Frankfurter Israelitisches Familienblatt
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20* Jahrgang. Donnerstag» den 5. Tewes 50S2 (5 Januar 1922) Rr. 1.
Tagvvg des Zionistische» Aktions¬
komitees.
In Wien fand eine viertägige Sitzung des Großen
Zionistischen Aktionskomitees statt, die n. a. zu folgenden
Beschlüssen führte:
Board v s Trustee s.
Das Aktionskomitee beschließt, einen Board os Trustees
des Jüdischen Nationalfonds zu schassen mit der Ausgabe,
die oberste Kontrolle über die Finanzen des Jüdischen Na-
lionalsonds auszuüben und dem Aktionskomitee periodisch
über die Nationalfondsverwaltung zu berichten.
Kompetenz
des N a t.i o n a l f o n d 3 d i r e k t o r i u m s.
Die in Palästina wohnhaften Direktoren des Jüdischen
Nationalsonds werden ermächtigt, im Rahmen deS Bud¬
gets die laufenden Geschäfte des Jüdischen Nationalfonds
zn leiten. Prinzipielle Fragen und solche Angelegenheiten,
welche über den Rahmen des bewilligten Budgets hinaus-
gehen, sowie die Beschlußfassung über das Budget selbst
unbeschadet des Budgetrcchtcs des Kongresses, beziehuugs-
wcise des Zentralrates) sind dem Gesamtdirektorium Vor¬
behalten, eventuell ans dem Wege der schriftlichen Abstim¬
mung. Die Direktoriumsbeschlüssc werden mit Ttiniwcn-
mehrheit gefaßt.
P a l ä st i n a
Aus Grund des Beschlusses des 12. Kongresses erklärt
sich das Aktionskomitee damit einverstanden, daß zwei von
der Asefath Haniwcharim gewählte Vertreter der palästinen-
iischen Judcnschaft zur Mitarbeit an der Palästina-
Erekutive herangezogen werden. Diese Vertreter wer¬
den an allen Zitzungen der Palästina-Exekutive mit vollem
Ltimmrccht teilnehmen. Uebcrdies werden Vertreter des
Waad Haleumi zur Beteiligung an den bei der Palästina-
Exekutive bestehenden Kommissionen eingeladcu werden.
Das Aktionskomitee erblickt in der Aufrechterbaltuug
der gegenwärtigen I m m i g r a t i o n s b e st i m m u n g e it
eine schwere Gefährdung der jüdischen Einwanderung nach
Palästina. Das Aktionskomitee nimmt von den Schritten
Kenntnis, die die Exekutive zur Beseitigung dieser Be¬
stimmungen unternommen hat und erklärt, daß die von der
Exekutive geforderte Wiederherstellung der vor dem l. Mai
geltenden Bestimmungen als Minimum der Forderungen
der Zionistischen Organisation zu betrachten ist.
Zum Zwecke der Ordnung und Erleichterung der Emi¬
gration nach P a l ä st i n a beauftragt das Aktions¬
komitee den Wirtschaftsrat, die Frage der Zweckmäßigkeit
der Gründung einer Aliahbank sowie den Plan der
Zweckmäßigkeit der Gründung einer zionistischen Transport¬
gesellschaft auf wirtschaftlicher Grundlage zu studieren und
das Ergebnis der nächsten Sitzung des Aktionskomitees
vorzulegen. Die sinanzielle Grundlage der Transportgesell¬
schaft soll durch unsere Bankinstitute geschaffen werden.
Affäre I a b o t i n s k h.
In der Angelegenheit der Verhandlungen des Herrn
Jabotinsky mit dem Vertreter der Petljura-Regicrung stellt
das Aktionskomitee fest, daß Herr Jabotinsky Verhandlungen
geführt und Mmachungeu gctrosfen hat, ohne die Zustim¬
mung der Exekutive einzuholen und ohne sic von seinen
schritten in Kenntnis zu setzen. Das Aktionskomitee lehnt
iede Verantwortung der Zionistischen Organisatioit,
iür diese Verhandlungen und Abmachungen ab und be-
ichließt, daß die Exekutive von Herrn Jabotinsky nach dessen
Rückkehr aus Amerika Rechtfertigung seiner Handlungs¬
weise zu fordern und dem Aktionskomitee in der nächstes
Ziyung Bericht zu erstatten hat.
Delegation nach Palästina.
Oberrabbiner C h a j e s - Wien, Abgeordneter G r ii n -
bäum- Warschau, Richter Rosenblatt - Amerika wer¬
den nach Palästina abgeordnet, um mit Oberkoinmissar Her¬
bert Samuel in Verbindung zu treten.
Wahl eines N a t i o n a l f o n d s d i r e k t o r i u m.
Dr. H a n t k e, Böhm, F a r b st c i n , Schocken
^Governor), Ussischkin (Governor), v. BrieSland,
Wilkaus ky, Prof. W a r b n r g werden als Direktorium
deS Nationalsonds gewählt.
