P r ell SS OtomImii
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlieh S 1.50,
vierteljahrig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei
monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.— ; Jugo¬
slawien monatlich Dinar 14.—, vierteljahrig Dinar 40.—
Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—.
R E V U E
BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich
Mark 1.—, vierteljahrig Mark 3.-*; Bulgarien monat¬
lich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljahrig Lire 14.—; Schweix
und die übrigen Lander monatlich Schwebtet
Francs 1.50, vierteljahrig Schweizer Francs 4.50.
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 5
Freitag, den 2> Jürmer 1931 JE! y$Z?ö"Ö
Nr. 172
diiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii£
| Verband demokratischer Zionismen g
= —————————————— -
s Mittwoch, 7. Jänner 1931, um 7 9 9 Uhr abends 5
= im Henl-Saal des Verbandahelmt, II., Untere 3
S Augartenstraße 38 S
I Versammlung I
S Gegenstand: 3
= Theodor Herzl, seine Freunde =
| und Widersacher =
S Referent: S
= Dr. Tulo Hußenblatt |
E Freie Aussprache I Gäste willkommen 1 s
Tiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuii?=
London, 27. Dezember.
Heute ist im Alter von 62 Jahren der
Begründer des Imperial Chemical Trust und
Führer der englischen Zionisten, Lord M e 1*
chett (ehemals Sir Alfred Mond), nach
langem, schwerem Leiden an Venenentzün¬
dung und! Thrombose gestorben.
Diese nüchterne. telegraphische Meldung birgt Br¬
iden; jüdischen Leser mehr als ein Stück englischer Wirt«
schajtsgeschichte und Politik. Für den jüdischen Leser
bedeutet sie die erschütternde Tatsache, daß eine g^nz
hervorragende und außergewöhnlich mutige und groß*
zügige Persönlichkeit aus dem jüngsten Kapitel vom
Kampf um das jüdische Palästina von der Schaubühne ab*
getreten ist.
Man erinnert sich an* Lord Melchetts Antwort*
Ischreiben an Justizrat Bodenheim er, der sich ge*
drängt fühlte, ihm in einem offenen Brief den Dank des
jüdischen Volkes für seine mutige Haltung in Dingen
des Zionismus auszusprechen. Der letzte Passus des
'Antwortschreibens. enthüllt die erschütternde Todes*
ähnung des Kämpfers Lord Melchett, der resigniert die
Freunde Bodehheimers zur unbeugsamen Fortsetzung ihres
Kampfes aufforderte.
In der Tat, Lord Melchett hat den Dank des jüdi*
sehen Volkes verdient. Dieser in der denkbar assimilier*
testen Atmosphäre aufgewachsene Mann, schon am Rande
einer fremden Gemeinschaft, stellte sich seit der Balfour*
Deklaration in die exponierteste Position des zionistischen
Gedankens. Nicht angekränkelt von der Psychose der
Galuth*Mentalität, hat er kritische Worte gefunden nach
innen und außen, die fruchtbarer waren als die gangbaren
Resolutionen ehrenwerter Versammlungen und als die
kniffige Methode der offiziellen zionistischen Diplomatie
seiner zionistischen Aera.
• Lord Melchett war ein Wirtschaftsmann und ein
Politiker. Diese zwei Elemente seines Wesens fanden
ihren Niederschlag naturgemäß auch in der Arbeit für
Palästina. Palästina durfte ihn häufig als Gast begrüßen.
Seine wirtschaftliche Arbeit im Lande wird bleiben und
sein Denkmal sein im jüdischen Volk. Sein politi*
seh es Vermächtnis ist niedergelegt in jenem Brief an
Bodenheimer, der ein Dokument bleiben wird.
Aus der Fülle seiner politischen Arbeit für den
Zionismus sei zunächst jene Episode erwähnt, die so
charakteristisch ist für das zionistische Wesen Lord
Melchetts: Seine denkwürdige Rede auf der konsti*
tuierenden Versammlung der erweiterten Jewish Agency«
Während alles in Lobhudelei des anwesenden ersten High
Commissioner, der blassesten Figur der jüngsten zionisti«
sehen Geschichte, Sir Herbert Samuel, schwamm, schuf
Lord Melchett eine Atmosphäre peinlichster Verlegenheit,
indem er in das durch nichts gerechtfertigte Idyll seine
wuchtige Anklage gegen die Mandatar*
mach t und vor allem gegen die High Commis*
s i o n e r, 'H e r b e r t * S a m u e I inbegriffen, schleuderte.
