Die Vereinigunqskonferenz des ArbeUs - Zionismus
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JÜDISCHE RUNDSCHAU
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Nummer 64 1 Berlin, 12. VIII. 1932
Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag.
י אב תרצ״ב | xxxvn. Jahrg.
P«r Zionismus «ratrebt fflr da! jüdische Volk dl• Sctiamiwg einer öffentlich. re chtllch gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Basalar Programm.•*
Hitler Reichskanzler?
Vielleicht ist, bevor diese Zeilen in die Hand des Lesers
kommen, die Entscheidung über die Neubildung der deutschen
Reichsregierung bereits gefallen. Die Entwicklung geht in den
letzten Tagen mit einer solchen Schnelligkeit und mit so drama-
tischen Wendungen vor sich, daß eine Zeitung, die nicht die
technische Form einer Tageszeitung hat, Gefahr läuft, im Mo-
ment des Erscheinens in ihrer Stellungnahme bereits überholt
zu sein. Die Veränderungen, die sich in diesen Tagen vollziehen
sollen, sind von weittragendster Bedeutung für ganz Deutsch-
land, und mit Spannung und Erregung blicken alle Bürger dieses
Reiches nach den Stellen, wo die Entscheidung fallen soll. In
einem höheren Maße als dies sonst bei Regierungskrisen der
Fall ist, sind diesmal auch die deutschen Juden als Juden
an diesen Vorgängen interessiert. Wenn nicht die Anzeichen
trügen, stehen wir vor einer Reichskanzlerschaft
Adolf Hitlers. Noch vor einigen Tagen schien eine solche
Kombination ganz fern zu liegen. Hatte man doch in weiten
Kreisen den Sturz der Regierung Brüning und die Berufung
des Kabinetts Papen—Schleicher so gedeutet, daß auf diese
Weise durch eine betont national, konservativ und antisozia-
listisch eingestellte Regierung der Volksstimmung Rechnung
getragen und dadurch einer Machtergreifung durch die Natio-
!«!Sozialisten ein Riegel vorgeschoben werden soll. Man er-
innert sich noch der dem General Schleicher zugeschriebenen
Aeußcrungen, daß die Regierung Papen als überparteiliches
Präsidialkabinett mindestens vier Jahre am Ruder zu
bleiben gedenke. General Schleicher wurde geradezu als Gegen-
Spieler Hitlers betrachtet, obwohl bekannt war, daß er seit
langer Zeit mit den Nationalsozialisten verhandelt. Als die
ersten Gerüchte über Hitlers Kandidatur auftauchten, wurden
sie nicht nur etwa von der liberalen Presse, sondern von einem
großen Teil der bürgerlichen rechtsstehenden Presse als phan-
tastisch bezeichnet. In wenigen Tagen nun hat sich das Bild
vollkommen geändert.
Hitlers Kandidatur ist die Aktualität des Tages
jBJd .* 10 .'heutigen Freitag soll die entscheidende Besprechung
'daß''der Reichspräsident noch '
schwere Bedenken hat und Hitler nur die Vizekanzlerschaft
zugestehen will, auf anderer Seite wieder wird die Bildung
eines parlamentarischen Kabinetts unter Hitlers Führung mit
Beteiligung des Zentrums erörtert. Das Zentrum, das in poli-
tischen Dingen völlig undogmatisch ist, vertritt bereits seit län-
gerer Zeit die Anschauung, daß aus Gründen der Demokratie
die Nationalsozialisten als stärkste Partei mit der Verantwortung
belastet werden sollen, und da nach den Mehrheitsverhältnissen,
eine nationalsozialistische Regierung nur mit Hilfe des Zentrums
im Reichstag bestehen könnte, da ferner rein parlamentstech-
nisch eine andere Kombination gar nicht denkbar ist, will das
Zentrum, trotz der scharfen Kämpfe, die es mit dem National-
Sozialismus auszutragen hatte und trotz der tiefgehenden An-
schauungsdifferenzen, die die zwei Parteien trennen, diesen
einzigen parlamentarisch gangbaren Weg gehen. Bisher aber
scheinen die Nationalsozialisten selbst noch nicht bereit, auf
eine Koalition, die natürlich mit Bedingungen verknüpft
wäre, einzugehen. Ihre Parole war die ״Alleinherrschaft im
Staate“, ihre Gegnerschaft gegen den Parlamentarismus er-
schwort ihnen den Weg der Parteiverhandlungen, und man hört
immer wieder von Vorbereitungen zu einem ״Marsch auf Ber-
lin“, durch welchen die politischen Verhandlungen der Nazi-
führer unterstützt werden sollen. Bezweifelt wird sogar, ob
General von Schleicher, der sich bisher so nachgiebig gezeigt
hat, einem derartigen Plan, falls er bestehen sollte, seine
Macht entgegensetzen würde.
