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Freitag, de» 2. Lislolv 5668 <8. November 1967).
5. Jahrgang.
. Inhalt des Hauptblattes.
Artikel: Brief aus England. — Aus aller
Welt. —Personalien. — Aus der Lehrer¬
welt. — Feuilleton: Des Schammes Tochter.
— Sprechsaal. — Wochen-Kalender. —
Kunst und Literatur. — Familiennach¬
richten. — Barmizwohs.
Brief aus England.
Daß der Antisemitismus auch in die¬
sem als „Free Country" gepriesenen Lande nicht
ganz unbekannt ist, braucht nicht bewiesen zu
werden. Das Fremdengesctz liefert trotz aller „inter¬
nationalen" Mäntelchen, die ihm seine Bor-
känipfer anhängen ' möchten, die deutlichste Demon¬
stration hierfür. Die Engländer, deren natio¬
naler Stolz keine Grenzen kennt, sind sonst nicht
besonders geneigt, sich ihre Stammesgenossen jen¬
seits des Atlantischen Ozeans als Vorbild zu
nehmen; in Bezug, aus Antisemitismus jedoch er¬
lauben sie sich manche Freiheiten. Jede Einschrän¬
kung der Jmniigration, die in Amerika bereits
eingesührt wurde oder erst noch geplant wird,
findet hier sofort einen sympathischen Widerhall
und eine Schar von Patrioten, die unermüdlich
an der Einführung derselben in England arbeiten.
Ein gewisser Unterschied zwischen diesen beiden
Ländern war jedoch darin zu finden, daß in
Amerika der Judenhaß offen auftrat und keinen
Unterschied zwischen in- und ausländischen Juden
zuließ, während er hier noch gewissermaßen ver¬
schämt ist und unabläßlich eine dicke Linie zwi¬
schen dem „English Jew" und dem „Foreign
Jew" zieht. In den letzten Jahren begannen
jedoch auch hier diese Linien immer dünner und
vertuschter zu werden. Freilich sind vorläufig
die Beweise dafür noch ziemlich spärlich gesäet,
aber wer ein „horouch eß hanoulod"" ist, darf
sie unter keinen Umständen unbeachtet' lassen.
Einer dieser Fälle verdient besonders beachtet
zu werden, schon aus dem Grunde, weil er zur
Genüge beweist, daß auch die gesellschaft¬
liche Lage der hiesigen Inden, die doch
bisher allgemein als unerschütterlich gegolten hatte,
sich keiner besonderen Sicherheit ri'chmen darf.
In der großen Industriestadt Leeds, die etwa
25000 jüdische Einwohner zählt, wurde ein jüdi¬
scher Arzt namens Dr. Friend als „medical
officer for Health" für den Distrikt 4ir. 2,
zu dem ein großer Teil des dortigen Ghetto
gehört, gewählt. Diese Wahl — obwohl, nebenbei
bemerkt, das Amt kein besonders wichtiges ist —
erhitzte das Phlegma eines großen Teiles der
Herren des dortigen Board of Guardians, die
alsbald eine Petition an das Local Government
Board entsandten, in der sie es ersuchten, die
Wahl nicht bestätigen zu wollen. Als Grund für
ihr Vorgehen gaben sie gewisse politische und
lokale Umstände an, die absolut belanglos sind.
Das Board of Deputies, das von Ver¬
tretern der jüdischen Gemeinden Englands be¬
schickt wird und die offizielle Vertretung
der englisch ehr Iudenheit bildet, schritt
zwar bald ein und machte die Regierung auf
den wirllichen Grund der Leedser Herren —
das Judentum Dr. Friend's — ■ aufmerksam, aber
die Herren ttaten bald wieder auf und rückten
in den Vordergrund des Treffens andere Gründe,
die, wenn sie auch ebenso haltlos wie die ersteren
sind, jedoch stark genug sind, um der equanimity
und Selbstgewißheit des Board of Deputies ernste
Sorgen zu verschaffen.
Zwei andere wichtige Punkte bildeten den
Gegenstand der jüngsten Verhandlungen des
Board of Deputies: die Alienbill und
der Casa Bianca -Fonds. Zu letzterem be¬
merkte der Vorsitzende, Mr. D. L. Alexander,
K. C., daß bis nun 954 Psiind Sterling zu¬
gunsten der marokkanischen Juden gesammelt wur¬
den, eine Summe, die natürlich viel zu llein
ist, um auch nur den notwendigsten Bedürfnissen
der Unglücklichen abhelfen zu können. Gibraltar
sei jetzt überfüllt mit marokkanischen Juden, und
das dortige Komitee allein trage Sorgen für
500 Seelen, die es täglich zu ernähren habe. Die
Alienbill, die in der letzten Zeit in einer Weise
gehandhabt wird, die eher für Rußland Paßt als
für das „freie" England, erfreute sich einer län¬
geren Debatte. Zuletzt wurde die Resolution des
Vorsitzenden angenommen, die, wenn sie auch
bescheiden und ersuchend abgefaßt ist, dem Mini¬
sterium des Inneren alle Mißstände in diesem
unglückseligen Gesetz aufdecken und es um Be¬
seitigung derselben angehen soll. — Das „Jewish
Chronicle" veröffentlicht eine Serie von Artikeln
über die Alienbill, die durch ihre Ausführlich¬
keit und Gediegenheit zweifellos der Sache der
Freiheit und Gerechtigkeit große Dienste leisten
werden.