Es war ein Augenblick, der den wundersamen zionistischen
Ethizismus dieses Mannes offenbarte, seine strengen
Maßstäbe und seine richtigen Perspektiven.
Lord Melchett war übeihaupt das Enfant terrible in
der so sittsamen zionistischen Führergesellschaft, deren
Lammsgeduld seine Disziplinfähigkeit, nicht aber sein
Temperament zu zügeln vermochte. Jedem zionistischen
Leser sind seine Reden bekannt, die er, der Engländer,
in schärfster Weise gegen Engtands Politik in Palästina
vor aller Oeffentlichkeit hielt, was unserer braven Exe*
kutive so oft Verlegenheiten geschaffen hat. Unmittelbar
nach der Veröffentlichung des Weißbuches, als die Serie
von Rücktrittsenunziationen einsetzte, meldete sich auch
Lord Melchett vom Krankenlager aus zu Wort. Auch er
erließ eine Rücktrittsbotschaft. Sie war die schärf«
ste, wahrste und würdigste. Als einziger fand
er den Mut, das britische Dokument als einen Akt der
Verrät er ei, des Betrugs und der, H ei m t ü ck e
offen zu demaskieren. Sein Rücktritt. schillerte nicht in
der Geste des Nur*Protests. Lord Melchett wußte, was
er wollte. Das erhellt aus dem Brief an Bodenheimer, den
man als sein politisches Vermächtnis zu werten hat.
Der Brief beweist zunächst die Spannung und das Uli*
behagen, das Lord Melchett in der Gemeinschaft der
Kompromißler verspürte. Lord Melchett weist die Mit*
Verantwortung für die Kompromißpolitik zurück, indem',
er zugleich betont, daß die Niederlegung seiner zionisti*
sehen Funktion im Rahmen der erweiterten, Jewish
Agency vor allem als Protest gegen die
n a chg i.eb i g e und. k orapr omißler is ch e, P o.l i*
t i.k W e i.'z<m a n n s, die Politik, :;det Exekutive, ^f gefaßt
werden müsse... Lord^Meichett; faßt seine . Forderung dahin
•zusammen, das politische §ystera 4 e s. Zionismus radikal
zu ändern, die Leitung in neue Hände zu legen und unter
Bei ErkältuiigS'Kraiikheiteit/ rheumatischen,
gichtischen und nervösen Schmerzen sind Togal- Tabletten
unübertroffen. Togal scheidet die Harnsäure aus und geht
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neuen Richtlinien, denen der Opposition, Kampf und
Arbeit fortzusetzen.
Dieser Brief hat dem todkranken Lord Melchett
von seiten der Kompromißler, der diversen Moralisten
und Binationalen, Hohn und Beschimpfung eingetragen.
In derselben Berliner „Jüdischen Rundschau", die dem
Totengräber des Zionismus Herbert Samuel Hymnen
widmet, seine liquidatorische Rede in der englischen
Unterhausdebatte bejubelt, wurde die Gesinnung des
sterbenden Lord Melchett verdächtigt, indem ihm bei
seinem Kampfe für das Recht des jüdischen Volkes
kapitalistische Tendenzen im Kampf gegen
die A r b e<i t er reg i e r u ng (bekanntlich sitzen in
der erweiterten Jewish Agency lauter 'Arbeitslose aus
Amerika 1) unterschoben wurden.
Lord Melchett ist tot. Im kritischesten Stadium
f der- jüdischen Geschichte, im verzweifeltsten Moment des
Kampfes wird dieser mutige Geist nicht mehr kämpfen.
Wie nach dem Shaw«Bericht Lord Balfour, so ist nach
dem Weißbuch Lord Melchett dahingegangen, ' tragische
Momente der jüdischen Geschichte. Dem jüdischen Volk
"ist, nur das Vermächtnis dieser aufreeht en
' Pe r s.ö n l i c h k e i t geblieben.
