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Herausgeber: Sa ly Geis.
Ro. 52. Freitag, de» 16. VLesoLva» 5661 (6. November 1966). No. 52.
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das Tausend.
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Patriotismus und Chauvinismus.
Von Albert Wahrmund.
Just ein Vierteljahrhundert ist nun dahin, seit¬
dem unser geliebtes deutsches Vaterland mit der
antisemitischen Seuche „beglückt" ward. Während wir
uns bis zur Stöckerschen Hetzkampagne ruhig als
deutsche Bürger gefühlt, besonders nachdem wir kurz
zuvor unfern Blutzoll bei der großen nationalen
Einigung des glorreichen Jahres 1870 beigetragen,
erscholl plötzlich wie ein schriller Pfiff aus der nächpen
Umgebung das Losungswort: Hie Arier, hie Semiten,
hie Deutsche, hie Juden! Der Rassenantisemitismus
erhob sein Lügenhaupt, breitete sein Lügennetz in
Wort und Schrift aus; Presse, Volksversammlungen,
Flugschriften und Parlament stellte man in den Dienst
der „guten Sache", die zum Heile des Vaterlandes
beitragen sollte.
Die schnöde Verleugnung wohlbegründeter Rechte,
die kränkende Mißachtung unserer mit dem Herzblut
besiegelten vaterländischen Gesinnung, die srechdreiste
Art, mit der der Rassenantisemitismus sich über vor
aller Welt ofsenliegenoe Tatsachen hinweg,etzte, mußte
naturgemäß verbitrern, verbittern nicht nur die An¬
gehörigen unseres Judentums, sondern alle
Freunde des Rechtes und der Wahrheit. Es ist er¬
hebend, zu sehen, wie die Hetzarbeit der Antisemiten
eine ansehnliche Schar wackerer Kämpen und edler
Verfechter der unantastbare» Menschenehre und Ge¬
rechtigkeit auf den Plan rief. Es waren nicht so
sehr unsere persönlichen Fr eunde als vielmehr
wahre Patrioten, deren, man noch in Ehren
gedenken wird, wenn längst die geschichtlichen Akten
über den traurig blöden Judenhaß des abgelaufenen
Vierteljahrhunderts geschloffen sind.
Eines aber darf noch heute behauptet werden:
Trotz aller rührigen Abwehrtätigkeit, die edle
Männer und führende Geister dem Antisemitismus
gegenüber entfaltet, ist das Gift des Judenhasses in
die breitesten Schichten unseres Volkes gedrungen,
der latente Antisemitismus in seiner tausendfältigen
Abstufung ist vorhanden und schwerer faßbar als
der Radau-Ahlwardismus.
Das immer exklusiver ausgestaltete Studenten-
leben hat seit mehr als zwanzig Jahren dazu bei¬
getragen, einen Beamtenstand mit bedenklich antise¬
mitischer Färbung zu schaffen, was durch zahllose
Belege aus Leben und Erfahrung dargetan werden
kann. So entstanden jüdische Studenten-, Turn- und
Gesangvereine als notwendige Folge des Gesetzes vom
Gegendruck. Natürlich sprechen unsere Antisemiten
all diesen Vereinen deutschnationales Empfinden, ja
auch nur die Möglichkeit eines solchen ab. Die Er¬
fahrung hat gelehrt, wie man hier mit Vernunst-
gründen nicht beikommen kann; der Arzt kann die
Arznei wohl reichen, der Kranke jedoch muß sie erst
nehmen.
Wir wenden uns deshalb nur au
jene, die außer der Vaterlandsliebe
auch noch etwas von allgemeiner
Menschenliebe wissen. Ihnen kann bewiesen
werden, wie hoch bei uns der Patriotismus einge¬
schätzt wird, welch erhabenen und hehren Inhalt die
jüdische Religion diesem Begriffe gibt.
