieses System Beschwerde (iili-
reu. Sie weisen an( Grund ihrer Berechnungen nach;
daß nur ein Teil der ihnen übergebenen Gelder wirklich
investiert werden konnte. Sie verlangen, daß nicht sic,
sondern die Exekutive die Verluste, die ihnen erwachsen
sind, trägt, und diese Verluste erreichen unter Umständen
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Der dritte Punkt wird dadurch charakterisiert, daß
fast keine unserer Siedlungen bisher wirklich Wirtschaft-
lieh selbständig geworden ist. Nahalnl z. B. sollte in
den zwei ersten Jahren seines Bestehens rund 000 £ pro
arbeitende Familie erhalten und hat in den drei ersten
Jahren n.vid 500 £ bekommen. Wie sehr die Rentabilität
darunter leidet, daß die Konsolidierung nicht programm*
mäßig durehgeführt wurde, daß es noch heute an Produk-
tionsiuittcln jeder Art fohlt, ist klar. Aber Nahalal ist
eine der Siedlungen, die relativ am besten gestellt
und die daher auch die besten Resultate liefert. Viele
andere Siedlungen sind schlechter daran. Wenn man
Bodcnpreis, Amelioration usw. abzieht, so hat z. B.
paganiah A. noch heute nicht die Summen erhalten, die
notwendig wären, um die Investitionen zu machen, die
den Aufbau einer gesunden und lebensfähigen Wirtschaft
ermöglichen. Daganiah erhielt bis heute, also in den
14 Jahren seines Bestehens, 12 000 £. Geradezu gro-
tesk werden die Dinge aber in den großen Siedlungen.
111 E 11 Charod sind für die endgültige Ansiedlung eines
arbeitenden Paares zirka 450 £, in Tel Josef (Gdud)
zirka 550 £, in Beth Alpha etwa 600 £ notwendig. Die
Ansicdlmig von nur 400 Menschen würde also bei
den durchschnittlichen Kosten von 500 £ pro Paar die
Summe von 100 000 £ ausniachen und es kann natürlich
keine Rede davon sein, daß auch nur eine der großen
Siedlungen diese Stimme bisher erhalten hätte oder in ab-
schbarcr Zeit erhalten wird.
Will man all dieses zusammeufassen, so kann man
sagen, daß wir bisher unser Siedlungswcrk auf Kosten
seiner Konsolidierung immer mehr ausgedehnt haben.
Dieses System hatlc zur Folge, daß wir vielfach unsere
Mittel mit einem geringen Nutzeffekt verwandten und daß
fast alle Siedlungen noch Zuschüsse für neue Investi-
tionen brauchen, noch nicht von sich aus lebensfähig
sind. Sie alle sind noch in einem provisorischen und
noch nicht in einem definitiven Zustand. Wird dieses
System fortgesetzt, so erhebt sich die Frage, was daraus
eigentlich werden soll. Man kann nicht bei beschränk-
teil Einnahmen das Siedlungswerk dauernd vergrößern.
Das heißt doch, daß immer neue Siedlungen mit Kapita-
lien für Investitionen bedacht werden müssen, während
noch nicht einmal die ältesten aus unserm Budget ver-
Schwinden. Das heißt, daß jeder einzelnen Siedlung
ein immer geringerer Prozentsatz der notwendigen Kapi-
talien zugeführt, daß der Nutzeffekt unserer Ausgaben
und die Rentabilität unserer Siedlungen immer geringer
werden. Die Lebenshaltung in den Siedlungen, die —
und zumal wieder in der großen Kwuzoth — heute
schon so unsagbar schlecht ist, daß hier eine ernste Ge-
fahr unseres Werkes droht, muß noch weiter sinken. Kurz
cs muß über kurz oder lang eine Konstellation cintrelen,
in der das ganze Siedlungswcrk zusammenzubrechen
droht, weil seine Bedürfnisse im Verhältnis zu unseren
Mitteln zu groß geworden sind.
Diese Gedanken sind es wohl vornehmlich, die zu
der Losung dos Konsolidierungsbudgets geführt haben.