Katze und Maus*
BMe Verhandlungen zwischen de* zionistischen Exekutive und der englischen Regierung
wieder vertag^ - 1 - E^e* Präsident des jüdischen Nationalstes in Palästina/ Ingenieur Ruthen*
berg, will nicht mehr mittun* — Die Verschleppung der Beratungen ermutigt die Araber
zu heuen Vorstößen»
London, 24. Dezember. Wie der Jüdischen
Telegraphen-Agentur offiziell mitgeteilt wird, sind
die Beratungen zwischen der Jewish Agency und
dem vom britischen Kabinetts rat eingesetzten Sub-
komitee vorläufig .noch zu keinem Abschluß
gelangt und werden anfangs Jänner wieder aufge¬
nommen werden. Die Vertagung wurde in
einer am Sonnabend, den 20. Dezember, im
Kolonialamt stattgefundenen Sitzung der Ver¬
ständigungskonferenz beschlossen. U e b e r d e n
sonstigen Verlauf dieser S i t z u n g
teilt das Regierungscommunique
nichts mit.
*
Zwei Monate dauert nun schon das Spiel, das
die englische Regierung dem jüdischen Volke, der
zionistischen Organisation, und dem Völkerbund zu
bieten wagt. Als die Arbeiterregierung es unter¬
nahm, den verräterischen: Streich gegen den Zionis¬
mus zu führen, die dem jüdischen Volke geleiste¬
ten Schwüre glatt zu brechen, sah sie die Folgen
nicht voraus. Die jüdische Welt erhob sich gegen
sie, die Führer des eigenen Volkes, Lloyd George,
Baldwin u. a., bezeichneten ihr Vorgehen als ver¬
brecherisch. Da half sich die Regierung durch
einen Trick aus der Klemme: „Gütliche Ver¬
handlungen m i t den Zionisten!" Man
lockte die schwächliehe, Führung der zionistischen
Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt¬
lichen- Notizen sind .'durch, ehr beigefügtes E bezeichnet.
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Organisation an den Verhandlungstisch, band «sie
mit der Verpflichtung zur „Diskretion", hüllte
alles in den weichen Mantel des Schweigens! Und
wenn jetzt einer auf das himmelschreiende Un¬
recht zu sprechen kommt, heißt es: „Stör' doch den
Frieden nicht! Wir verhandeln ja jetzt freund¬
schaftlich mit den Zionisten. Und sie verhandeln
mit uns. Stör' nicht!" Damit ist der erste Ansturm
im englischen Parlament, im Völkerbund, in
Amerika und überall abgewehrt. Dabei ganz billig.
Wie sehen denn die „Verhandlungen" aus? Man
' unterbricht im November und vertagt im Dezem¬
ber und unterbricht im Jänner und so fort
„Ueber den sonstigen Verlauf der Sitzung teilt das
Regierungscommunique nichts mit." Auch- Weiz-
mann und seine Begleiter haben nichts mitzuteilen.
Erstens sind sie durch Wort gut gebunden,
zweitens ist ja wirklich nichts mitzuteilen.
Im Februar soll der Zionistenkongreß tagen.
Das jüdische. Volk wird aufhorchen. Aber es wird
1 nichts hören. Präsident Weizmann wird ' zur „Dis¬
kretion" verpflichtet sein. Der Opposition wird
man sagen, daß es ein Verbrechen sei, die laufen¬
den Verhandlungen mit der britischen Regierung
zu stören!
Einer der derzeitigen offiziellen zionistischen
Führer hat das Katz- und Maus-Spiel satt bekom¬
men. Die Ita meldet aus Jerusalem, daß der
Präsident des Waad Leumi, des Jüdischen National¬
stes, Ingenieur Ruthenberg, der als Vertreter der
Palästinajudenschaft an den Beratungen^ mit der
englischen Regierung teilnehmen sollte, / glatt
abgesag t hat. In einem imv Jerusalemer Tag¬
blatt* „D o a rH ajo m" veröffentlichten Brief er-
•klärt Ruthenberg,
daß er jede Verantwortung für die von der
Weizmannschen Exekutive mit der englischen
Regierung geführten Verhandlungen ablehne
und er sich entschieden weigere, nach London
zu gehen und an diesen Verhandlungen* teil«
zunehmen.
Auch die englischen Zionisten, son^t
getreue Geixojssftn Weizmannsj wekhen man fft