Die Hauptfrage, die jetzt im Mittelpunkt des Interesses
steht, ist die Frage der sogenannten ״Garantie n“. Manche
glauben, daß Hitler, der in der letzten Zeit persönlich zurück-
haltender geworden ist, durchaus cinsieht, daß das Amt eines
verantwortlichen Staatsmannes grundverschieden ist von dem
Amt des Agitators. Die führenden Persönlichkeiten, die Hitler
die Macht in die Hand spielen wollen, scheinen überzeugt zu
sein, daß er
Garantien für eine Respektierung der wichtigsten
Verfassungsgrundsätze
und für Vermeidung aller Uebergriffe seitens der Nationalsozia-
listen und der Hakenkreuz-Privatarmee zu geben bereit ist. Die
nächsten Stunden schon werden lehren, ob dies der Fall ist,
und ob es gelingt, die Bedenken des Reichspräsidenten, der noch
vor wenigen Monaten im persönlichen Kampf Hitler gegenüber-
stand und dank seinem unbedingten Eintreten für die Ver-
fassung die große Mehrheit des deutschen Volkes für sich ge-
wann und Hitler schlug, zu zerstreuen. Wir(! Hitler nicht er-
nannt, dann drohen die Nationalsozialisten mit schärfster Oppo-
sition. Die ״D. A. Z“, die häufig den Nationalsozialismus
verherrlichte und jetzt, wo die Früchte reifen, entschieden
gegen eine Regierung Hitler, die als ״eine Kampfregierung
gegen große Teile des Volkes“ aufgefaßt würde, eintritt, be-
zeichnet die Parole ״Hitler oder Opposition“ als
״verhängnisvoll“, aber da die Frage nun einmal zu einer all-
gemein erörterten Prestigefrage geworden ist, muß man
bezweifeln, daß die Nazis von ihrer Haltung abgehen. Die
Terrorakte, die an mehreren Stellen des Reiches trotz der
neuen Notverordnung weitergehen (und an vielen Orten einen
ausgesprochen antijüdischen Anstrich haben), werden
zwar offiziell von der nationalsozialistischen Parteileitung mift-
billigt, aber dodi zu dem Hinweis verwertet, daß sich darin
die Ungeduld der immer wieder von der Macht ferngehaltenen
Nazi-Bewegung manifestiere.
Für die deutschen Juden
ist diese Stunde eine Schicksalsstunde. Wir haben stets
darauf hingewiesen, daß wichtiger als offizielle politische Er-
klärungen die vor sich gehende geistige Entwicklung
im deutschen Volke ist und daß der beispiellose Auf-
Schwung des Nationalsozialismus und die Gleichgültigkeit
gegenüber dessen roher antisemitischer Agitationsform bewei-
sen, wie stark das antisemitische Vorurteil in das Gefühlsleben;
des deutschen Volkes eingedrungen ist. Wir haben es als Hin-
sion bezeichnet, auf Versicherungen einzelner Staatsmänner allzu
viel zu bauen, die angesichts der rapiden Entwicklung bald aus
der offiziellen Machtsphäre verdrängt sein konnten, und wir
haben auch niemals gewähnt, daß etwa die barbarischen Grund-
Sätze des Nationalsozialismus in der Judenfrage ein Grund sein
könnten, die Nazis von maßgebenden Regierungsinstanzen fern-
zuhalten, wenn die sonstigen politischen Verhältnisse ihre Be-
rufung zur Macht ermöglichen.