Dem stehen die Verfechter des bisherigen Systems gegen-
über. Sie sagen, daß es aus vielen Gründen nicht
möglich ist, die Aiijali zu stoppen, und die Gründung
neuer Kolonien zu unterlassen. Hier äußert sich wieder
jene charakteristische Wivtschaftsauffassung, die in weiten
Kreisen des Jisduiw herrscht und die letzten Endes
nichts anderes besagt .als: ״Lallt uns nufangen, was
später kommt, können wir später überlegen. Bisher
ist es gut gegangen, Gott wird schon helfen." Diese
Meinung ist für palästinensische Verhältnisse nicht so
absurd, wie sie zuerst anmuten könnte. Aber in diesem
speziellen Fall haben sich die Dinge so zugespitzt, daß
dies ernste Besorgnisse hervonufen muß. Wir wollen
nicht auf die einzelnen Gründe, mit denen gegen die
Konsolidienuigsp-olitik argumentiert wird, ausführlich ein*
gehen. Wir glauben nicht, daß die Verkleinerung des
Budgets, das schon so oft verkleinert wurde, einen Rück-
gang der Einnahmen zur Folge haben muß. Wir glauben
nicht, daß diplomatische Rücksichten uns zwingen kön-
neu — nicht nach .außen, sondern im Bereich unserer
wirklichen Finanzgebarung — mit einein fiktiven über-
höhten Budget zu arbeiten.
Zweifelsohne wird ein Budget von 381000 £ sehr
viele berechtigte Wünsche nicht berücksichtigen. Von
den verschiedensten Seiten her wird man im A. C. zusätz-
liehe Anträge stellen. Der eine wünscht eine stärkere
Berücksichtigung der Universität, der andere die Auf-
nähme der Arbeiter-Gartenstadt ins Budget usw. Natur-
lieh steht dein A. C. das Recht zu, nach eigenem Er-
messen über die Verwendung der Gelder zu disponieren.
Nur eines 1111111 im Interesse einer gesunden Finanzpolitik
gefordert werden: die Grenze der voraussichtlichen Ein-
nahmen darf nicht überschritten werden. Wer die Auf-
nähme eines neuen Postens ins Budget verlangt, muß den
Mut haben, für die Streichung eines entsprechenden
anderen zu stimmen. —
Wird eine neue inncrjüdischc Konstellation uns neue
Mittel erschließen, so ist cs gewiß richtig, wenn wir uns
heute bereits auf ein Koiisolidicrungsbudgct einigen, das
den Kern eines größeren bilden und vorzüglich behandelt
werden kann. Bekommen wir aber diese neuen und grö-
ßcren Mittel nicht, so scheint allerdings der Ucbcrgang
zu einer gesunden Finanz- und Wirtschaftspolitik erst
recht eine Forderung zu zcin, die im Interesse unserer
ganzen zukünftigen Arbeit liegt. Auf jeden Fall wird
das A. C. hier Entscheidungen zu treffen haben, *die
unter Umständen weitaus wichtiger als alle politischen
Resolutionen werden können. R. S-I.
Die Beratungen Eber die Jerusalemer Universität
Am 21. Juli wurde in London die vom Komitee zur
Gründung der hebräischen Universität in Jerusalem einbe-
rufeiic Sitzung eröffnet. Die Sitzung hatte sicli vor allem
mit der Frage der Eröffnung einer geisteswissen•
s c 11 מ f 11 i c 11 c n Fakultät zu beschäftigen. An der
Sitzung nahmen Vertreter der Londoner, Pariser, New Yorker
und Jerusalemer-,. Universitäts-Komitees-., tqil, , außerdem -eine
Anzahl von Sachverständigen. ״■ Folgende Personen waren
anwesend: Chief Rabbi Dr. Hertz (London); Dr. Büch-
ler (London); Dr. Weizmanii, Sokolow, Dr. I. L.
M n g 11 c s (Jerusalem); Grand Rabbiner Lcvy (Paris); Rabbi
Lieber (Daris); ODerrabbincr Dr. C 11 a j c s (Wien); Dr.
Martin Bub er (Heppenheim); Dr. Hugo Bergmann
(Jerusalem); D. Y e 11 i 11 (Jerusalem); M. M. Ussisclikin
(Jerusalem); Dr. L. Mayer (Jerusalem); Zlatopolski
(Paris); Jiidgc Mack (New York) und Dr. Eder (London).
Ztim Vorsitzenden der Kontcrcnz wurde Chief Rabbi
Dr. Hertz gewühlt. Nach einleitenden Erklärungen Sokolows
und Dr. l.'ders sprachen die einzelnen Vertreter der Komitees
und brachten die Anschauungen ihrer Gruppen zum Ausdruck,
Für das Pariser Komitee sprach Grand Kabbin Lcvy, für
das Londoner Komitee Chief Rabbi Hertz, für das ameri-
kanischc Komitee Dr. M a g n e s und für das palästinensische
Komitee U s s i $ c h k i n. Ferner beteiligten sich au der
Debatte Dr. B u b e r, Dr, C h a j c s und andere. Schließlich
wurde ein Komitee eingesetzt, das die Einzelheiten des
Organisatioiisptancs, sowie Pcrsonalvorschläge vorbereiten und
dem Plenum der Konferenz Vorschläge machen soll. Das
engere Komitee besteht aus den folgenden Herren: Dr. Hertz,
I. Levi, Dr. Magncs, Dr. Cliajcs, l>r. Büchicr, Sokolow
und Dr. Huber.