Eine bedeutsame Erklärung.
Dr. W e i tz m a n n teilte mit, daß noch im I a u u a r
mit einer B c st ä t i g u n g des Mandates durch den
Völkerbund gerechnet werden könne: die Vereinigten Staa¬
ten und Frankreich würden keine Hindernisse bereiten.
Mit dem Augenblick, da diese Bestätigung Tatsache
geworden ist, darf mit der so notwendigen Klärung der
Situation in Palästina gerechnet werden.
Umgruppierung der jüdische» Jugend?
Am Sonntag den 18. Dezember fand in M ü n ch e n
im großen Sitzungssaal der Gemeinde eine vom Verband
der jüdischen Jugendvereine Deutschlands
veranstaltete interne Zusammenkunft der jüdischen I u »
gendvcreine in Bayern statt. Vertreten waren die
Vereine München, Nürnberg, Erlangen, Rcgensburg, Suhl,
Gerolzbofen, Neu-tllm. Auch der Württembergische Landes¬
verband hatte einen Vertreter entsandt. Bon der Verbands¬
leitung nahmen an der Aussprache teil der Verbandsvor¬
sitzende Dr. Alfred Apfel - Berlin und die neue Ge¬
schäftsführerin stud. phil. Grete K o v a c s.
Im Mittelpunkt der Beratungen stand ein großzügiger
Plan der Vcrbandsleitung über die Umgruppierung des Ver¬
bandes der jüdischen Jugcndvereine Deutschlands, der eine
Dreiteilung der jüdischen Jugendbewegung in jung-
jüdische Wanderbünde, bezlv Junggruppen, Iu -
gendvereine und einen Rat ehemaliger F n h -
rer vorsieht.
Die Verhandlungen waren von dem Grundgedanken
beherrscht, daß der heutigen Jugend die bisherige Ver¬
einsform unerträglich geworden ist. Dr. Älpfel teilte mit,
daß diesbezügliche Pläne zunächst von einer Sitzung des
Gcsamtvorstandes, die am 29. Januar 1922 in Hannover
stattsindet, zu einen: Entwurf verdichtet werden sollen.
Beachtenswert war der Hinweis, daß bei dem Neuaufbau
der Jugendorganisation auch an eine Fühlungnahme mit der
Blau-Weiß- und „Kameraden"-Gruppe gedacht wurde. All¬
gemein. so u. a. vom Rabbiner Dr. Baerwald, wurde
der Ansicht Ausdruck' verliehen, daß sämtliche Jugend¬
bewegungen, so auch die jüdische, zur Zeit gewissermaßen'
aus einem toten Punkt angelangt sind.
Das Ergebnis der Beratimgen wurde in einer öffent¬
lichen Kundgebung, die am nächstfolgenden Tage irr Mu¬
seumssaal zu München-stattfand, von Dr. Apfel zusam-
mcngefaßt, der bei dieser Gelegenheit viel beachtete Mit¬
teilungen über den derzeitigen Stand der Keren Ha¬
je s s o d - A k t i o n in Deutschland machte. Nach diesen
Mitteilungen hat es den.Anschein, als ob nach schwierigen
Vorverhandlungen nunmehr eine einheitliche Plattform ge¬
meinsamer Arbeit aller deutschen Juden beim Aufbau Palä¬
stinas- gesunden morden ist.
Grete Koväes.
Jlüchtlivgselend in Antwerpen.
B. Horwich, Präsident des Joint Relief Committee
in Chicago, suchte auf seiner Durchreise die jüdischen Flücht¬
linge in Antwerpen auf, und berichtet jetzt über seine
Eindrücke der „J.P.Z." folgendes:
Jeder einzelne Flüchtling stellt ein Drama dar, aber
das gesamte Flüchtlingselend der heimlos gewordenen Ju¬
den der Ukraine bildet eine unvergleichliche Tragödie
in der Geschichte Israels. In je mehr Auswanderungszen--
tren man der immerwachsendeu Schar dieser dem Tod Ent¬
ronnenen begegnet, umso jammervoller werden die Ein¬
drücke, die gewaltig an? jüdische Herz greifen.
Die Wunden, die der Krieg z. B- Belgien geschlagen
hat, sind zum größten Teile längst geheilt. In Amcrikc,
war allgemein die Meinung verbreitet, Belgien sei im
Kriege ganz vernichtet: mit dieser Vorstellung landete ich
kürzlich in Antwerpen. Aber ich sah keine Spur _ mehr,
die an den Krieg erinnern konnte. Fröhliches geschäftliches
Treiben überall, zufriedene Gesichter, ans deren Mienen
Siegerstolz strahlt, bis man ins jüdische Viertel gelangt, wo
einem ein Bruchteil vom Wrack der ukrainischen -Judenheit
in seinem ganzen Flüchtlingsjammer packt.
