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Preis 35 Groschen
Jahrgang 8
freifag/ den 5* Jänner 1934
Nr* 330 V« b* b»
Zeitung vom Verleger versendet
«Journal exp€die par reditenr*.
BEZUGSBEDINOUNOEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20, cranziährig S16.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteNähriß Zloty e.-;
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Lei 40.-. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, viertel ährig
Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. viertel«
jährig Schweizer Francs 4.50
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag
REVUE
Oesterrei'du'sdies
Taufschein — Deutsche Volkszugehörigkeit
Mätzchen
„Jüdische"
Die österreichische Regierung hat den Gemeinde¬
rat des weltberühmten Kurortes Bad Gastein aufge¬
löst und einen Regierungskommissär mit der
Verwaltung des Kurortes betraut. Eine der Amtshand¬
lungen dieses Regierungsorganes war die Herausgabe
einer Ausschreibung der vakant gewordenen Stelle eines
Kurdirektors. Die am vergangenen Sonntag in den
Zeitungen veröffentlichte, vom Regierungskommissär ge¬
fertigte Ausschreibung forderte u. a. folgende, von den
Bewerbern beizubringende Dokumente: Taufschein
und Nachweis der deutschen Volkszugehörig¬
keit. Der Zweck ist klar. Juden sind von der Bewer¬
bung ausgeschlossen.
In der österreichischen Verfassung ist festgelegt,
daß kein Staatsbürger zufolge seiner Religions- oder
Rassezugehörigkeit von der Bewerbung um Stellen beim
Staate oder bei den Gemeinden ausgeschlossen werden
darf. Die österreichische Regierung hat wiederholt er¬
klärt, daß sie auch im Judenpunkt treu zur Verfassung
steht. Die vom Regierungskommissär veranlaßte und
gefertigte Ausschreibung verletzt daher verfassungs¬
mäßig garantierte Rechte und steht im Gegensatze zu
den Erklärungen der Regierung. Auch soll festgestellt
werden, daß der RegierungskommLssär durch diese Aus¬
schreibung die Interessen des seiner Obhut anvertrauten
Weltbades schädigt. Durch Verlautbarungen, welche der
Hakenkreuz-Mode Rechnung tragen, wird die auch von
der Regierung so heiß ersehnte Erhöhung der Frequenz
Csterreichischer Badeorte gewiß nicht erzielt.
Das Organ der heute Oesterreich regierenden Par¬
tei, die „Reichspost", gefällt sich in letzter Zeit darin,
die Juden in hämischer Weise herabzusetzen und zu be¬
leidigen. Eine Probe aus der letzten Nummer: In einer
Auseinandersetzung mit dem Obmanne des hakenkreuz-
lerischen Turnerbundes — die wirklich mit „jüdischen"
Dingen nichts zu tun hat — schreibt die „Reichspost":
Diese Berichtigung schlägt der Wahrheit ins Ge-
sicht... Einem Manne, in so gehobener sozia¬
ler Stellung wie Hof rat Kurka steht es nicht gut
an, seine Zuflucht zu solchen jüdischen Mätzchen
zu nehmen!" (In der gleichen Nummer, zwei Seiten
später, jammert die „Reichspost" darüber, daß in der
Tagesliteratur des Deutschen Reiches die katholische
Kirche durch den Vorwurf der Verlogenheit schmählich
besudelt wird.)
Sind das Kleinigkeiten, über welche man besser
hinweggeht? In gewissen jüdischen Kreisen Oesterreichs
stößt man oft auf die Meinung, daß es in den heutigen
Zeiten besser ist, Auseinandersetzungen über „jüdische"
Dinge zu meiden. Das „reize" nur auf! Diese Meinung ist
grundfalsch. Das Schweigen und Ausweichen wirkt viel,
viel aufreizender. Es reizt dazu auf, den Juden gegenüber
von „Kleinigkeiten" zur systematischen Verunglimpfung
und Gesetzesverletzung überzugehen. In Oesterreich ist
die Judenfrage aufgeworfen. Es hat keinen Sinn und ist
gefährlich, ihr furchtsam und wehleidig auszuweichen.