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Mai Nordau
Zu seinem 75. Geburtstag: 29. Juli 1924
Von Heinrich L o c w c.
Wenn nicht dev unerbittliche Tod uns vor fast zwei Jahren
die reine Seele Max Nordnus fortgenommen hätte, so würden
wir jetzt in Vereitrung den 75. Geburtstag des Mannes feiern,
dessen gewaltige Beredsamkeit wie Hammerschläge den Takt
zu dem grollen Werke Theodor Her/ls schlug.
Um Max Nordau würdigen zu können, muß man ihn erlebt
haben. Der eigenartige Zauber, der von seiner liebenswürdigen
Persönlichkeit ausging, der feine Geist, der dauernd im leichten
Gespräch jede Umgebung entzückte, die lautere und reine
Gesinnung, die sich durch ein gewisses unsichtbares Fluidum
jedem rnitteiltc, der in irgendeine Berührung mit ihm kam,
muß erlebt sein, um zu l>cgrctfcn, welche einzigartige Person-
liclikeit dieser Mann war.
Wer ihn nicht so persönlich erleben konnte, dem wird
kein Erzählen und keine Schilderung auch mir einen annähern-
den Begriff von dem geben, was Max Nordau gewesen ist,
Aber ein Nachc-rlebcn ist möglich. Es existieren Denkmäler
von ihm, die bleibender als Erz und Stein sind, die er sich
selbst gesetzt hat, und die ein Nacherlebcn dieser Persönlichkeit
gestatten. Es sind das die Bücher, die er geschrieben, cs sind
das vor allem die Zionistischen Schriften, die bei seinen
Lebzeiten vor 15 Jahren vom Zionistischen Aktionskomitee
hcrausgcgcbcn wurden, als ein Geschenk zu seinem 60. Ge-
burtstage, und die nunmehr zu seinem 75, Geburtstage in
neuer und vermehrter Auflage vorlicgcn.*) Wenn das Aktious-
Komitee damals ״dem machtvollen Tribun, der, ein ncuerstan-
dem-r Jeremias, mit herzerschütternder Kraft die Klagen
unseres Volkes verkündete, dem sprachgewaltigen Anwalt
unseres Rechts, dem Herold unseres Zkmsidcals Max Nordau
zu Ehren seines sechzigsten Geburtstages in tiefempfundener
׳) Max Nordau, Zionistische Schriften. 2. erweiterte
Auflage. Jüdischer Verlag, Berlin.
Protest gegen die arsMsri'.e Exekutive
Wie die Pal. Tel.-Agentur erfährt, ist der a r ״ bi s c 11 e n
nationalen Partei ein von mehreren Stamlcspersoncii
unterzdehnetes Memorandum zugegangen, das gegen die
arabische Exekutive und die vor! ihr nach iledjas
entsandte Abordnung Einspruch ׳ erhebt, ln dem
Memoiaiidmn wird gesagt, daß die Exekutive die Angelegen-
beiten des Volkes nicht zu Recht vertritt. Die erwähnte
arabische Delegation soll auch an dem allgemeinen
mohammedanischen Kongreß, der in Kairo statt-
finden wird, teilnehmen.
öle Einwanderung bcmlllcllcr Personen nach Paläslina
Von über 100 jüdischen Immigranten, die Ende Juni an
einem Tage in Palästina cintrafen, steht fest, daß sie durch-
scluiittlich 7000 Dollar per Kopf mitbrachte״. Die Zahl
der jetzt in Palästina cintreffcndcn Männer und Frauen mit
mäßigem Vermögen kommt ungefähr der Zahl der
Chaluziin gleich. Mit dem Dampfer ״Rumänien“
sind vor kurzem 184 Chaluzim auf Grund der Immigration,?-
qiiotc der palästinensischen zionistischen Exekutive in das
Land gekommen. Unter diesen Ankömmlingen befand sich
eine Gruppe von 60 ־ Pionieren aus der Ukraine, die sich
schon in ihrem EmigratioiishwuJ für die Ansiedlung in Palästina
landwirtschaftlich vorbereitet hatten. Ferner eine Gruppe
sep bardisch er Chaluzim aus Bulgarien.