Etiva 5000 traurige Gestalten, die ans die tleberfahrt
in die neue Welt harren! Ukrainische Flüchtlinge aller Art
und Klassen, alle Männer und junge Kinder, Mädchen
und Mütter durcheinander, ans dem Sturm der Pogrome
übrig gebliebene Familicnruiuen, wie einzelne Teile einer
ExplosionSkatastrophe in 'alle Richtungen der Welt geschleu¬
dert. Jeder von ihnen hat seine furchtbare Geschichte.
Ich greise nur einzelne Lebensschicksale heraus:
Sophie Fischer, ein 17 jähriges Mädchen, deren Gesicht
von nervösen Zuckungen immerfort verzerrt wird, erzählt:
„Meine Mutter, mein Vater und meine 2 Schwe¬
stern wurden in meiner Gegenwart getütet. Jeder von
ihnen wurde einzeln gefoltert und ermordet. Es dauerte
einen ganzen Nachmittag. Ich, als jüngste, sollre zuletzt
umgebrackii werden. Als die Reihe an mich kam. sagte
einer der Mörder: „Lassen wir diese Ratte am Leben, damit
sie ihr Volk warnen möge, unser Land zu reinigen, andern¬
falls wir mit ihnen verfahren werden wie mit ihrer Familie
von Hunden."
Chajim Libst, -10 Jahre alt, kam heim und fand Weib
und Tochter ennordet am Boden aus. Sein kleines Kiiid lag
bei der Tür und winselte. Es gelang ihm, mir dem Kteiueck
nach 'Antwerpen zu entfliehen, wo er über die Trümmer
seines Lebens zu klagen erst jetzt Zeit und Gehör findet.
Chaskil Lanoks, 16 Jahre alt, erzählt, sein Vater wurde
niedcrgeiiieyelt, seine Mutter, Schweitzer und Bruder lagen
2 Tage lang ohne Nahrung im Keller verborgen, wo sein
jüngerer Bruder vor Hunger starb. In ihrer Verzweiflung
rannle die Mutter mit der Leiche ihres Kindes jammernd
durch die Straßen, bis ihr von einem Mordgesellcn der
Schädel gesvalteu wurde und sie rot in den Straßengraben:
fiel. Mit dieser entsetzlichen Erinnerung schlepvtea sich
Bruder und Schwester bis nach Antwerpen, wo sich tausende
ähnliche Golus-Schicksale zu einem Jammerhaufen zusam-
mrufanden, Mid wo sie ihr tristes Dasein so kärglich als nur
denkbar meilerfristen.
Dank dem Entgegenkommen der belgischen Regierung
können sie sich unbeläsrigt bewegen. Die arbeitsfähigen
Männer erhalten, wenn auch nur vorübergehend, Arbeit.
Andere, dir sich mir den Verwandten oder Bekannten in
den übrigen Länder» schon in Verbindung setzen konuieu,
leben, bis sie die Ueberfahrt machen können, durch deren
Hilfe. Der ganz Hilflosen nimmt sich in edler Weise der
Hilfsverein „Esra" an. Die meisten Pogrvmflüchrlinge, die
ich gesehen habe, stehen im Alter von l3—21 Jahren. Sie
warten darauf, nach Amerika oder Kanada riiiwandrrik
zu können, und da liegt für sie die große Schwierigkeit
und das ungeheure Problem der jüdischen Emigration.
Die Einwanderung nach Amerika ist begrenzt, und um
nach Kanada hineingelassen zu werden, muß man an Harem
250 Dollar mitbringen. Die kanadischen Aerzte sollen auch,
wie man mir erzählte, eine neue Krankheit erfunden habe»,
die zu erkennen und zu heilen mau die Nägel ab-
nchmen müsse. Ich sah zahlreiche jüdische Flüchtlinge mir
verbundenen Händen, die aussagteu. daß mau ihnen die
Nägel abgenommen halte.
Deutsches Reich.
CharmkkaL im Türrüeimer Hospiz.
Bad Dürr heim. Endlich richtige Winterlandsck ast,
dabei sonnig und mild. Noch nie war das F r i e d -
r i ch - L u i s e n - H o s p i z um diese Zrir von heil- und
erholungshedürfrigen Kindern und Erwachsenen aus ganz
Deutschland und der Schweiz so vollbesetzt, »och nie
wurde Chanukkah in so großem Kreise hier gefeiert. Wie
strabllen die Augen der Kleinen, als sie endlich in den
festlich geschmückten Saal hereindurfieii. die vielen Licht¬
chen angezündet iiub die alten lieben Gesäuge augestimmt
wurden! Dann kamen für jedes einzelne süße und rei¬
zende Ueberraschungen. teils von ihren Angehörigen, teilS
in überaus reichem Maße von edel» Freundinnen des Ho»
spizes gestiftet und von den sinderlieben Schwestern hübsch