Jüdische Jugend in Palästina
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JÜDISCHE RUNDSCHAU
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Nummer 72 | Berlin, 8. IX. 1933
Freilag ־ Nummer Dienstag nachmittags 3 Uhr.
Redaktionsschluß Sonntag und Mi ttwoch nachmittag.
י״ז אלול תרצ״ג | xxxvhi. Jahrg.
Per Zionismus erstrebt fQr da» JQdlscHe Volk die Schaltung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palfistlna. ״Baseler Programm.»
Nürnberg und die Juden
Auf dem großen Parieikongreß des Nationalsozialismus
in Nürnberg ist die Juden frage in mehreren wichtigen
Reden erörtert worden. Zwar stand keineswegs die Judenfrage
im Mittelpunkt des Interesses der Tagung; vielmehr war
diese als Siegesfeier zu wertende Veranstaltung eine impo-
nierende Manifestation des deutschen Lebenswillens. Dasdeut-
sehe Volk hat sich eine neue Lebensform geschaffen, und
die erste große Zusammenkunft der den Staat tragenden
Partei zeigte den ungeheuren inneren Aufschwung, die Macht
und Stimmung dieser Neugestaltung. Aber da das national-
sozialistische Lebensgefühl entscheidend bestimmt ist von
der vitalen Kraft des Rassegedankens, war es unver-
meidlich, daß die Rassenfrage auf dem Parteikongreß eine
große Rolle spielte. Und wie die Dinge liegen, ergibt es sich,
daß die Rassen-Ideologie häufig durch negative Abgrenzung
gegen das Judentum ihren klarsten Ausdruck bekommt.
Wir haben in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rund-
schau“ diejenigen Teile der wichtigsten Reden des Partei-
kongresses, die sich mit der Rassenfrage beschäftigen, zum
Abdruck gebracht. Da es sich hier um die Gedankenwelt
handelt, auf der der neue deutsche Staat aufgebaut wird,
und da wir Juden durch die Rassenlehre besonders getroffen
sind und in dieser Erörterung — auch nach nationalsozialisti-
scher Ansicht — die Position einer ״beteiligten Partei“ haben,
so wird sich wohl für uns noch öfter. Gelegenheit geben,
uns mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Wir vertreten
dabei den Standpunkt, daß wir den rassischen Enthusiasmus
der neuen deutschen Bewegung anzuerkennen haben und uns
nicht dem Irrtum hingeben, in einer so gefühlsbetonten
Sache durch rationalistische Einwände Einfluß nehmen zu
können; zugleich aber haben wir das Recht, uns gegen eine
Lehre von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse zur
Wehr zu setzen. Was wir anstreben, ist ein Verhältnis
gegenseitigen Respekts, unter Anerkennung des
Wertes jeder rassischen Eigenart, Wir können mit Ge-
nugtuung feststellen, daß in manchen Reden des Niirn-
berger Parteitags ein ähnlicher Gedanke anklang. Nur auf
dieser Grundlage kann — da nun einmal die Rassenlehre
im neuen Deutschland akzeptiert wurde י-, glauben wir,
das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden zufrieden-
stellend geregelt werden. Wir erwarten von der deutschen
Welt, daß sie auch uns Juden möglich macht, als auf-
rechte Menschen zu leben. Dazu tut not, daß wir selbst
Charakter beweisen — 1 aber das gehört schon auf ein
anderes Blatt.
