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13. Jahrgang.
Freitag, den 22. Tewes 5675 (7. Januar 1915j
«r. 1
Ein Brief ans Lodz.
„The Amerikan Hebrew",
' New Jork.
Ich bekomme ins Feld, wo ich als Rabbi¬
ner für die jüdischen Soldaten einer deutschen
Armde tätig bin, die Nachricht zugesandt, daß in
Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die
bekannten Taten der Russen in RadoM, über die
seinerzeit das „Berliner Tageblatt" berichtet hat,
in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die
Schuld von den Urhebern abzulenken sucht. Ich
bin, der eigentliche Autor jenes Berichtes, habe
also an seinem Inhalt und Schicksal alles Inter¬
esse und erlaube mir daher, Ihnen hiermit feier¬
lich und.mit dem ganzen Ernst unserer blutigen
Zeit zu wiederholen: Es ist leider buchstäblich
wahr! Die Russen haben in RadoM drei un¬
schuldige Inden ohne Gericht und ohne Urteil auf¬
gehängt, darunter einen Mann — den Sohn des
in ganz Polen berühmten A l e x a n d e r R e b b e —,
der von der ganzen Gemeinde wie ein Heiliger ver¬
ehrt wurde, der seine Tage, hinter dem Talmud
sitzend Md seinen frommen Gedanken nachgrü¬
belnd, in bescheidener Zurückhaltung und Selbst¬
vertiefung verbrachte und sich nicht kümmerte um
die Handel dieser Welt. Ich selbst habe. Gelegen¬
heit gehabt, eine der ungleichen Witwen in
RadoM zu sprechen. Versteinert und starr in
ihrem Schmerz saß sie vor mir; mit einer Ruhe,
die Mir das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges
Erleben als eine Fügung Gottes hin, und, wenn
das zerrissene Herz aufschreien wollte vor wahn¬
sinnigem Weh, lehrte sie. ihr frommer Sinn, in
Gottes Namen zu dulden und sich seinem Willen
zu fügen. Und mit einem nervösen Zucken.mn den
Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme
von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen,
und den Männern, die durch Henkershand gefallen.
„Mein Schwager — der Sohn des Alexander Rebbe
— war ein'edler Mensch, eine stille Natur, ein
göttlicher Mann." „Warum man sie gehängt?"
„Fragen Sie den polnischen Denunzianten, der
diesen dreifachen Mord auf dem Gewissen hat."
Ueberhaupt krampst sich mir das Herz zu¬
sammen, wenn ich hier in Polen sehe und höre,
welch entsetzliche Gewalttaten an den Inden , im
Laufe dieses Krieges von den Russen verübt wor¬
den sind und tagtäglich verübt werden. Die Po¬
grome .früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die
rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen
Lübens, die mit dem russischest Heer sich durch
ganz Polen wälzt, Mit ihm vorwärts, mit ihm
rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender
Schatten. Mehr als 215 Ortschaften wurden bisher
pogroMiert, und es ist kein Ende dieses Schreckens
abznsehen.
Ich will Mer ins Einzelne gehen und Ihnen
Tatsachen beruhten, nackte Tatsachen, deren Wucht
sich niemand wird verschließen können, . und die
sich durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt
schaffen lassest:
In Staschef wurden am Zaum Kippur elf
Juden ' in Tallis und Kittel in der Synagoge
aüfgkchängt.
Mr Klodv w a wurden zwei der angesehensten
jüdischen Bürger an einem Freitag Abend, als
die Juden aus der Synagoge kamen, am Balkon
des - eigenen Hauses aufgeknüpst, nachdem die
Frau des einen selber die Stricke hatte herbei-
hvlen Müssen. 24 Stunden "mußten die .Leichen
hängen bleiben, Und die Juden der Nachbarschaft
durften die Fensterläden nicht schließen, damit
sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen.
Auf die Brust der Getöteten hatte Man einen Zettel
Mit der Aufschrift geheftet: „Gehängt, weil er
ein Drci-Rubelstück nicht wechseln wollte."
In Lenczyca war eine Bürgerwehr einge¬
richtet, in der 70 Prozent Juden organisiert waren.
Als das russische Militär nach L. kam, wurden
sämtliche Juden sofort aus der Miliz entfernt,
und in derselben Nacht haben die Kosaken ge¬
plündert und mißhandelt — nur in jüd. Häusern.
In Shidlowiec haben sich jüdische Mäd¬
chen in den Pilicer Teich geworfen, weil sie ge¬
schändet worden waren und diese Schmach nicht
durchs Leben tragen wollten.
In Ostrowice forderten Kosaken die Aus¬
lieferung des Rabbiners Zaddik Kalischer,
der gehängt werden sollte, weil er angeblich die
Oestreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war
er zusammen mit dem polnischen Geistlichen den
österreichischen und den deutschen Truppen sowie
früher den russischen entgegengegangen und hatte
uM schonende Behandlung der Einwohner gebeten.
Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die
Russen den hcrannahenden Jaum Kippur ab und
umzingelten am Kol Nidre-Äbend die Synagoge,
UM dort den Rabbiner gefangen zu nehmen. Als
sie im Begriff waren, in das Bethaus einzudringcn,
zogen die Deutschen in O. ein, und die Kosaken
wurden Vertrieben, nachdem sie vorher Haus und
Hof des Rabbiners zerstört hatten.
Am 4. Dezember, - während des Freitag-
Abend-Gottesdienstes, kam in Petri kau der
Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ
sämtliche Torarvllen aus der heiligen Lade ent¬
fernen und diese nach einem.geheimen Telephon
durchsuchen, das die Juden dort untergebracht
hätten.