Aber das ganze jüdische Volk erwartet und fordert, daß
diejenigen Kräfte, von denen auch in diesem Moment die
Machtergreifung der Nationalsozialisten abhängt, daß vor
allem der Herr Reichspräsident, die bei der Neugestaltung
beteiligten Persönlichkeiten des Kabinetts Papen-Schleicher
sowie die auch weiterhin, wie immer die Regierung ge-
bildet werde, maßgebenden, weil starke und unentbehr-
liehe Teile des deutschen Volkes repräsentierenden Par-
teien, Garantien dafür fordern, daß nicht der Name
Deutschlands durch Maßnahmen, die das deutsche Juden-
tum in seiner staatsbürgerlichen Stellung, in seiner Ehr«
und in seiner Existenz verletzen, bemakelt wird.
Wird Hitler Reichskanzler, dann darf doch nicht das Programm
der nationalsozialistischen Partei mit seinen bekannten anti-
'jftfMhW'' i Säfi:ut 1 ggf'’''''tfts‘"'Pt*ögrämM des Deutschen Reiches
werden. Als Parteiführer konnte Hitler sich auf die von ihm
fanatisierten Massen stützen, als Reichskanzler muß er wissen,
daß Deutschland aus verschiedenen Elementen zusammenge-
setzt ist. die Anspruch auf Respektierung ihrer Eigenart haben.
Der Name Hitler ist in den letzten Jahren in der jii-
dischen Welt weit außerhalb Deutschlands beinahe symbol-
haft geworden. Er ist geradezu die Inkarnation des ״Antijuden“,
der Name für alle feindlichen Mächte, die gegen das Juden-
tum autstehen. In ähnlicher Weise war vor etwa vier Jahr-
zehnten der Name des Wiener Bürgermeisters Lueger allent-
halben in der ״jüdischen Gasse“ populär. Auch Lueger ist
durch die von ihm entfesselte antisemitische Bewegung hoch-
getragen worden; bekanntlich wurde ihm nach seiner Wahl
zum Wiener Bürgermeister dreimal von Kaiser Franz Joseph
die Bestätigung verweigert, schließlich aber blieb Lueger Sieger.
Hitlers Karriere erinnert in mancher Hinsicht an diesen Präze-
denzfall, wenn auch der christlich-soziale Antisemitismus
Luegers im Vergleich zu den nationalsozialistischen Auswüchsen
beinahe liebenswürdig anmutet. Aber so wie damals Lueger
für den Wcltantisemitismus repräsentativ war, so ist es heute
Hitler. Daß dieser Mann zur obersten Regierungsstelle in
Deutschland berufen werden soll, ist ein Ereignis, das nicht
nur für die deutschen Juden die peinlichste Aufrüttelung be-
deutet, sondern geradezu
für die ganze jüdische Gegenwart symptomatisch
ist. Man muß sich daran erinnern, daß in der kaiserlichen
Zeit in Deutschland eine derartige Erscheinung unmöglich
gewesen wäre, daß man damals von einem allmählichen Ver-
schwinden des Antisemitismus überzeugt war, daß 1911 zu
Kriegsbeginn und 1918 während der Revolution weite Kreise
der deutschen Juden meinten, alle Unterschiede seien nun
beseitigt, der Antisemitismus stigmatisiert und die Judenfrage
als solche verschwunden. Der zionistische Teil der
Judenheit war durch seine tiefere Einsicht in das Wesen der
Judenfrage vor derartigen Illusionen bewahrt. Wir wußten
stets, daß die tiefwurzelnden Gegebenheiten von Blut und Ge-
sctiichte, daß die hierdurch bedingten Differenzen zwischen
Juden und Nichtjuden auf die Datier nicht verleugnet werden
können und daß die Judenfrage um so peinlichere Koiise-
quenz.cn hat, je mehr man sie verschleiern und aus dem
Bewußtsein verdrängen will. Wir haben damals sowie heute
gewußt, daß
nur offenes und ehrliches Bekennen zur eigenen Art