Der Berichterstatter der ״Frankfurter Zeitung“,
Rudolf K i r c h e r, schreibt in seinem Artikel ״Das Erlebnis
von Nürnberg“, worin er die gewaltige Manifestation dieses
Parteikongresses positiv wertet, unter anderem auch folgendes:
״Nehmen wir den Nationalsozialismus als das, was er ist,
und als was ihn auch die Umwelt früher oder später wird
nehmen müssen: als vollendete Tatsache, so gibt es keine
andere Frage mehr als die, was dabei herauskommen wird,
Blicken wir nach Nürnberg, so erhalten wir selbstverständlich
keine schlüssige Antwort, denn Nürnberg war nichts anders
als eine gewaltige Demonstration und eine neue innere Zu*
sammenfassttng der Partei, Der Geist, in dem dies geschah,
konnte kein anderer sein als ein typisch nationalsozialisti-
scher. Sehr viel weniger als bei irgendeinem Parteitag der
vergangenen Epoche kam es in Nürnberg auf eine Program-
matik an, denn Nationalsozialismus ist kein Programm, son-
dern ein politischer Lebensstil. Dieser Lebensstil verläuft
im Rhythmus der Hitlerschen Ideologie. Das Studium seiner
Person, seiner Denkart und nicht zuletzt seiner Entwicklung
wird zum Zentralpunkt jeder öffentlichen Arbeit in Deutsch-
lar.d. Wenn wir die Rassenfrage in den Nürnberger
Reden Hitlers, ebenso wie in den meisten übrigen Reden — so
auch bei Dr. Goebbels und Herrn Rosenberg — ganz beherr-
sehend im Vordergrund stehen sahen, so liegt das nicht (oder
nicht nur) daran, daß Deutschland durch die Aufrollung des
Judenproblems, vor allem durch die Art seiner Aufrollung, die
Umwelt in Erregung versetzt hat, sondern es liegt daran,
daß die Rassenfrage der Ausgangspunkt des gesamten Den-
kens und Handelns des nationalsozialistischen Führers ist.
Seit Herr Hitler Reichskanzler ist, hat er nichts Prinzipielles
öffentlich darüber gesagt. In Nürnberg, wo er mm darüber
f rach, ist aus seinem Mund kein einziges schmähendes
ort gefallen, wenngleich die Verweisung der Juden in eine
minderwertige Kategorie nicht als Schmeichelei empfunden
werden kann. Daß Herr Hitler Schmähungen unterließ, wun-
dert uns gewiß nicht, denn er ist nun Kanzler des Reiches
und nicht mehr bloß ein zur Macht strebender Kämpfer, aber
daß Herr Hitler diese Frage in Nürnberg aufrollte und
daß er sie gerade hier mit vornehmer Beherrschung behan-
delte, scheint uns schon deshalb der Bemerkung besonders
wert, weil Nürnberg eine Stadt ist, in der der Haß gegen alles
Jüdische aut eine oft sehr peinvolle und für die Juden immer
bewußt erniedrigende Weise zum Ausdruck kommt.
Das erste, was mir hier zu Gesicht kam, war eine
Nummer des ״Stürmer“, dessen Herausgeber der Franken-
führer der NSDAP Julius Streicher ist. Herr Streicher hat
nicht nur eine große Stellung im nationalsozialistischen Auf-
bau, sondern er ist (wie man sich leicht überzeugen konnte)
eine sehr populäre Figur, Zudem einer der ältesten Partei-
genossen und Mitkämpfer Hitlers. Was ich nun im ״Stürmer“
las, ist schwer zu beschreiben. Seitenlang der Antisemitismus
in seiner schärfsten Form. An den ״Pranger“ stellte der
״Stürmer“ auch in dieser Nummer zwei arische Mädchen,
gegen die der Vorwurf erhoben wurde, daß sie mit jüdi-
sehen Herren Verkehr pflegen. Die Anklage geschah in einer
Sprache, die wir nicht wiedergeben möchten. Welche Stirn-
irmng dadurch erzeugt wird, kann man erraten, —• erst recht,
wenn man frühere Vorkommnisse bedenkt. Dies alles gehört
nicht zum Parteitag — aber es gehört zu seinem Schau-
platz: nämlich zu Nürnberg. Diese Lokalstimmung ist er-
freulicherweise in das Nürnberger Siegesfest nicht spürbar
ein gedrungen — ganz gewiß nicht in die Reden, die dort
g ehalten wurden, woraus sich schließen läßt, daß eine solche
, oberste i gern ng der antisemitischen Attacke für den
eigentlichen Zweck der nationalsozialistischen Rassenpolitik
durchaus entbehrlich ist.