Jedes Volk muß immer bereit sein, für die Erlangung
und Erhaltung der bürgerlichen und gesellschaftlichen
Gleichberechtigung zu kämpfen, sonst geht sie verloren.
Diese Regel gilt für alle und besonders für die Juden!
Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt«
liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichne*
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Das jüd ische Palästina ruft u m Hilfe I
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Und was tut die zionistische Leitung?
Zu Beginn der in der Vorwoche in London abge- I herrscht, in die Bahnen des nationalen, organisierten
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haltenen Jahreskonferenz der englischenZionisten
wurde eine Adresse des Jüdischen Nationalrates
von Palästina (Waad Leumi) verlesen, welche die
Lage des jüdischen Palästina als schwer gefährdet
darstellt und in einen Hilferuf an die jüdische Welt
ausklingt. In der Adresse heißt es:
„Das jüdische Palästina leidet jetzt unter einer
unerträglichen Gesetzgebung der Regie¬
rung, welche eine künstliche Krisis zu schaffen
und das Nationalheim zu zerstören droht.
Dabei ist die Aufnahmefähigkeit des Landes enorm
gestiegen, der Jischuw kann tausende Flücht¬
linge aus Deutschland und Juden aus anderen Ländern
aufnehmen. Allein die Wächter der Tore teilen
nicht unsere Gedanken, sie haben die Einwanderung in
unerträglicher Weise beschränkt zu einer Zeit,
da das Land tausender Arbeiterhände bedarf. Die Zahl
der gewährten Zertifikate bestreitet kaum ein
Viertel des Bedarfes nach Arbeiterhänden.
Dazu kommt die nicht genug zu verurteilende Ver¬
folgung jüdischer Touristen, die nicht nur
nicht der Oeffentlichkeit zur Last fallen, sondern viel¬
fach für sich und viele andere Existenzmöglichkeiten
erschlossen haben. Die Juden aller Länder
müssen sich dem mit aller Kraft Wider-
. s e t z e n."
Der Waad Leumi, die offizielle Vertretung der
Judensohaft Palästinas, ist über den Vorwurf opposi¬
tioneller Schwarzmalerei erhaben, denn seine
Leitung gehört der Arbeiterpartei an, also jener Gruppe,
welche heute auch die Exekution der Zionistischen Welt¬
organisation beherrscht. Es ist daher sehr bezeichnend,
wenn in einer Kundgebung dieser Körperschaft von einer
Zerstörung des Nationalheims gesprochen und gegen die
Palästina-Regierung die ungeheure Anklage erhoben wird,
diese Zerstörung durch von ihr künstlich erzeugte Krisen
zu betreiben. Es ist auch bemerkenswert, daß der Ruf
um Hilfe und die Aufforderung zum Widerstand gegen
die antizionistischen Machinationen der Palästina-Regie¬
rung über die zionistische Leitung hinweg an das jüdische
Volk in allen Ländern gerichtet werden. Die zionistische
Exekutive und der Waad Leumi befinden sich doch am
gleichen Ort und stehen sonst in engster Fühlung.
Der Umstand, daß die repräsentative Körperschaft
Palästinas in ihrer Kundgebung die zionistische Leitung
einfach übergeht, wird verständlich, wenn man die Hal¬
tung der obersten Zionistischen Leitung, der Exekutive,
in diesen schweren Tagen betrachtet. Was hat die Exe¬
kutive unternommen, um den Schlag gegen das jüdische
Nationalheim abzuwehren? Sie hat aus eigener Initiative
nichts getan. Oder doch etwas! Die Jüdische Telegraphen-
Agentur, welche von der Exekutive instruiert wird, meldet
aus Jerusalem:
„Der Leiter der politischen Abteilung der Palästina-
Exekutive, Mosche Shertok, hatte mit High Com-
missioner Sir Arthur Wauchope wieder eine längere
Unterredung. Ueber den Inhalt der Unterredung wurde
nichts bekanntgegeben. Man nimmt an, daß sie
vor allem den jüngsten Maßnahmen gegen unkontrollierte
Touristeneinwanderung galt und daß Shertok eine Milde¬
rung der neuen Vorschriften verlangte."
