Erscheint wöchentlich am Freitag.
V«r»S»Prr« pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.—
frei inS HanS. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei mS
HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch
Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50,
. für Rußland l Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.—
Einzel. Nummexn kosten 10 Pfg
Redaktion rmd Erpeditüm:
Frankfurt a. M. » Cangeftr. 7.
Fernsprecher Amt Hansa 2803.
Fusert iansZr ei» für di« fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für
die Reklamezeile Mk. 1.—. Ber Wiederholungen entsprechender
Rabatt. Stellen»Angebote und »Besuche, Wohnungsinserate,
HeiratS» Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne
jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit.
Annoncen-Annahme bei der Lxped. und in nAnnoncen-BureaniS.,
Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt «. M. unter Nr. 4864.
14. Jahrgang.
Freitag, den 3. Schwat 5676 (7. Januar 1916)
Nr 1
d "Profeffor Philippsons Erwiderung.
| (Schluß).
I Wie könnte es auch anders sein?! Wurzelte
och Maimonides gleich allen anderen zahlreichen
rcidenkcrn tief, tief im nationalen Boden Judas,
tnd als glühender Nationaljude vergoß er nächt-
ich, auf der Erde sitzend und trauernd „chazaus" ab-
>altend, Tränen über den Fall Jerusalems. Auch
x teilte beglückt die feste' Hoffnung seines ver-
.riebenen Volkes auf die endliche Rückkehr in das
^!and der Väter. ^
P, Und die liberalen Juden? Diese sind im
Degensatz zu unseren anderen Freisinnigen aller
Orts und aller Zeiten dem nationalen Boden
ihres Volkes entrückt und haben damit seine Hoffnung
auf die Wiedergeburt vollständig ausgegeben, da
ihnen der aufrichtige Wille zuin Judentum völlig
ibgeht. So hieß es allgemein. Es ist klar, daß
fieses wurzellose Judentum für niemand, auch nicht
für die Liberalen, verbindlich ist, und es braucht
ckicht erst gesagt
wen:, liberalen
zu werden, daß cs zwischen
Jude», Juden ohne Ver-
jgangenheit und *”ohnc v Zukunft, und
f en 'östlichen Juden, die beides in
. eichem Maße und lebendiger Weise be¬
sitzen, eine weite, unüberbrückbare Kluft herrscht,.
Pie 'bis zum größten Mißtrauen und gegenseitigen
iNichtverstehen reicht!
jf Und nun kommen Sie, Herr Professor, init
!Ihrer neuen Definition vom ILesen des libera¬
len Judentums, die ein ganz anderes Bild von'
sdem oben entworfenen gibt, denn „freudige
Werchrung und hcrzlicheAnerkennung
J)cr Glaubens- und Sittenlehre un¬
serer uralten Religion" schließt in sich
ar vieles ein! Ist doch in Wirklichkeit
finsere Glaubens- und Sittenlehre un¬
zertrennbar mit unserer Vergangen¬
heit und Zukunft zugleich. Unsere Glau¬
benslehre erstreckt, sich nicht nur auf die einzig-
H Artige Größe und Einheit Gottes, wie es Mai-
-Ä'nmi richtig erkannt, sondern auch auf die
lLtz/userwählthcit des jüdischen Volkes
nd seinen Zusammenhang mit seinem
.-,11
it‘ l
,Gotte,
freudige
seincr Lehrc nnd sc.inein Lande!
Verehrung und herzliche A n e r k e n -
n n n g unserer uralten Religion bedeutet auch
il'it) irklichc II u sübung der Gebote der
^ h o r a. Somit st e l l t d i e s e s F a k t u m g l c i ch-
zeitig die Solidarität und Einigkeit
jüdischen Volkes in seinen Hand¬
lungen und Bestrebungen her und schließt
ÄLigenbrödelci aus. Ein derartiges liberales Juden¬
tum erhebt sich nicht über seine östlichen Brüder
hmd spricht nicht wegwerfend von der
^,Ucüerwuchcrung ihres mittelalterlichen Zcremo-
rial- und Formelsystems", sondern blickt mit
Bewunderung auf sie hin. Ein derarti¬
ges liberales Judentum ist weit davon ent¬
fernt, die berechtigten Ansprüche die¬
ser ihrer bewnnberungswerten und
i.lH o ch u n g l ü ck l i ch e it B r ü der z u h i n -
ilcker treiben und will sie nicht
Iinetn fremden, tiefer stehenden
olke ausliefern. Es tritt vicl-
ltrhr mit allen ihm zu Gebote stehen-
en Mitteln für ihre vollen Rechte
nd i h r e n a t i o n ale S elb st än d i g keit e in!