Herr Hitler hat für Deutschland dein nordisch-arischen
Menschen die politische, geistige und kulturelle Führung
Vorbehalten. Er hat diesen Anspruch begründet, und es wird
dabei bleiben, aber er hat Sätze ausgesprochen wie diese:
Nicht dort ist ״eine arische Kultur von Größe und Bedeutung
entstanden, wo Arier rein und ausschließlich unter sich
lebten, sondern überall dort, wo sie mit anders gearteten
Rassen eine lebendige Verbindung eingingen; nicht im Sinne
einer blutmäßigen Mischung, sondern einer organisatorischen
Zvveckgerneinschaft.“ Noch deutlicher sagte der Kanzler: ״Er
(der Nationalsozialismus) erkennt dabei die Gegebenheit der
verschiedenen rassischen Substanzen in unserem Volke. Er
ist auch weit entfernt, diese Mischung, die das Gesamtbild
des Lebensausdrucks unseres Volkes gestaltet, an sich abzu-
lehnen. Er weiß, daß die enorme Spanne unserer
Fähigkeiten durch die innere rassische Gliederung unse-
res Volkes bedingt ist. Er wünscht aber, daß die politische
lind kulturelle Führung unseres Volkes das Gesicht und
den Ausdruck jener Rasse erhält, die durch ihren Heroismus,
also dank ihrer inneren Veranlagung aus einem Konglomerat
verschiedener Bestandteile das deutsche Volk überhaupt erst
geschaffen hat.“ (Rede bei der Kulturtagung.) Wer dies
sagt, kann unschwer und ohne Gefährdung des Staatszweckes
den deutschen Juden Lebensbedingungen Bewilligen, die ihrer
und unser würdig sind. Niemand, ob Jude oder Christ, der
bisher das Gegenteil von dem gelehrt oder getan hat, was
der Nationalsozialismus lehrt oder tut, hat das moralische
Recht, ״plötzlich die Fahne zu wechseln“ und in den neuen
Staat ״so einzuziehen, als ob nichts geschehen wäre und
in ihm das große Wort zu führen“ (wir zitieren Herrn
Hitler), aber für unverlierbar halten wir das Recht jedes
Deutschen, das den Staatszweck nicht gefährdet, seinem
wahren, durch kein Haßgefühl mißdeuteten Wert ent-
sprechend behandelt zu werden. Gelangen wir dahin, so wer-
den wir einer umfassenden deutschen Volksgemeinschaft und
dem Verständnis der Umwelt um ein gutes Stück näher gc-
kommen sein.“
Administrative Committee und A.-C. konstituiert
Prag, 5.. September. (J. T. A.) Das Administrative
Committee der Jewish Agency hat Leo Motz-
kin zu seinem Vorsitzenden, Neville Laski zum Mitvor-
sitzenden gewählt. Nachdem Präsident Sokolow den zur
Tagung erschienenen englischen Geschäftsträger Gurney
begrübt hatte, hielt Leo Motzkin eine Ansprache an die neu-
gewählten zionistischen und nichtzionistiscnen Mitglieder des
Administrative Committee, worauf die neugewählte Exekutive
bestätigt wurde. Anläßlich der Beratung des vom Kongreß
angenommenen Budgets von 175 000 Pfund wurde be-
dauert, daß dieser Betrag für die Verpflichtungen beim Pa-
lästina-Aufbau nicht ausreidien könne, und eine v e r -
stärkte üeldaufbringungspropaganda ange-
regt. Lieber die Verwendung der so aufgebrachten Mehr-
betrage soll der Finanzausschuß des Committee entscheiden.
Die politischen und wirtschaftspolitischeil Köngreßresolutionen
wurden unverändert bestätigt.
Bei der Konstituierung des A. C. wurde Leo
Motzkin zum Präsidenten gewählt. Von den sechs Vize-
Präsidenten gehören drei der Arbeiterpartei, zwei den AU-
gemeinen Zionisten und einer dem Misrachi an. Die Revisio-
nisten haben eine Beteiligung am Präsidium abgelehnt.
