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1—___
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ö Jahrgang.
Freitag, den 18 Vvvss 5667 (4. Januar 1967).
Ra. i.
JMqlt des Hauptblattes.
Artikel: Die Sehnsucht nach Schönheit, im
älteren jüdischen Schrifttum — Die Woche. — Brief
aus Breslau. — Aus aller W e l t. — Per so -
nalien. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von
Ernst Schwarz. — Sp r echsaal. — K u n st und
L itera tu r. — Wo ch en - Ka len der. — Fam i l i en-'
Nachrichten.
Die Sehnsucht nach Schönheit im
öttern jüdischen Schrifttum.
Dargestellt von H. Zeitlin, übertragen und einge-
leitet von B o i a k.
II.
Wie ist das Weltenlicht entstanden? — Gott
hüllte sich in seinen „Talcth", das Vorbetcrge-
Ivand legte er an, und sogleich füllte sich der
ganze Weltenraum mit Licht. („Pirkei D'rabi Elia-
sar").
Von: göttlichen Lichte ward nun die finstere
Welt erfüllt und erhellt. Allzugroß aberwar das
Licht, allzu hell leuchtete es, zu glänzend, zu
prachtvoll war es. Die Welt war noch nicht seiner
würdig. Es gebührte ihr eine solche Gabe noch
nicht. Was tat nun Gott? — Er benahm sie des
Lichtes, das in den ersten sechs Schöpfungstagen
erleuchtete und bewahrte cs füx die zukünftige
Welt der Gerechten auf, für kommende Zeiten,
kommende Generationen. („Bereschis Raboh".)
Wo aber hat es Gott aufbewahrt? — In den
Buchstaben der Thora. (Rabi Israel, genannt
Bescht.) Studiere also die „Torah", betrachte sie
und versenke dich in ihre Tiefen, lese die Zeilen
und zwischen den Zeilen, begreife ihren geheimen
Sinn und enträtsele ihre Geheimnisse, erfasse ihre
hohen Absichten und errate ihre universellen
Ziele und Ideale, dann wirst du auch das in
ihr anfbewahrte Licht, das. Licht der Zukunft, er¬
sehen.
Und noch ein Ort ist vorhanden, wo das ge¬
heime Zukunftslicht auffindbar ist — das ist das
freie Feld, der fteie Wald.
Wenn du eine lautere Seele hast, so erhebe
dich recht ftüh. Verlasse die Stadt, ihr Gezänk
und Taumel, ihren Kot und Schimmel, lustwan¬
dele nach dem großen und freien Felde, öffne weit
deine reinen Augen und beschaue Gottes freie und
lichte Welt — jo wird sich dir auch das geheime
Zukunftslicht erschließen. '
Sieh • ausgebreitet ist über alles die göttliche
Gnade, alles ist so schön und mild, so gut und
rein, alles atmet tiefste Weihe und ewige Güte,
alles redet von ewigem Frieden und ewigem Glück,
alles lispelt von großen. Geheimnissen, von weiten,
weitest. Welten, von Zister lichten, lichten Zukunft.
Sieh — die Stadt wird in Trümmern zer¬
fallen, alles Falsche und Schmutzige und Unreine
wird verschwinden, alles Kleinliche, Enge und
Stumpfe wird keinen Boden haben. Frei und. licht-
'öoll wird sich alles erheben, groß und weihevoll
wird sich alles gestalten.
.Krieg wird ausschciden, ebenso das Geld, der Han¬
del und das Eigentum. (Maseh Bebaal Tefilah.)
Tiefe ,tiefe Zukunft! Das ganze Leben wird in ein
(helles Licht aufgehen, in eine ewige Melodie, in
seinen ewigen Tanz von Gerechten. Eins wird sein
(Gott uni: Mensch, mit einander verschmelzen, wer¬
den für alle Ewigkeit Schöpfer und Geschöpfe. Gott
'tanzt mit den Gerechten im Paradiese und ist allen
sichtbar. („Lekute Maharan".)
! Sieben Gruppen der Gerechten werden die
„Schechinah" (Gottheit) feierlich empfangen und
(werden leuchten wie die Sonne, wie der Mond, wie
(die Himmel und wie die Sterne, wie die Blitze
(und wie die Rosen, wie. die glanzvolle „Meno-
!rah", welche im Tempel war. („Wajikro Rabbo".)
Sieh! Wie abgestorben ist im Winter die
irdische Naturpracht, und wieder erblüht sie im
Sommer. Das Tote 'wird dann belebt. Jedes Grsts-
lein lispelt zu Gott ein Gebet, jedes Gräslein
fleht und jedes Gräslein entsendet einen Lob-
gesang. Bete auch, du Mensch! Bete gemeinsam
mit der: unbefleckt schönen Gräslein. Sic lieben dich
und sehnen sich nach dir.- Mit dir gemeinsam
möchten sie Gebete an Gott richten. („Magid Si-
chaus 34". Lekute Ezaus.")
Eigentümlich ist die Grazie eines jeden Gras-
hälmchens, eigenartig seine Schönheit, in das es
gehüllt ist. Jede Art hat' ihre eigene Pracht und
Zauber.
