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11• 10
Als im Frühjahr des vergangenen Jahres die ersten
Erschütterungen in der Lage des deutschen Judentums
spürbar waren, da schien cs einen Augenblick, als ob
eine große Bewegung durch das deutsche Judentum
ginge. Deutsch-jüdische Betätigung hatte sich bisher nur
in den engen Bezirken von Organisationen, Vereinen
und Gemeindestuben abgespielt, abseits vom wirklichen
[eben, in einer Enklave, die man sich reserviert hatte,
aber das wirkliche entscheidende Leben vollzog sich
anderswo. Jetzt zum ersten Male war den deutschen
Juden sinnfällig geworden, daß Judesein eine Reali-
tat ist, ja: die höchste und entscheidende Realität, die
es für jeden Juden gibt; man mag sich eine Zeitlang
darüber hinwegtäuschen, es kommt der Moment, wo das
Schicksal, das wirkliche Lcbensschicksal wie-
der von diesen uralten Wurzeln her bestimmt wird,
״So mußt du sein, dir kannst du nicht
entfliehen“ —
ein Urwort dichterischer Weisheit, das kein besseres
Beispiel für seine Wahrheit finden kann als die Gestalt
des Juden. Für das Bewußtsein des kurzlcbcndcn Men-
sehen ist dies nicht immer so offenbar, aber im Zuge
der Jahrhunderte, die vor der Ewigkeit ein Augenblick
sind, enthüllt es sich. Zeiten wie die unsere schärfen
wieder den Blick für die Geschichte. Das geschieht-
liehe Jetzt, das uns starr zu umspannen schien, lockert
sich auf, wir erspähen die großen Zusammenhänge, und,
so sehr wir empfinden, daß die menschlichen Urprobleme
zu allen Zeiten dieselben sind, so sehr verstehen wir auch
die Unlösbarkeit des geschichtlichen Bandes, das Ver-
gangcncs über uns hinweg an das Künftige bindet. Wir
Juden haben in dem Jahre 1933 mehr als in den letzten
dreißig Jahren erkannt, daß auch für uns jetzt Lebende
sich eine gewaltige Wendling vollzieht, und obwohl wir
früher vielleicht materiell sorgloser dahinlebten, sind
«ir jetzt weniger hoffnungslos, denn wir spüren, daß wir
an der Schwelle von etwas Neuem st( hen.
Die deutschen Juden haben ini letzten Jahre die
Judenfrage erkannt. Nun galt es, das wirkliche
Leben zu meistern, Wir alle, ohne Unterschied der Par-
feirichfung, mußten den Weg suchen. Die tiefe seelische
Not, die uns zu einem entschlossenen Neuaufbau trieb,
war nur zum Teil dadurch verursacht, daß unser Zu-
sammenlcben mit dem deutschen Volk zu einer so
scharfen Krise gekommen war, mehr aber dadurch, daß
wir diesem Zustand unvorbereitet, seelisch hilflos, ohne
die vollen Energien unseres Judentums gegenüberstan-
den. ,Wir hatten diesen Zustand zu überwinden, eine
neue Anstrengung für dieses Judentum zu machen. Bei
den Massen der deutschen Juden spürten wir eine Be-
reitschaft, wie sie lange nicht vorhanden gewesen war.
Abbruch und Neubeginn, dies wäre durch das gewal-
%e Erleben des Jahres gerechtfertigt gewesen. Innere
Nahrhaftigkeit tut not! Wir müssen zugeben, daß
nns allen neue Erkenntnisse erwachsen sind. Wenn nun
verschiedene jüdische Organisationen auf den Plan treten
und im Vertrauen auf die Vergeßlichkeit ihrer Anhänger
die Tiefe dieses Umbruches in unserem Leben verbarm-
• 0 sen, indem sie erklären: ״wir haben das ja immer schon
gesagt, und an unserem Standpunkt braucht sich nichts
m andern״, dann ist dies eine Haltung, die das Emp-
finden für das wirkliche Geschehen einzuschläfern sucht.
Man kann nicht bei jeder Etappe der deutschen Politik,
?° gegensätzlich sie auch sein mögen, nach einem kurzen
Intermezzo erklären, gerade dies hätte man immer schon
gesagt. Wir sagen dies wahrhaftig nicht, um Organi-
Rationen anzugreifer!, aber weil wir fürchten, daß sich
ln manchen Kreisen des deutschen Judentums jetzt ein
bedenklicher Prozeß vollzieht. Die Neigung, Unangcneh-
Wes zt! vergessen, ist oft bei denen, denen es noch per-
sonlich erträglich geht, sehr groß. Im persönlichen Leben
gönnen wir nicht von jedermann heroische Haltung ver-
langen. Aber in grundsätzlichen Dingen ist es anders.