Die Unfersudumgskommission
Das neugewählte Aktions-Comitee hielt nach Schluß des
Kongresses seine erste Sitzung ab und wählte die Kommission,
die mit der Untersuchung der gegen die palästinensi-
sehen Revisionisten in Zusammenhang mit der Er-
mordung Dr. Arlosoroffs erhobenen Beschuldigungen betraut
wird. Die Namen der Mitglieder dieser Kommission wurden
bisher noch nicht offiziell bekanntgegeben. Wie die J. T. A.
erfährt, sollen ihr Ussischkin, Motzkin, der Kon-
greßanwalt Dr. Ahron Barth, Rabbi S c h a p i r o, Dr.
Soloweitschik und Eliahu B e r 1 i g n e angehören. Den
Zeitpunkt, wann sie sich zur Durchführung ihrer Aufgabe
nach Palästina begibt, wird die Kommission selbst bestim-
men. Es wird angenommen, daß sie erst nach Abschluß des
gegen die Revisionisten schwebenden Gerichtsverfahrens ab-
reisen wird.
Auch die neugebildete Exekutive der Jewish
Agency hat bereits ihre erste Sitzung abgehalten. 111
welcher Weise die in dieser Sitzung vermutlich vorgenom-
mene Aufteilung der Ressorts erfolgt ist, ist noch nicht
bekamt« • ., • ״ •
Unser ״Jetzt und Hier"
Zur Situation der jüdischen Schule
(Vgl. Nr. 66 der ״Jüdischen Rundschau“.)
Von Hugo Rosenthal.
״Unser Auftrag ist nicht Uebernahmc und
Weiterführung, sondern Erneuerung des Erbes
aus den Bedingungen eines grundlegend verän-
eierten Lebensraurns.“ (Horst Cirucneherg, Nüch-
ferne Schulpolitik-, Die Tat, April 1933.)
Die gleiche Situation, wie sie für das einzelne Kind m
der nichtjüdischen Schule festgestellt wurde, trifft auch für die
bestehenden jüdischen Schulen innerhalb des deutschen Bildungs-
Wesens zu. Wir zitieren zunächst noch einmal Hördts Erklärung
der deutschen Schule (Theorie der Schule, S. 143).
״Der Umkreis ihrer Schülerschaft umfaßt den Nach-
wuchs des Gcsamtvoikes.“
Die Schülerschaft der jüdischen Schule wird als Nachwuchs
des deutschen Volkes abgelehnt-
,.Ihr geistiger Gehalt ist Geist und Seclentum der
Volkheit.“
Die Form, in der Geist und Seclentum der deutschen Volk-
heit in der Gegenwart sich ausdriieken, kann nicht den geistigen
Gehalt der jüdischen Schule bestimmen.
״Ihr Ziel: Reife der Gliedschaft in diesem Volke!“
Da die Gliedschaft 111 deutschen Volke den Juden versagt
ist, kann sie nicht das Ziel einer jüdischen Schule sein.
Um den Unterschiedder Situation zwischen der
jüdischen und anderen deutschen Bcvölkerungsgruppen noch
deutlicher zu machen, sei als Beispiel die katholische heran-
gezogen. Das am 20. Juli in der Vatikanstadt vom Vizekanzler
von Papcn Unterzeichnete Reichskonkordat bestimmt in
seinem 21. Artikel: ״Im Religionsunterricht wird die Erziehung
zu vaterländischem, staatsbürgerlichem und sozialem Pflicht-
bewußtsein aus dem Geist des christlichen Glaubenssatzes mit
Nachdruck gepflegt werden.“ Dazu schreibt die Berliner Lehrer-
zeitung (Nr. 32, S. 460): ״Man kann diesen Satz als den Kern-
punkt des ganzen Konkordats bezeichnen, der nach dem Musso-
iinischcn Latcranvertrag die nationalsozialistische Staatsidee
über die Kirche stellt und dementsprechend sowohl vom Reli-
gionsunterricht der Kirche wie vom Deutschunterricht, Ge-
schichfsunterricht usw. fordert, für diesen Staat einzufreien.“
Die heutige jüdische Schule ist nicht organisch und
nur zum Teil organisatorisch (öffentliche Schulen, staatliche
Schulaufsicht) dem deutschen Staate eingegliedert. Diese Situa-
tion, die sich zwangsläufig aus der innerpolitisclien Entwicklung
ergeben hat, stellt uns vor die dringende Aufgabe, den geistigen
Raum zu erkennen, in dem die jüdische Schule ihren Platz hat.