Zugleich aber ergibt sich der Gegensatz bezw. die
Scheidung der edlen Vaterlandsliebe von
demunedlen , wüsten Chauvinismus! Wie
aus Sparsamkeit häufig Geiz, aus Freigebigkeit Ver¬
schwendung, aus Freiheit Willkür, aus vernünftiger
Strenge Tyrannei wird, kurz wie jede Bildung in Ver¬
bildung übergehen kann, ebenso vermag das Nationali¬
tätsgefühl in Chauvinismus zu entarten, in welcher
Form es freilich bloß eine Karrikakur vorstellt. Es
ist nicht der Juden Schuld, wenn dieses Zerrbild
auf Völker und Staaten verderblich eiygewirkt, das
Verhältnis großer und mächtiger Kulturnationen zu
einander getrübt und dazu beitrug, die politische
Spannung zu erzeugen, welche wir schlechthin heut¬
zutage als „die allgemeine Weltlage" bezeichnen. Man
denke an die Wirren der Balkanhalbinsel, die erst vor
wenigen Wochen die Welt um neue Schreckenskunde
bereichert; man denke an den Sprachenstreit in
Böhmen und Oesterreich, an den Nationalitätenhader
in Cisleithanien; man denke an den Drei- und Zwei¬
bund des europäischen Festlandes. Wer will den
Anteil ermessen, den das überspannte Nationalitäts¬
gefühl an all diesen Erscheinungen hat? Und wer
möchte bestreiten, daß es besser wäre, dergleichen
wäre uns erspart geblieben?
Die Vaterlandsliebe ist ein in der Natur des
Menschen tief begründetes Gefühl, sie ist sozusagen ein
inneres Bedürfnis. Naturgemäß liebt der Mensch
die Scholle, auf der er geboren und die ihn nährt,
das Haus, in dem er erzogen wird, die Personen, die
Umgebung, unter denen er aufwächst und lebt, das
Land, dessen Luft er atmet, das Volk, mit dem er die
gleiche Sprache, die gleiche Geschichte, die gleichen
Lebensbedürfnisse, die gleichen Lebensgewohnheiten
teilt. Sie alle fühlen sich bald als eine zusammen¬
gehörende Gemeinheit, als eine Vielheit, die in ihren
Zielen eine Einheit darstellen muß, kurz als
eine große Familie. Dieses natürliche Gefühl ist
Gut der Gesamtmenschheit, also auch des Juden.
Kein Volk hat es sich selb st gegeben,
keine Nation hat mithin auch das Recht,
ein Vaterlandsgefühl der anderen
Brudernation abzustreiten, zu mi߬
gönnen oder abzuleugnen. Und dieses
natürlichste aller Zugeständnisse ver¬
langen auch wir Juden. Wo man natio¬
nales Empfinden uns be st reitet, da ist
entweder grenzenloser Haß und bos¬
hafte Tücke die Quelle der Gesinnung,
oder aber man verkennt die Geschichte
und Erfahrung vergangener Jahrhun¬
derte und Jahrtausende, welche von
Judentum und Judenheit das gerade
Gegenteil bezeugen.
Das Nationalitätsgefühl und -Bewußtsein wurde
in Israel sozusagen von seinem ersten Stammvater
an eingepflanzt und gepflegt. Im Geiste schon sah
Abraham ein Volk, das ihm entblühen sollte, er
blickte mit leiblichem Auge das Land, welches seine
Nachkommen tragen wird. Zu den ersten und seligsten
Verheißungen zählten jene, wo Land und Volk dem
Stammvater zugesichert ward. Und wie ein teures
Vermächtnis ging das große Versprechen an Sohn
und Enkel weiter, wurde dem zweiten und dritten
Patriarchen erneuert, die es als trostreiche Profetie
mit in's Grab nahmen.
Das schöne Bild von Land und Volk spricht auch
aus Moses Worten, die er des öfteren an seine schwer¬
gedrückten Brüder in Egypten richtet, der
Gedanke an Palästina durchweht seine Prophezei¬
ungen, erhebend und stärkend, ja beglückend für
die noch immer in Sklavenketten Schmachtenden.
Und mit den verlockendsten Tönen wird dieses Land
gepriesen, als ein Land wo „Milch und Honig fließt,"
als ein Land, das die herrlichsten Früchte zeitigt.
JsraelsollteseinBaterlandliebenler-
nen noch ehe es dasselbe gesehen, noch
ehe es dessen Boden betreten. Als er -
sehnenswertesZiel, als ein hohes Ideal
ward ihm der Besitz eines solchen Lan¬
des hingestellt! Ist 'dies nicht die kräftigste
Pflege von Vaterlandsliebe, eine -schule im Patrio¬
tismus? — Das Volk soll ein Land besitzen, Gott
braucht für sein Gesetz ein Volk, aber ebenso auch
für das Volk ein Land, in dem das Gesetz Wirk¬
lichkeit werde. (Siehe Hirschs Pentateuchkommentar.)