Der Touristenverkehr in Paläslina
Das ״Commcrciai Bulletin“ teilt mit: Folgende
Aufstellung zeigt das wachsende Interesse, das dem Heiligen
Lande ciügegengebradit wird. Im Jahre 1011 kamen 5700
Touristen nach Palästina; 1012: 4ODO Touristen; 1913: 3900
Touristen; 1922: 13556 Touristen; 1023: 15 501 Touristen.
Außerdem kamen kleinere Gruppen von Juden ins Land,
um hier die Möglichkeiten einer Ansiedlung zu
erforschen oder eine Handclsvcrbindung mit ihrem
Hcimatlandc lierzustcllen. Der Touristenverkehr bedeutet also
für Palästina die Förderung der wichtigsten Industrien. Die
Souvcnierindustricn des Landes, sowie die Perlmutlcrarbciten,
die Oiivenholz- und Tcppicliimhistrie, der Detailhandel im all-
gemeinen, ferner die Hotels, Führer, Kraftwagen- und
Garagenbesitzer usw. machen während der Touristensaison ein
gutes Geschäft. Die Touristensaison beginnt Ende Februar
und währt bis zum Juni. Das Klima ist während dieses
Zeitraums sowohl auf den Bergen, wie in den Tälern ideal.
Die Saison 1924 war ausgezeichnet, da die Zahl
der von Unternehmungen gcfünrtcn und allein reisenden
Touristen die der vorigen Jahre über traf. Ein intcr-
cssautcs Symptom dieser Saison war die Wiederkehr
der Pilgerfahrten nach Palästina- Einige von kirch-
liehen Würdenträgern geleitete, meist katholische Gesell-
schäften besuchten das Land. Ein anderes interessantes und
erfreuliches Symptom war die Ankunft vieler jüdischer
Kauf teilte aus Polen und Oesterreich nach Pa-
lästina. Sic erwarben Boden und vermittelten den Handel'
zwischen ihren Ländern und Palästina.
Die Aguda nnd Herbert Samuel
Der ״Jcwish Croniclc" bemerkt im Anschluß an
den Bericht, den die Agudas jisrocl über den Besuch ihrer
Abordnung bei Herbert Samuel der Presse zur Verfügung
stellte, daß er aus anderen Quellen Kenntnis erlangt hat,
daß die Behauptungen der Abordnung hinsichtlich der
Versprechungen Herbert Samuels übertrie-
b c n seien. Der Uberkommissar war in seiner Antwort sehr
höflich, aber, ausweichend und die Antwort kann
keineswegs als ein Versprechen autgetaß{
werden, die geplante Qcnrclndcordnung auf•
zuheben.
Die Tätigkeit des Misrachl in Ercz • Israel
Von der Begründung der neuen Misr.iclü-Kolonie ״Ncwc
Jakob“ (7 km von Jerusalem an der Straße nach Nablus)
haben wir bereits berichtet. Die Anwesenheit des Führers
der amerikanischen Misracitisteu, Rabbi Meyer Berlins, in
Palästina hat die Tätigkeit des Misrachi stark belebt. Neue
m i s r a c 11 i s t i s c !1 c Siedlungen sind im Nordwestteil
Jerusalems bei R o tn c rn a und im B u c 11 a r i s c h c 11 Vier-
tcl geplant. Auch wird nunmehr das Haus der T a c 11 -
k c m o n i s c 11 u 1 e in T c 1 - A w i w gebaut werden. Rabbi
Berlin soll für den B.aufond, der 15.000 C erfordert, einen
1 cträchtlic! en Betiag ven Amerika mitgebracht haben. Die
Grundsteinlegung für das neue Schulgebäude ist für
den Juli bestimmt. Rabbi Berlin ist, in Begleitung des
Rabbi Fish m a zur Zeit auf einer Rundreise durch die
jüdischen Kolonien begriffen, wobei er natürlich sein be*
solideres Augenmerk den misrachistischen Niederlassungen
zuwendet. So weilte er auch in Chittin, das bekamt :lieh
vor kurzem auf Nationalfondsbodcn aus Mitteln des Keren
Hajcssod errichtet wurde.
Anerkennung seiner unvergänglichen Verdienste, diese Volks-
ausgnbe seiner zionistischen Reden und Schriften, den Zeit*
genossen ein vom Lieht des Genius umsirahltcn Leuchtturm,
der Nachwelt ein glorreiches Denkmal“ in seinen eigenen
Werken setzen wollte, so hat es diesen Zweck erreicht. Kein
getreueres Bild des Mannes und kehl besseres Denkmal kpnntc
ihm errichtet werden, als die Herausgabe der Schriften und
eines sehr kleinen Teiles der gewaltigen Reden, mit denen
er der Prophet des neuerstehemicu jüdischen Volkes wurde.