Als der Weltenlenker alle Arten Grashälmchen
erschaute, da ries er ungehalten aus: Möge die
Ehre Gottes ewig andauern, möge sich Gott mit
seinen Taten freuen. („Mesichto Chulin 60".)
höre! Alles läßt Lobgesänge zu Gott erklin¬
gen: Der Tag und die Nacht, die Sonne und der
Mond, die Wolken und die Blitze, der Wind und
der Tau, der Regen und das Wasser, die Bäche und
die Seen, die Quellen und die Wüste, die Felder
und die Wälder, die Bäume und die Aehren, die
Vöglein und selbst das kleinste Geschöpf. („Perek
Schiroh".) Alle Bäume reden miteinander, alle
Bäume reden mit den Menschen. (Bereschis Ra¬
boh".)
Höre! Alles singt, lauter Musik sind die Him-
inelssphären. Blos muß man ein Ohr besitzen, um
sie zu vernehmen.
Des Menschen Seele stammt vor: oben. Dro¬
ben war sie an der Engel Melodieen und die
Hinimelsfphären gewöhnt. Und deshalb wenn die
Seele jetzt im Körper weilend, eine Melodie ver¬
nimmt, so erinnert sie sich an jene himmlischen
Melodieen. frohlockt sie und ist göttlich erhaben.
(„Avaudas Hakaudesch le' Rabbi Meir ben Gabbaj,
Perek, 9".)
Frisch und rein, göttlich-fröhlich, und göttlich¬
entzückt war die - ganze Welt, als der Schöpfer
sie, fertig geformt, aus seiner Hand ließ. Gott, er-
fteute sich an ihr, und sie erfreute sich an Gott.
O, mein Weltchen, ries ihr Gott damals zu,
ich wünschte, di: fändest immer bei mir den Bei¬
fall, den du in diesem Momente bei mir hast.
(„Bereschis. Raboh".)
Schmaus".) Dies ist die Entstehungsgeschichte der
Himmel und der Erde. Ihr Schöpfer preist sie. wer er¬
kühnt sich, sie zu schänden, ihrem Schöpfer sind
sie erhaben, wer vermag an ihnen etwas auszn-
'setzen? Oh, schön sind sie, erhaben sind sie.
Schön und weihevoll war die Welt nach der
Schöpfung, noch schöner und weihevoller wird sie
in der Zukunft sein.
Die Schöpfungsgeschichte bedeutet die Verlob¬
ung Gottes mit dem Universum. In der Zukenst
wird beider Vermählung gefeiert werden. Bei der
Verlobung hat Gott mit nur wenigen! die Welt
beschenkt, bei der Vermählung aber wird alles,
alles der Welt geschenkt werden. („Midrasch Ra¬
boh".)
III.
Schön und erhaben war die Welt. Nun aber
wurde der Mensch geschaffen. . . Der. Mensch kam
zur Welt und brachte: Kenntnisse, Sehnsucht,
Schmerz, Wahres und Falsches, Gutes und Schlech¬
tes, Schönes und Häßliches, Reines und Unreines,
Gebote und Verbote, Kämpfe und Schlachten, Neid
Haß, Auftegung, Beleidigung, Grobheit, wilde
Genüsse und wilde Instinkte (Bereschis Raboh Sche¬
rnaus). Der Mensch schritt fort und immer grauen¬
haftere. und abscheulichere Formen nahm das
Leben an. Die ganze Welt wurde zum Kampf¬
platz, der Tempel Gottes in ein großes Blutbad
verwandelt.
Noch weiter schritt der Mensch fort und schlecht
erschienen ihm Schöpfer wie Schöpfung. Ueberall
fand er ewige Unzulänglichkeiten, entdeckte er
ewiges Leiden.
Nicht nur der Mensch, sondern die ganze
Welt ist sündhaft und elend. Alles ist bedingt.
Ewig muß Blut fließen, Mles muß klein und
häßlich sein. So ist eben die Welt, so ist die Natur.
Die Welt erzitterte, zerspaltete und zer¬
bröckelte. Alles ist leidend, durstig, sinnlich und
klein und düster.
. (Fortsetzung folgt.)
Die Woche.
Und der Herr der Allmächtige sprach wiederum
zu mir und sagte: Erdensohn, stehst du auf der Warte.?
Und ich rief: Herr! Auf der Warte stehe ich immerdar,
auf meinein Posten bleibe ich am Tage, bleibe auch, in
der Nacht. — Und er sprach zu mir also: Gehe und
verkünde! Verkünde, was du siehst, wie der Wächter,
der was er sieht verkündet: über das wundervolle
Volk von Anbeginn und weiter, über das Volk des
Höffens und Harrens, — mb doch zertreten, gefob-
tert, wie Wild gejagt, gehetzt, das Volk, dessen Kind¬
lein vor dessen Augen zerfteischt, dessen Weib geschän¬
det und dessen Haus ansgeraubt; über mein Volk,
das auserwählte Volk, verkünde!
Und siehe, eine weite Ebene, bewachsen mit men¬
schenhohem Wildgras schwebt vor meinen Augen, auf
wilden Rossen galoppieren halbnackte rote Reiter mit
Klinten und Beil, fliehen, wie vom Blitz getroffen.
Don der Ferne sehe ich wilde Flammen zum Himmel
emporsteigen, das hohe Gras brennt, die ganze Ebene
steht in Flammen. , .
In einer weiten Zukunft werden alle Strei-
Schön ist die Welt, gesegnet sei der, der sie
tigkeiten aüfhören, jegliche Gewalttat und jeder^ mit seinem Worte geschaffen. („Midrasch Raboh