Wir können nicht einfach hinnehmen, daß dieselben
Menschen, die noch Ende 1932 mit Emphase erklärt
haben, es gäbe keine Judenfrage, Anfang 1934 mit zeit-
gemäßen Modifikationen in ein ähnliches Fahrwasser ein-
*enken. Es ist keine Schattde, unter den! Druck der Tat-
a.aehen umzulernen, aber es ist unmännlich, dies nicht ehr-
1lcl » tu bekennen. Und die Massen der deutschen Juden
haben umgclernt. Sofern wir es nicht schon wissen und
aus den vielen an uns gelangenden Aeußcrungen er-
fahren, können wir es aus anderen jüdischen Zcitun-
gen erschließen, wo schon seit Wochen verschiedene
jüdische Parteiführer gegen ihre eigenen Anhänger oder
ehemaligen Anhänger, die sich zu ihrem Umlernen be-
kennen, polemisieren.
Aber es handelt sich hier nicht nur um theoretischen
Streit; dieser wäre nebensächlich. Es geht um Wich-
tigeres. Wenn, statt alle jüdischen Kräfte für eine Neu-
formung des jüdischen Lebens zusammenzufassen, ein-
zelne Organisationen den deutschen Juden einreden, sie
wären in ihrem Schoß am besten aufgehoben, so bleibt
es ja der Urteilskraft des einzelnen Juden überlassen,
hierzu Stellung zu nehmen.
Wogegen wir aber im Interesse des jüdischen
Lebens uns wenden müssen, ist der Versuch,
die Judenfrage vom Gesichtspunkt des indi-
viducllen Wohles des Einzelnen zu betrachten.
Ohne daß cs immer ausdrücklich gesagt wird, erweckt
man den Eindruck, als ob die persönlichen ln-
tcressen des Einzelnen bei dieser oder jener jüdischen
Organisation besonders gut aufgehoben wären. Manche
Vereine tun sich etwas darauf zugute, daß sie einzelnen
Juden materielle Vorzugsbedingungen verschaffen kön-
nen oder verschafft haben. Es ist gewiß in der heuti-
gen Zeit sehr erfreulich, daß einzelne Juden Infolge dieser
oder jener objektiver Umstände Privilegien genießen,
aber die Jndenfrnge unter diesem Gesichtspunkt zu
beurteilen, empfinden wir als demütigend. Denn wir
wollen nicht, daß der Anschein entsteht, als ob für
uns Juden die Judentrage eine Niitzlichkeitserwägung.
wäre. Wir wollen vor unserer Umwelt nicht so dastchcn,
als ob wir alle — oder einzelne von uns — ln unserer
Stellung zum Judentum durch ;derartige Gesichtspunkte
bestimmt waren. Wir wissen, daß Judesein im äußeren
Leben viele Schwierigkeiten mit sich bringt, aber daß
cs eine Forderung an uns enthält.
Nur wenn wir ihm geben, gibt es uns zurück.
Am deutlichsten zeigt sich die Anfechtbarkeit dieses
Nützlichkeitsstandpunktes in der Haltung zu dem wich-
tigsten jüdischen Werk unserer Tage, dem jüdischen
Aufbau in Palästina. Die Palästina-Arbeit ist heute
weniger umkämpft als früher, selbst die meisten Anti-
zionisten machen ihr Komplimente, Aber wir fürchten,
daß bei vielen liier praktische Erwägungen mitsprechen,
die mit der Sache nichts zu tun haben. Man nimmt die
palästinensische Realität, das in fünfzig Jahren unter
Not und Opfern mit ungebrochenem Idealismus Oe-
scliaffcne, als eine Oegebenheit, aber man stellt
sofort Anforderungen an sie. Die von einem jüdisch-
liberalen Führer dieser Tage aufgeworfene kritische
Frage: ״Was hat Palästina bisher den Ju-
den gegeben?“ — betrachten wir als die fal-
scheste Anschauungsweise. Der Frager, ein ehrlicher
Gegner, kommt natürlich zu einem negativen Ergebnis.
Wir kommen zu einem positiven, wir glauben, daß Pa*
lästina wirklich auch heute schon, und in diesem Jahre
1933 zumal, den Juden viel, sehr viel gegeben hat, mehr
als jede andere jüdische Einrichtung, und zwar nicht nur
Aufnahmemöglichkeit für ein paar tausend Menschen,
sondern vor allem neue Aspekte, Hoffnung, das Bild
eines neuen Menschen, freilich auch neue Sorgen und
innere Kämpfe, eben alles Glück und Leid der lcibhaf-
tigen Realität gegenüber ausgedachten Abstraktionen.
Wir Zionisten kennen alle menschlichen Schwächen und
sachlichen Fehler des empirischen Palästinawerkes besser
als alle anderen, und trotzdem glauben wir daran. Aber
wir wollen hier nicht das Palästinawerk diskutieren;
worauf es uns ankommt, ist die Feststellung, daß י die
Frage nicht lauten darf: Was hat Palästina uns ge-
geben?, sondern lauten muß: Was haben wir ihm
gegeben? Oesctzt den Fall, das Jahr 1933 hätte die
HäcUdtto dUtorfcty:
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deutschen Juden in bezug auf Palästina vor dieselbe
Situation gestellt wie das Jahr 1882 — ein Jahr schwerer
Krisen des russischen Judentums — die russischen Juden.