Ueberschaut man Ihre Erwiderung, so ergibt
ch', daß aus ihr zwei liberale Judentümer
das eine, das seine östlichen Brüder
und ihr Heiligstes verachtet und stets bereit ist,
sie ausznliefern, das. zweite, das die Religion
der Väter und ihre Träger freudig verehrt und
herzlichst anerkennt.
Welches von den beiden ist eigentlich Ihr
Judentum, Herr Professor? Die Tatsache, daß Sie
es so eilig haben, Millionen Ihrer heldenhaften
Brüder ihrem größten und unversöhnlichsten
Feinde auszuliefern, ' läßt uns leider einen
Schluß ziehen, den wir bei Ihnen' wirklich nicht
gern gezogen hätten.
Nun tun Sie harmlos und sagen, es handle.
sich lediglich um die Beibringung der Landes¬
sprache, lediglich um die Erlernung der polni¬
schen Sprache. — Aber Sie werden doch nicht im
Ernst iglauben, daß die polnischen Juden und wir, die
bescheidenen Verteidiger ihrer Rechte, solche ver¬
kappte Narren und so weltfremd sind! Um die
Aneignung der polnischen Sprache han¬
delt es sich nicht, dies werden die dortigen
Juden — die Besitzenden früher, die Aermeren
etwas später — ohne Ihr Zutun in ihrem
eigensten Interesse aus rein praktischen Gründen
freiwillig bewerkstelligen.
Wir sagen: freiwillig, denn eine
Aneignung durch Zwang, eine Aufoktro-
ierung seitens der Polen läßt für das
Judentum, für Thorastudium, Hebrä¬
isch, jüdische Geschichte und Litera¬
tur keinen Raum mehr, während eine
freiwillige Aneignung des Polni¬
schen, aus eigener Initiative der
Juden, Spielraum für beides läßt.
Gegen die polnische Sprache als solche haben
weder die Juden Polens noch wir etwas einzu¬
wenden, nur darf dies nicht auf Kosten
des Judentums, unseres kostbarsten Gutes,
für das wir seit Tausenden von Jahren bluten,
geschehen. Wären die Zustände innerhalb des Juden¬
tums in unserem Deutschland, selbst bei unserer
Orthodoxie, insbesondere was den Stand des
jüdischen Wissens und der nationalen Hoffnungen
anbelangt, nur so gut wie im Osten!
Wogegen wir Stellung nahmen, war ganz
klar, und unsere Worte geben zu keinem Irr¬
tum Anlaß; wiederholt betonten wir scharf und deut¬
lich, daß unsere Verwahrung gegen ein Unter¬
fangen gilt, das „völliges Aufgehcn im
P,o l e n t u m" sich zuin^Ziel gesetzt hat, und. Ihr
Eintreten für die polnische Sprache war' durchaus
nicht am Platze! -Der Sprache halber brauchten
Sie nicht in Fühlung mit dem jüdischen Assimi-
lantentum Polens, —zu dein die jüdischen Massen
kein Vertrauen haben—, auch nicht über die
Köpfen der dortigen Juden hinweg mit dem
christlichen Lehrerbundc zu treten, son¬
dern hätten mit den wirklichen Führern der
dortigen Judenheit, sowie dem jüdischen Leh-
rer-Verbande in Fühlung treten sollen. Ihre
erste Sorge, Herr Professor, als intellektuel¬
ler jüdischer Führer und Erforscher des
Judentums sollte der Erhaltung des
Judentums gelten, nicht aber derBer-
breitung des Polentums! —
Allseits wird gefragt: Wie kommt "das? Wo¬
her diese Eile des Handelns? Woher diese Bevor¬
mundung von Millionen sittlich und in Gemüts¬
kultur hochstehender Menschen seitens unserer deut¬
schen Intellektuellen? Welches sind die Motive
hierzu? Professor Ph. entschuldigt sein Vorgehen
mit seiner Besorgnis um die Existenz der pol¬
nischen Juden; als Beweis hierfür führt er die
schlechte Lage der Juden Galiziens an, allein
dies ist nicht auf das schlechte Verhältnis zwi¬
schen den Juden und den Polen, wie PH. es
meint, zurückzuführen, sonderir eher auf den
polnischen Schlendrian einerseits, und auf'
die Schlappheit der österreichischen Staatsaufsicht
andererseits. Auch sind noch andere Faktoren, u. a.