Der „Kongreß" des „Indischen
Frauenbundes", der vor ein Paar Wochen
in Frankfurt stattgefunden hatte, scheint hier an¬
steckend gewirkt zu haben. Nach einer elf¬
jährigen Panse kamen die Vertreterinnen der
Union of Jewish Women diese Woche zu
einer Konferenz zusammen, die im Royal Museum
in Manchester stattfand und an der sich unter
anderen 80 hochgestellte Damen, wie die Gräfin
Desart, Lady Battersea, Mrs. N. L. Cohen,
The Hon. Mrs. E. L. Franklin, Mrs. L. Lucas,
The Hon. Lily Montague (Tochter des Lord
Swaythling, früher als Sir Samuel Montague
bekannt), Mrs. Claude Montefiore und Mrs.
Meyer Spielmann beteiligten. Die Konferenz
zeichnete sich zwar nicht durch die gespreizte Ge¬
schwätzigkeit, die in Frankfurt an den Tag ttat,
aus, aber das ist vielleicht auch der Grund,
warum die Manchester Konferenz von größerer
Bedeutung ist und zweifellos Tüchtigeres und
Gesegneteres leisten wird. Unsere Damen protz¬
ten nicht und berauschten sich nicht an den
wohlfeilen Phrasen, mit denen sich die „gebil¬
deten" Damen gewisser jüdischer Kreise in Deutsch¬
land gerne schminken. Sie sind schlichte, wohl¬
tätige Frauen, die als solche wirken und als
solche auch gelten wollten. Jüdische Frauen, die
I am Gesetze festhaltend ' oder nicht, dein jüdischen
Ro. 43.
Ideal der Frau doch mehr oder weniger treu
geblieben sind. Es fehlte dort auch nicht an
Referaten, die, wiederum bemerkt, recht schlicht
und daher praktisch und anmutig abgefaßt waren.
Besonders interessant war das „paper" der Lady
Battersea, die über „Frauen, die ich gekannt
habe" sprach. Lady Battersea war intim befreun¬
det mit der Königin Viktoria und sprach über
die Beziehungen derselben zu ihrem großen Onkel
Sir Moses Montefiore und zu, anderen jüdischen
berühmten Persönlichkeiten in England.
Einen hochinteressanten Psak ver¬
öffentlichte diese Woche der „ChiefRabbivon
England und den Kolonien" in der letz¬
ten Nummer des „Jewish Ghronicle". Anläßlich
eines Falles, wo ein Jude einen Gerichtshof
ersuchte, seinen Prozeß- noch einmal zu verhan¬
deln, da man chn den Eid ohne Kopfbedeckung
leisten ließ, ersucht der Oberrabbiner Dr. H.
Adler das genannte Blatt um die Aufnahme
folgender Entscheidung: Ein Eid sei bindend,
auch wenn ein Jude chn absichllich ohne Kopf¬
bedeckung geleistet hat. Dasselbe sei auch der Fall,
wenn er auf das Neue Testament geschworen hat,
welches chm irrtümlicherweise anstatt der hebräi¬
schen Bibel dargereicht wurde. Der Chief Rabbi
kann auch liberal und tolerant sein, wenn er
will. Seine justitia hat keine Binde um die
Augen; sie sicht sich vielmehr jeden Fall genau
an und beurteilt ihn nach seinem Börsenkurs.. In
Angelegenheiten der „ausländischen" Juden ultra»
orthodox und rücksichtslos, gegen den Zionismus
wird der Strahl des großen erzbischöflichen
Bannes geschleudert; im Umgänge aber mit West-
end-Juden äußerst tolerant und rücksichtsvoll, und
wenn es sich gar darum handelt l'haraus hoamim
wehassorim, da kann das jüdische Quecksilber noch
viel tiefer sinken als der Frierungspunkt Dr.
Emil Hirsch's. ... In dem weder Fleisch noch
Fisch seienden, durch und durch verfaulten englischen
Judentum werden diese Jongleur-Kunststücke be¬
wundert und vergöttert. Das Judentum sei da-
durch orthodox erhalten geblieben, obwohl in den
orthodoxesten Synagogen die Vorsteher mechallel
Schabbos befarhessio sind. . . . Doch darüber mehr
bei einer anderen Gelegenhett.
Der Zionismus befindet sich hier in
derselben ungünstigen Lage wie ein Jahr zuvor.
Der Wechsel des Regimes scheint die Erwar¬
tungen derjenigen, die ihn im Interesse der Sache
anempfehlen zu müssen glaubten, nicht gerecht¬
fertigt zu haben. Die Jnaktivität der Vereine
wird fortgesetzt, und die Uneinigkeiten zwischen den
verschiedenen Führern scheinen wirflich chronisch
und nnausmerzbar geworden zu sein. Die Ursache
des ersteren Zustandes ist darin zu finden, daß
wir hier blutarm sind an einer intelligenten
Jugend, die begeistert für die Sache auftritt und
sie aufopferungsvoll propagandiert, wie es in
Deutschland, Oesterreich und Rußland der Fall
ist. Daß darin jemals eine Aenderung eirttreten
wird, ist nicht vorauszusehen. Der Strom der
Emigratt'on aus Osteuropa treibt unsere bessere«
Kräfte nach den Vereinigten Staaten und läßt