Damals war Palästina eine jeder Zivilisation bare, heute
schon geradezu unvorstellbar uneuropäische, türkische
Provinz. Haben die russischen Juden damals gefragt:
Was hat uns Palästina gegeben? Sic sind ausgezogen,
um daraus etwas zu machen, denn sie wußten —
Aus dem Inhalt: Landarbeiter beraten — Mieter-
■ ..—. —■ schutzgesetz in Tel-Awiw — Das
Staatsrecht des neuen Deutschland — Die Stellung
des jüdischen Handwerkers — Chassidismus und der
״Czortkower“ — Hochschulwesen in Palästina,
Beilagen: Sport — Berliner Rundschau
■.■׳״■. Leben im Reich.
Jüdische«
Hebräischer Fernunterricht
und ebenso weiß es noch heute jeder aufrechte, in
seinen Instinkten nicht verkrüppelte echte Jude ־— daß
Palästina, Zion,
dem jüdischen Volk alles gegeben hat, was
diesem Volk das Leben ln zweitausend Jahren
• des Galuth ermöglicht hat.
Sie wußten, daß dieses Zion ein ewiger Wert ist,
dem man sich hin geben muß, auf daß es einen er-
löse, und so zogen sie aus, Gruppen von Studenten, aber
auch von schlichten Kleinbürgern, sie gerieten bald in
schwere Not, auch die Sünden der materiellen Ver*
strickung blieben nicht aus, wie in allen irdischen Din-
gen, 1882 wie 1933; der unerbittliche Kritiker Achad
Haam hat vor 40 Jahren vieles geschrieben, was auf den
heutigen Tag gemünzt sein könnte. Aber daß 1933 be*
reits ein beträchtliches jüdisches Gemeinwesen in Pa-
lästina ist, können wir — paradox gesprochen — als
einen Zufall, eine Nebensächlichkeit betrachten, denn
es kommt weniger darauf an, was wir fertig vorfinden,
als was wir selbst schaffen wollen. Erkennen
wir erst die Notwendigkeit, jüdisches Leben wieder
soziologisch und national zu untermauern, haben wir
erst ohne Selbsttäuschung die Judenfrage — auch die
persönliche Judenfrage jedes Einzelnen — erkannt, dann
kommt es darauf an, sich zur Tat zu entschließen. Voll*
endetes fällt nicht in den Schoß, einer muß den An*
fang machen, und wir wissen, daß ohne ein Geschlecht
der Wüstenwanderung ein freies Volk nicht entstehen
kann. Das Geschlecht der Wüste fragt immer wieder:
was wird man uns denn geben, oder: was hat man uns
gegeben? — worauf als Antwort die Donnerstimme er-
schallt: ״Du sollst!" Der Zionismus faßt die Juden-
frage als eine Frage des Sollen s auf.
Darin liegt das Wesentliche der jüdischen Renaissance.
Wir beobachten jetzt eine auffallende Erscheinung: Oroße
jüdische Gruppen bekennen sich zu einem positiv-jüdi-
sehen Programm, sprechen von ״jüdischem Selbstbewußt-
sein“ und sogar von ״jüdischer Geschichte“, sind sich
aber anscheinend der Tragweite ihrer eigenen Umstellung
nicht bewußt. ־ Früher hieß es, daß die Juden sich als
״deutsche Volksgenossen“ betrachten müssen. Wir Zio*
nisten, die wir trotz unserer nationalen GruntJauffassung
niemals biologische Momente, sondern immer geistige
Elemente als höchste Werte empfunden haben, waren
und sind der Auffassung, daß unsere Zugehörigkeit zum
deutschen Kulturkreis uns wesentliche Bindungen schafft,
daß wir sie aber nicht mit Zugehörigkeit zur deutschen
Volks- und Blutsgemcinschaft verwechseln dürfen. In kri-
tischen Zeiten wird offenkundig, daß wir in die Konti-
nuität der jüdischen Geschichte gehören. Jüdische Ge-
schichte ist nicht nur eine Erinnerung, sondern auch eine
Aufgabe. Einstellung in die Kontinuität der jüdischen
Geschichte muß im vollen Bewußtsein geschehen. Ge-
schichte verpflichtet. Und wenn sich jetzt z. B. ein neuer
״Deutsch-jüdischer Jugendbund“ gegründet hat, dessen
in der ״C,-V.-Zeitung“ veröffentlichtes Programm mit
seiner starken positiv-jüdischen Färbung für die beteilig*
ten Kreise sicherlich einen gewaltigen Fortschritt in
unserem Sinne darstellt, so werden wir nicht müde wer-
den, dieser deutsch-jüdischen Jugend zuzurufen: Hütet
Euch davor, Fiktionen zu erliegen! Der Idealismus
de« jugendlichen Menschen braucht eine Realisie•