und eine offene, auf den geschichtlichen Gegebenheiten bc-
ruhende Aussprache zu einer Verbesserung der Lage
führen kann. Wir haben es Stets als Unrecht empfunden,
wenn Juden, in dem Bestreben, ihre eigene Assimilation da-
durch zu erleichtern, sich ablehnend und oft sogar ironisierend
gegenüber den Tatsachen und Werten nationaler Eigenart und
volkstümlicher Tradition schlechthin verhielten. Wir haben
gerade aus unserem jüdisch-nationalen Empfinden heraus auch
leichter Verständnis finden können für die Kräfte im deutschen
Volk, die ihr Volkstum wieder stärker betonen und innerlich
erneuern wollen. Darum ist für uns die spätere Entwick-
lung keine so schwere Ueberraschung, Sb sehr wir auch durch
die Formen und Tendenzen, die der Nationalismus in Deutsch-
land geschaffen hat, abgestoßen und in unserem jüdischen
Die Reden
Im Administrative-Committee
London, 9. August. (J.T. A.) ln der am Dienstag, dem
9. August, nachmittags, abgehaltenen Sitzung des Adniini-
strative Committee der Jcwish Agency ergriff
Dr. Chafm Weizmann
das Wort, um in einem ausführlichen Expose• die gegen- ׳
wärtige Lage itx Palästina darzustellen. Wcizmann wurde
bei seinem Erscheinen auf der Tribüne mit lebhaften Ovationen
empfangen. In seinen Ausführungen behandelte er vor allem
drei Punkte: die Chaluziuth, das Problem T ransjor-
d a n i c n und die Frage der I e vv i s h Agency. Er wies
mit besonderem Nachdruck auf die nationale Bedeutung der
Chaluz-Bewcgung hin, die er äls das Rückgrat des Zionis-
mus bezeichnete. Jeder nach Palästina eiitwandcrnde Chaluz
schaffe neue Möglichkeiten weiterer Immigration. Dr. Weiz-
mann zog einen Vergleich zwischen der Kolonisation in
Rhodesien und der in Palästina, wobei er nachwies, daß die
in den letzten 50 Jahren nach Rhodesien eingewanderten
50000 Europäer dadurch, daß sie nicht selbst den Boden be-
arbeiteten, die Tore für weitere Einwanderung geschlossen
haben. Jeder neue Einwanderer wurde von ihnen als Kon-
kurrent mit scheelen Augen angesehen. Neben der Chaluz-
Einwanderung sei aber auch die Investitions-Fähigkeit in
Palästina von hoher Bedeutung.
Weizmann wandte sich sodann einer Besprechung der
der jüdischen Jugend infolge der kommunistischen
Agitation drohenden Gefahren zu und zog hierbei einen
Vergleich zwischen der Aufbauarbeit in Palästina und der
sozialen Neuordnung in Sowjetrußland. Er verglich das Palä-
stinawerk mit dem Bau des Tempels, während er von
der Entwicklung in Sowjetrußland als vom Bau eines b a b y -
Ionischen Turms sprach. Der von Dr. Ruppin dem
Aktions-Comite vorgelegte Plan einer Ansiedlung von 5000
Familien, wobei für die Kolonisierung jeder Familie 250 Pfund
aufgewendet werden sollen, wurde von Dr. Weizmann gut-
geheißen. Der Redner befaßte sich hierauf in längeren Aus-
Führungen mit der transjordanischen Frage und
betonte, daß es in der augenblicklichen politischen Situation
notwendig sei, die Frage der Erschließung Transjordaniens für
die jüdische Einwanderung wieder aufzurollen. Schließlich
bezeichnete er es als Aufgabe der Zionistischen Organisation,
die Nichtzionisten der Palästina-Arbeit näher zu bringen. Die
Inaktivität• der Nichtzionisten sei seiner Meinung nach
darauf zurückzuführen, daß sie nicht genügend von dem Oeist
der Kooperation, der von der zionistischen Hälfte der Jewish
Agency hätte ausgehen müssen, erfaßt worden seien.