Das Vergangene hat keine Gültigkeit mehr, wir können nicht
das, was war, übernehmen und weiterführen. Unsere Aufgabe
heißt: ״Erneuerung aus den Bedingungen eines grundlegend
veränderten Lebensraumes heraus.“
Die Frage nach unserem Lebensraum, die Antwort auf
diese Frage entscheiden über das ״Jetzt und Hier“ der jüdi-
sehen Schule. Auch sie ist nicht anders denkbar denn als
״Funktion der Lehre, Ort des Lchrcns und Lernens, Feld gei-
stiger Berührung mit den geistigen Gütern der Gemeinschaft
und ihren menschlichen Trägern“ (Hördt a.a. O. S. US). Oder
wie Horst Grucneberg in dem eben erwähnten Aufsatz sagt:
״Schule ist Organ der Gemeinschaft zur Uebcriiefcruag ihrer
dauernden Werte.“ Gemeinschaft, lebendige und lehcnerzcu-
gende Gemeinschaft ist aber nur soweit vorhanden, wie der
gemeinsame Lebensraum einer Menschengruppc reicht. In ihm
beruht die Ort- und Zeitbedingtheit einer jeden Schule, auch
der jüdischen.
Wir steilen also vor allen andern die Frage nach unserm
Lebertsraum und meinen damit sowohl ״die Fülle unserer
existenziellen Wirklichkeit“ als den ״geistigen Raum unseres
Schicksals“. Hierzu ist eine wichtige Feststellung zu machen.
Während in jeder unter natürlichen Bedingungen lebenden
Gemeinschaft existenzielle Wirklichkeit und geistiger Raum des
Schicksals in Wechselwirkung zueinander stehen, war dies nicht
der Fall bei der ״jüdischen Gemeinschaft“ in Deutschland.
(Dasselbe gilt für die Juden der westeuropäischen Länder über-
haupt.) Der geistige Raum unseres Schicksals war nie, auch
nicht eine Stunde von hundert Jahren der Emanzipation, allein
bestimmt von unserer Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Er
war weiter, griff über von Grenze zu Grenze, wo immer Juden
wohnten. Wo immer ein Schlag sie traf, waren auch wir be-
troffen. Er griff auch weiter in der Zeit, in Vergangenheit
und Zukunft und überschritt auch hier die Grenzen, die den
geistigen Raum deutschen Schicksals umschlossen.
Es war nicht die Gemeinschaft, die Volk heißt, welche
diese Verbindung herstellte, denn der geistige Raum, den , wir
mit jenen gemeinsam hatten, wirkte nur in geringem Maße
auf unsere existenzielle Wirklichkeit. Aber diese eigenartige
und einmalige Situation baute eine unsichtbare Scheidewand
zwischen Deutschen und Juden auf, die, von Juden selten,
von den Deutschen häufiger empfunden, immer mehr Form
und Gestalt empfing, bis sie eines Tages, allen sichtbar, als
feindlich drohender Wall vor uns stand. Und damit hat sich die
grundlegende Wandlung unserer Situation vollzogen. Der gei-
stige Raum unseres Schicksals bestimmt nunmehr im höchsten
Maße unsere existenzielle Wirklichkeit. Beide stehen plötzlich
in der Wechselwirkung zueinander, die das Kennzeichen einer
lebendigen Gemeinschaft ist. Diese heißt nicht deutsche Volk-
heit, denn die bestimmt nur zu einem Teil den geistigen Raum
, unseres Schicksals und zu einem Teil unsere existenzielle Wirk-
1 Iichkcit. Sie beißt aber auch noch nicht jüdische Volkheit, denn