Als aber Moses an der Landesgrenze seinen sehn¬
lichsten Wunsch versagt fand, als sein höchster Ge¬
danke, Kanaan zu betreten, durch Gottes unerbitt¬
liches Machtwort nicht in Erfüllung gehen durfte,
da rafft die heiße Sehnsucht sich noch¬
mals zu einem diesbezüglichen Bittgebet auf. Und
wir können es so recht nachfühlen, wie sein Jniieres
erbebte, wre seine Seele zuckte, als es hieß: Schaue
es an mit d-cinen Augen; denn bu sollst nicht hin¬
überziehen ! Aus dem tränenfeuchten Auge des großen
Führers dort oben auf der Pisgaspitze, aus dem
seelenschmerz, der ihm die Brust durchwühlt,
spricht ein Patriotismus, wie er schö¬
ner und erhebender aus keinem Vater-
lau dsliede tönt. Die -strafe für das klein¬
gläubige Volk, welches Kundschafter ausgesandt,
nicht in's gelobte Land zu kommen, war
mindestens ebenso groß, als das Verhängnis
der -10jährigen Wüstenwanderung. Wie gerne hätte
man diese Strapazen hingcnommen, wäre jenes Straf¬
mandat nur rückgängig gemacht worden!
Als aber Josua das neue Geschlecht in's Land
führte, war dem Entarten des Nationa¬
litätsgefühls sofort auch ein kräftiger Riegel
vorgeschoben. Die Amochthonen verlieren ihr Land
nur wegen ihrer heidnischen Gräuel, wegen
ihrer sittlichen Verderbnis und Verkommen¬
heit. Beim Zuge durch den Jordan geht die Bundes-
lade voran, sie ist das Erste, welches den heiligen
Boden betritt. Unter ihrem Wahrzeichen zieht Israel
in's Land. Zeigt das Volk sich üer neuen Heimat
nicht würdig, übt es Gräueltaten gleich den aus-
gestoßenen Völkerschaften, so trifft es dasselbe Los.
Israel hatte so nur ein bedingtes'.Herrenrecht
am Vaterlands; es sah stets die Wage der Gerechtig¬
keit, der strafenden Vergeltung über seinem Haupte
schweben. Sobald es die Bahnendes Got¬
tesgesetzes verläßt, wird ihm das Land
entzogen. Ist bei diesem Bewußtf ein,
beidiesem Gefühl der unbedingten Ab¬
hängigkeit noch Raum für den Ehauvi-
nismus?
Mer noch mehr! Selbst wenn das Volk Gottes
Weisungen befolgt, ist das Land nicht sein
Eigentum. Nur zu Lehen trägt es den Boden.
„Das Land kann nie auf immerdar ver¬
kauft werden; denn mein ist die Erde,
denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr
b e i m i r!" (3. B. M. 25,23.) Mit diesen markan¬
ten Worten ist dem überschäumenden Nationalgefühl
in der Tat aller Boden entzogen. Der angeführte
Satz knickt dem dünkelhaften Stolze der Chauvi¬
nisten mit kräftigem Drucke die Spitze ab.
Welche Bescheidenheit müßte ein Volk zieren, das
s o l ch e Ideen zu seinen Staats grundsätzen zählt!
Wie entgegenkommend, ia demütig herablassend, muß
es erscheinen gegen den Einwanderer, gegen den
Fremden, der das Land durchzieht oder sich ansässig
machen möchte. Kein „Fremdengesetz" hindert ihn
daran; kein „Ausweisungsbefehl" kann ihn treffen.
„Mein ist das Land; Fremdlinge seid ihr alle bei
mir!" — — — Kein Wunder, daß die „Fremden¬
gesetze" des Pentateuch vom Geist der Milde getragen
und durchweht sind, kein Wunder, daß da an¬
empfohlen wird, den Egypter „nicht zu verschmähen,
da wir einmal Fremdlinge in seinem Lande ge¬
wesen." also dort Gastrechte genossen.
Als die vollständige Besitznahme des Landes
Kanaan ihren weihenden Abschluß fand in der Errich¬
tung eines Gottesheiligtums in Jerusalem, als diese
Stadt mit dem festgebauten Tempel dauernd zur
religiösen Zentral- und sammelstätte erhoben ward,
da richtete man feinen Blick ebenfalls nach
außen zu den Weltvölkern. Gerade damals
hätte aber der Chauvinismus einsetzen
können! Die nationale Einigung war voll¬
zogen. Israel steht in seiner Vollkraft da!
Rings im Lande Glück und Frieden. Das Getreide
wächst in Hülle und Fülle. Jeder wohnt friedlich
bei seinem Weinstock und Feigenbaum.
Wie leicht schlägt da das Selbstgefühl in Ueber-
hebung um, die Fremdes und Fremde verachtet
und ächtet! — Wer nein, welch erhebendes, ja er-
greifen'des Bild gewährt uns hier im
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