örtlich topographische, schuld hieran. Mso diese
Ihre Motivierung ist unzulänglich. Ueberdies darf
nicht vergessen werden, daß das, was den Juden
Polens abträglich sein würde, diese doch weit besser
wissen, als Professor PH. es zu wissen vermeint.
Böse Zungen behaupten: Seit langem emp¬
findet man in assimilatorischen Kreisen zu sehr
die starken Unannehmlichkeiten des Fortschleppens
der „süßen Last" des Judentums. Doch ange¬
sichts der allmählichen Abbröckelung
tröstete man sich mit der stillen Hoffnung, daß man
für kurz oder lang sich der süßen Last wird entledi¬
gen können. Es waren gute Anfänge! Zum großen
Verdruß jedoch kamen fortgesetzt Zuzügler von
drüben, und mit ihrem verkappten Judentum stör¬
ten sie den Prozeß der Auflösung, sie hielten die
guten Hoffnungen auf. Dies war sehr ärgerlich!
Da brach ein breiter Strahl aus dem finsteren
Horizont, der Krieg kam und mit ihm die Be¬
freiung Polens. Und siehe! ganz unverhofft kam
eine Hoffnung aus einer weiten, weiten Ferne
in nächste Nähe gerückt: Die unversiegbare Quelle,
das polnisch-jüdische Reservoir zu verstopfen — wer
sollte da still stehen? Wer sollte da nicht schnell
zugreifen, um den breiten Strahl aufzufangen?
So behaupten die bösen Zungen.. Nun, wir.
gehören nicht zu ihnen und wollen es nicht gel¬
ten lassen, besonders bei einemPhilippsonnicht.
Wenn auch manche Wiederholungen dabei nicht zu
vermeiden sind.
Wir sagten schon, haß PH. von seinem Stand¬
punkte aus ein guter Jude ist und es durchaus
bleiben will. Als guter Jude aber ist er unver¬
wüstlicher Optimist und setzt bei den Polen ein
Rechtsgefühl voraus. Denn noch glaubt er, daß
sie gewillt sein werden, den Juden ihren Rest
von ein paar wässerigen Tropfen Mosaismus zu
gewähren, obwohl es feststeht, daß die breite
Masse der Polen für Humanität durchaus unzu¬
gänglich ist. Bei dem frommen Katholizismus
Polens wird man einer anderen Konfession auch
noch so geringe Konzessionen nicht machen wollen,
insbesondere nicht einer Religion, die bloß ei n e
monotheistische Ethik im Sinne der tiv=
beralen Juden, eine für ein internationales
Menschentum zurcchtgestutzte Ethik darstellt, die die
größten Atheisten und Zyniker seelig zu machen
vermag.
Und noch weiter. Ph. wird die Sache leicht,
da die Opfer, die das Judentum zu bringen haben
wird, doch nur unbedeutend sind; der dem Juden¬
tum wesentliche Teil des Nationalen ist für ihn
gar nicht vorhanden. Und das Religiöse? Sofern
es die Zeremonialgesetze ' des Mittelalters betrifft,
ist es als überlebt längst überflüssig geworden, und
sein Ueberwinden bedeutet nicht^nur keinen Ver¬
lust, sogar einen großen „Gewinn". Die zahlreichen
aus ihnen herrührenden „Gebrechen" des ^polni¬
schen Juden würden mit ihrem Verschwinden von
selbst wegfallen.
Und die jüdische Sittlichkeit? Diese besitzen^
„selbstverständlich" nur die kulturellen westeuropäi¬
schen Juden, den „Polaken", das heißt den polni-