Diese Schriften und diese Reden waren der Ausfluß
einer überaus starken Persönlichkeit.
An der Spitze der neuen jüdischen Volksbewegung steht
ein Dl-oskiircn-Paar, das sicli nicht bloß durch seine dichterische
Kraft, durch den Schwung der Worte, durch die hingebungsvolle
Aufopferung für die Idee, sondern ganz besonders durch eine
ungeheure und unbeugsame Willenskraft auszckhnctc. Solche
starke Persönlichkeiten sind es, die Geschichte machen,
Willensmenschcn, wie Luther, Crom well, Napoleon, Bismarck.
Was Nordau vor anderen solchen Männern der Willenskraft
auszeiclincte, war, daß diese starke Persönlichkeit, ihrer vollen
Kraft bewußt, niemals nach Macht strebte, während doch
sogar kleinere und oft recht kleine Persönchen sich diesem
Streben nicht entziehen können. Im Gegenteil, er hatte eine
Scheu davor, daß er selbst eine führende Rolle cinnehmcn
sollte, und fürchtete direkt, daß er irgendwie zur Macht berufen
werden könnte. Er war und blieb initiier rein und lauter,
immer frei von Ehrgeiz und Eitelkeit.
Es gibt viele, die der Meinung waren und sind, daß Nordau
die größere Persönlichkeit neben Theodor Herzl war. Er
selbst war anderer Meinung und ordnete sich freiwillig dem
großen Freunde unter und wollte nur der Gehilfe seines
großen Führers bleiben. Aber mehr «11s das: Jedermann wußte
daß er der berufene Nachfolger Theodor Ffcrzjs war. Niemand'
zweifelte daran, daß er der Präsident des Aktionskomitees,
und der Führer der Bewegung sein würde. Bescheiden trat
hinter David .WoMfsohn zurück, den er selbst für den
geeigneteren hielt und dem er Gehorsam leistete und treu
bis in den Tod blieb. Die gewaltige Beredsamkeit, die ihn
zum größten Redner »einer Zeit machte, verbunden mit einer
aus antikem Stoffe geschmiedeten' Persönlichkeit, ließ ihn
erscheinen, wie einen Propheten des Altertums in der neu-
zeitlichen Umgebung. Dieser Mann, der ehe tiefste Bildung
des neunzehnten Jahrhunderts in sich aufgenommen und zu
etwas Neuem gemacht hatte, geglättet mit der feinsten Politur
neuzeitlicher Kultur, war erfüllt von einer glühenden Leiden-
schaft, die 111 kleinen Dingen durch eine Sclbstcrzichung
01111c Gleichen verschwand, die aber in gewaltige Erscheinung
trat, wenn er In erschütternden Reden dem Volke und der
Wetl ihr eigenes Konterfei cntgegcnhiclt.
Diese gewaltige, zitternde Leidenschaft war echt jüdisch.
Sic war die Feuersglut, die unsere großen Propheten begeistert
‘hatte. Denn diese Leidenschaft glühte nicht für irgendwelche
äußerliche Dinge, sondern sic galt der Gerechtigkeit.
Nicht einer abstrakten Forderung, nicht einem philosophischen
Postulate, sondern jenem Verlangen nach ausgleichender
Gerechtigkeit, die dem Wesen des Judentums immanent ist
und hcrvorquitlt aus den tiefsten Gefühlen, die die Ungerechtig-
keit der Welt in ihm hervorrief.
Max Nordau gehörte zu den feinsten Geistern, die das
neunzehnte Jahrhundert hcrvorgebmclu hatte. Seine ״Paradoxe“
oder seine ״Entartung" waren nicht bloß elegante und starke
Ausführungen eines geistreich beobachtenden Kulturmenschen,
sondern sie waren, in der Richtung wie seine ״Konventionellen
Lügen der Kulturmenschhcit“, Anklagen gegen die mcn&ch-
liehe Natur . und gegen ihre falsch geleitete Kultur. Sic
waren und wirkten wie eine Revolution im Geiste, die bc-
kanntlich jeder politischen und materiellen Revolution voraus-
geht, ln diesem Sinne war er einer der großen Revolutionäre
des neunzehnten Jahrhunderts, deren Wirksamkeit Im zwanzig-
sten sichtbar wurde.
Max Nordau war in hohem Maße gedankenreich. Er
besaß eine selten lebhafte Phantasie. Die wunderbare Heit*
ץ