Ist Klescew wurden 150 Juden als Spione
verhaftet und nach Warschau geschleppt.
Aus Schiradow, Pruschkow, Blalops-
zek, Jwangorvd, Grodzesk, Skierne-
w i c e und vielen anderen Orten wurden sämtliche
Juden vertrieben. In Skiernewice traf sie
der Ausweisungsbefehl am Freitag Abend, als sie
gerade die Sabbathlichter angezündet. hatten. Und
so gingen die 1000 Skiernewicer Juden aus ihren
Wusern, ließen Licht und Challoh zurück und zogen,
der Rabbiner an der Spitze, hinaus ins Dunkel
der Nacht. Die Grodsisker Juden wollten sich
nach Warschau wenden und baten durch eine Depu¬
tatton uM die Erlaubnis: Der dortige General
hieß sie nach dem linken Weichselufer gehen, und,
da sie antworteten, das wäre dasselbe wie in die
Weichsel gehen. Meinte er zynisch, das wäre das
allerbeste.
.. Ist Lowiez.wurden zwei junge Juden aus
Zgie'rz, Sandberg und Fraenkel, wegen
angeblicher Spionage nach vorheriger Verstümm¬
lung des einen aufgehängt. Dasselbe Los wurde
dem angesehenen Getreidehändler Moses Lip-
schütz, einem dort sehr geachteten Talmudgelehr¬
ten, zuteil, weil er — vor, dem 'Krieg! — Ge¬
schäfte nach Deutschland gewacht hatte.
In Bechawa (Lubliner Gouv.) wurden im
Oktober 78 Juden an einem Tage wegen „Spio¬
nage" aufgehängt.
In Kramostaw (Lubliner Gouv.) wurden
viele Häuser eingoäschert, die Juden (200 Fami¬
lien) zum großen Teil mit Frauen und Kindern
vernichtet.
In L odz sind 15,000 Kleinhändler ihrer Habe
beraubt und zu'Bettlern gemacht worden. Lodzer
Frauen wollten ihre verwundeten Männer in den
Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen.
Es wurde ihnen verboten, weil diese Städte nicht
im Ansiedelungsrayon (fegen.
In Z d u n s k a W o l a wurden sämtliche FraHi
und Mädchen geschändet; selbst eine Wöchnerin am
dritten Tage nach ihrer Niederkunft und 'Kinder
von 5 und 6 Jahren blieben nicht verschont.
Eine Frau, deren Mann im Kttege war,
starb an den Folgen einer Vergewaltigung. Bald
darauf kehrte der Mami verwundet heim, fand
sein Kind ohne Mutter und seine Frau von einem
„Kameraden" zu Tode geschändet.
Dies ein kurzer Wschnitt aus dem Bild
der unerhörten Judenverfolgungen hierzulande,
das "in seinen markantesten Zügen, Ihnen wieder¬
zugeben für meine Pflicht hatte, für meine Pflicht
gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem'
Judentum; denn „Du sollst nicht stehen bleiben beim
Blute deines Nächsten".
Lodz, den 24. Dezember 1914.
Rabbiner Dr. Arthur Levy,
zurzeit im Felde.
Jüdische Kriegsyrobleme.
i.
Das Kriegsfchicksal der polnisch-
galizischeu Judcnheit.
Noch hat der Verlauf des Krieges nicht jenen
Punkt erreicht, von dein aus sich die ungeheuren
Folgen auf allen Gebieten, die er nach sich ziehen
wird, einigernmßen übersehen lassen könnten.
Noch liegt die zukünftige Entwicklung, wie sie dieser
Krieg Hervorrufen wird, durchaus im Dunkel ver-
hiillt. Wohl aber ist der furchtbare Kampf bereits
soweit fortgeschritten, daß sich ein gut Teil der
Zustände, die er durch seine unmittelbaren Wir¬
kungen geschaffen hat, schon jetzt überblicken läßt,
und man manche der Probleme schon zu erkennen
vermag, die sich aus diesen Zuständen erheben.
Wenn die .fünf Monate des Krieges noch nicht
daM hingereicht haben, um das posittve Resultat
des Kampfes, die politische Umgestaltung der Welt,
zu erreichen, so war doch diese Zeit genügend
lang, um Millionen von Menschen die furchtbaren
Schrecken der Kriegsfurie spüren zu lassen, um
Verheerungen und Verwüstungen anzurichten, an
deren Wiederherstellung Jahrzehnte werden arbeiten
Müssen.
Für wenig Bevölkerungsgruppen Europas —
von Belgien vielleicht abgesehen — hat der Krieg
in dieser Hinsicht solch' einschneidende Bedeutung
gehabt wie für uns Juden. Das ttagische Ahas¬
vergeschick unseres Volkes, das durch die steten
Wanderungen der einzelnen Volksteile dahingc-
führt hat, daß wir in allen Staaten gerade. in
den Grenzprovinzen am stärksten vertreten sind,
dieses eigentümlich tragische Geschick unseres Vol¬
kes ist auch die Ursache der besonders großen
und furchtbaren Wunden, die gerade uns dieser
Krieg geschlagen hat. Denn stets sind es ja die
Grenzländer der Staaten, die den natürlichen
Schauplatz der Kämpfe bilden.
•> Diejenigen zwei Länder,, in denen der Kampf
heftiger als auf allen anderen Kriegsschauplätzen
getobt hat: Polen und Galizien, sind die
Hauptsitze der osteuropäischen Judenmassen, r-o ist
es nur natürlich, daß die nach Millionen zäl^
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