Das ist alles, was man über die Tätigkeit „melden"
kann. Aber die Exekutive begnügt sich nicht mit der
eigenen Untätigkeit. Statt das Gefühl der gerechten
Empörung, welches heute das ganze jüdische Volk be-
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Widerstandes zu lenken, bemüht sie sich, die Empörung
der Massen abzudämpfen, durch grundlose Beschwichti¬
gungen zu ersticken. Als es in Tel-Awiw, in Warschau
und in New York wegen der Abwürgung der jüdischen
Einwanderung zu Ausbrüchen der Entrüstung gegen die
britische Palästina-Regierung kam, beeilte sich die Exe¬
kutive, diese Demonstration zu „bedauern" und zu „ver¬
urteilen".
Die größte Besorgnis und Erregung hat die Kunde
über die Haltung der Palästina-Regierung in der Frage
der arabischen Einwanderung hervorgerufen.
Während die Regierung unter dem grundlosen Vorwand
einer drohenden Ueberfüllung des Arbeitsmarktes den
Juden die Einwanderung verbietet, läßt sie tausende
Araber aus den Nachbarländern ohne Kontrolle nach
Palästina. In zahlreichen Kundgebungen sind die Juden
Palästinas, vor allem die jüdischen Industriellen, diesem
heimtückischen Versuch, die jüdischen Arbeiter durch
fremde arabische zu verdrängen, entgegengetreten. Auch
in dieser für den Aufbau des Judenstaates entscheidenden
Frage hat die zionistische Exekutive keine Abwehr ein¬
geleitet. Im Gegenteil! Sie ist auch da den um ihr Recht
auf Palästina kämpfenden Juden in den Rücken gefallen.
Der Vorsitzende der Exekutive in Palästina, der
Arbeiterführer Herr Ben Gurion, hat vor einer Ver¬
sammlung der englischen Presse in London über
diese Frage gesprochen und nicht mehr und nicht weniger
gesagt, als daß über die widerrechtliche Einwanderung von
Arabern nach Palästina übertriebene Angaben ge¬
macht werden und daß die Palästina-Regierung dazu über¬
gegangen sei, diese illegal eingewanderten Araber zu de¬
portieren.
Nicht mit einer Ziffer, nicht mit einer Tatsache hat
Herr Ben Gurion seine Liebedienerei vor der Palästina-
Regierung belegen können. Wahrlich, ein Agent der anti¬
zionistischen Palästina-Regierung hätte sich nicht anders
gebärden, nicht anders reden können, als dieser Träger
des höchsten zionistischen Führeramtes.
Der Kollege Herrn Ben Gurions in der zionistischen
Exekutive, Herr Prof. Brodetzky, der auch der Presse-
konferenz beiwohnte, bemühte sich nachher, die nieder¬
schmetternden Aeußerungen des Herrn Ben Gurion abzu¬
schwächen. Er wies, im Gegensatz zu seinem Vorredner,
darauf hin, daß der Zustand um die arabische Einwande¬
rung unhaltbar sei.
Er sagte, daß über die arabische Einwande¬
rung aus Transjordanieu genaue Ziffern nicht vorliegen,
da transjordanische Araber beim Betreten
palästinensischen Bodens keine Dokumente vor¬
weisen müssen. Pflicht der Regierung sei es, ille¬
gale Einwanderung von Arabern aus Syrien und anderen
Ländern mit Ausnahme von Transjordanien unmög¬
lich zu machen. Es sei ein unmöglicher Zu¬
stand, daß bei einem völlig freien arabischen Zuzug
über den Jordan von Osten nach Westen ein voll¬
ständiges Verbot für Juden bestehen bleibe,
den Jordan von West nach Ost zu überschreiten.
Es ist Herrn Prof. Brodetzky gewiß nicht leicht
gefallen, fremden Journalisten das Bild zu bieten, daß ein
zionistisches Leitungsmitglied genötigt ist, ein anderes zu
desavouieren. Man kann aus seiner Handlungsweise er-
Touristen nach Palästina
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