In der Eröffnungssitzung des Administrative Committee
erklärte
Direktor Oscar Wassermann,
er habe das Amt eines Ehrenvorsitzenden des Administrative
Committee der Jewish Agency angenommen. Er brachte sein
Bedauern darüber zum Ausdruck, daß es ihm die Verhält-
nisse nicht erlaubt haben, während des abgflaufenen Jahres
seine Mitarbeit der Jewish Agency in dem Maße zur Ver-
fiigung zu stellen, wie er es gewollt habe. Wassermann bat
auch um Entschuldigung, daß es ihm nicht möglich gewesen
sei, einen detaillierten Bericht vorzuberciten, und daß er den
Verhandlungen nur einen Tag lang beiwohnen könne.
Die Jewish Agency, führte Wassermann weiter aus, sei
heute notwendiger als jemals. Die Juden machen eine schwere
Zeit durch. Die Schwierigkeit der
Lage der deutschen Juden
dürfe nicht unterschätzt werden. Er glaube zwar nicht, daß
die deutsche Judenheit an Leib und Leben ernsthaft bedroht
sei, aber ihre moralische Kraft, ihre Fähigkeit, der
Gcsamtjudenheit beizustehen, habe gelitten. Die Judenheit
hätte vereinigt sein müssen. Es sei zu bedauern, daß eine
solche Einigkeit nicht bestehe; sogar hinsichtlich des Aufbaus
des Jüdischen Nationalheims gebe es zu viele Meinungsver-
schiedenheiten.
Die Jewish Agency sei einer zum Teil gerecht-
fertigten, zum Teil ungerechtfertigten Kritik ausgesetzt ge-
wesen. Tatsache sei, daß sie entweder zu spät
oder zu früh gebildet worden sei. Hätte man sie einige
Jahre früher geschaffen, als die allgemeinen Verhältnisse
günstiger waren und Juden sich in einer erfreulicheren Lage
befanden, so hätte man größere Fortschritte erzielt. Man
habe Unglück gehabt. Der Tod habe unglücklicherweise eine
Reihe der bedeutendsten Männer, die einen größeren Erfolg
der Agency hätten herbeiführen können, der Arbeit für den
Aufbau des Jüdischen Nationalheims entrissen. Aber nur bei
oberflächlicher Betrachtung erscheinen die Leistungen der
Empfinden beleidigt werden. Eine Kanzlerschaft Hit-
lers bedeutet, jüdisch gesehen, den
völligen Zusammenbruch
des jüdischen Assimilationsgcdankens.
Das Judentum ist in eine neue Phase getreten. Allzu lange
haben sich jüdische Kreise damit begnügt, bedauernd oder
protestierend das Abbröckeln der jüdischen Stellungen zu ver-
zeichnen. Ein geistiger Umschwung im Judentum ist nicht in
dem Maß eingetreten, wie man hätte erwarten müssen. Es
gilt heute, sich auf eine neue Wirklichkeit um-
zustellen. Wir Zionisten haben diese Umstellung ge-
fordert, lange ehe ein äußerer Zwang dazu bestand. Durch
die Passivität und Lethargie weiter jüdischer Kreise ist die
jüdische Welt, ihre innere Glaubensstärke und Lebensenergie,
zusehends geschwächt worden. Nicht nur das Gesamtjudentum,
sondern auch die nichtjüdische Welt blickt heute auf die
deutschen Juden. Wie werden sie in dieser schweren Stunde
sich verhalten? Werden sie den Stolz, die aufrechte Haltung,
das Vertrauen in den Sinn der jüdischen Geschichte und den
Willen zu einer neuen Zukunft beweisen, die der Moment von
ihnen fordert?