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DIE HEUE
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Zeitung vom Verleger versende«
„Journal expedie p a r l'editeur'*
REVUE
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, rierteljährig S 4.—, ganzjährig S 15.—; rolen monatlich Zloty 1.50,
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jährig Dinar 40.—; Bumänicn monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—.* Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig
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Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich.
Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitälsstr. 8, TeL A-20-2~78 — Erscheint Dienstag u. Freitag
Ob die Welt begreift *♦♦
Die Lage der Juden ist heute in vielen Ländern
besorgniserregend. Aber unvergleichlicher Jammer ist
über die. Juden des Saargebietes hereingebrochen.
Sie sehen üch einer unabwendbaren Katastrophe gegen-
tib'erge:;'-ellt. Der 15. Jänner 1935, der Tag der Abstim¬
mung, welch-.r den Rückfall des Saargebietes an Hitler-
Deutschland cringen wird, bringt ihnen Verlust der
Mensch o r. r achte und grausame, erbarmungslose
Verfolg;;r-:; V-.i den sechstausend Saar.juden haben alle,
denen die Nüttel und Umstände es erlaubten, die Heimat
verlassen, risammen zirka tausend. Die andern müssen
bleiben und verzehren sich in Angst. Sie müssen ruhig
mitansehen. wie die Messer für sie geschliffen werden.
Unter den Augen der Mächte der Welt, die heute noch
Herren der Saar sind, bereiten die Herren von morgen
alles, vor, um die Juden auszutilgen. Ein kleines Häuflein
Juden stoßt noch Hilferufe aus, die anderen schwei¬
gen schon.
Unter dem Titel „Bedrohung, Beschimpfung und
echließlich — Verhöhnung" schreibt das Nachrichtenblatt
der SynagogenrGemeinden des Saargebietes:
„Die .Deutsche Front' verwendet einen ganzen
Leitartikel auf die Tatsache, daß in saarländischen Zei¬
tungen Luxemburger Häuser und Grundstücke
zum Kaufe angeboten werden- und sagt mit Anspie¬
lung auf die Juden: ,Ob Luxemburg, ob Frankreich, Qb
Palästina . . . ubi bene ibi patria. — Wo es mir gut. geht,
ist mein Vaterland! — Das ist die Moral der Separa¬
tisten."
- So ist es denn Herrn Mages (Redakteur des
Blattes) gelungen: Seine Leser wissen, daß seine Be¬
schimpfungen gegen die Juden gerichtet sind, und
doch hat .er sich nicht die Finger verbrannt und bei
seinen Vorgesetzten, die ja immer noch glauben machen
wollen, „den Juden passiere nichts", keinen
Unwillen erregt. Zur Sache selbst haben wir nur zu be¬
merken, daß sich wahrscheinlich kein Jude von der Saar
in Luxemburg ansiedeln würde, wenn uns im Saargebiet
ein Leben in Ehre, Freiheit und ruhiger Ar¬
beit gewährleistet wäre. Aus bloßer Wanderlust ver¬
läßt niemand das Land, in dessen Erde seine Väter ruhen.
Die selben Leute, die alles tun, was in ihren Kräften
steht, um uns ein Verbleiben im Lande unerträglich
zu machen, sind schamlos genug, uns deshalb zu ver-
PalästntariEiimanderuns im November 1934
Aus Jerusalem: Im Monat November 1934
kamen, wie das Eimvandernngsamt mitteilt, 4838 Juden
nach Palästina, unter ihnen 371 Angehörige der
Kapitalistenkategorie mit einem Mindestkapital
von je 1000 Pfund. Auf Touristenvisen kamen
448 Juden ine Land.
Der wachsende Orangenexport Palästinas
Aus Jerusalem : Der Export von Citrus-
Früchten im Jahre 1934 übertrifft den des Jahres 1933 an
■Umfang und Wert. Vom Beginn der Saison bis zum
16. Dezember betrug die Steigerung gegenüber 1933 bereits
17.75 0 Kisten. Die Gesamtausfuhr von 1934 betrog
bis 16. Dezember 913.631 Kisten, davon 157.500 Kisten
Grape Fruits, 21.750 Kisten Zitronen, der Rest Orangen.
Allein vom 10. bis 16. Dezember wurden 150.848 Kisten
Citrus-Früchte verfrachtet, davon 120.871 über Jaffa,
27.453 über Haifa und 2524 über Port Said.
Die Juden fordern die Bürgermeisterstelle in
Jerusalem
Aus: Jerusalem. (J. T. A.) Der Distriktskommls-
ear für Jerusalem Major. Campb ell empfing die neu-
gewählten jüdischen Stadträte von Jerusalem,
die ihm ein Memorandum zwecks Weiterleitung an den
High Comraissioner Sir Arthur Wauchope übergaben,
worin das Ersuchen gestellt und begründet wird, den neu¬
gewählten Stadtrat unbeschadet des vom bisherigen
Bürgermeister Ragheb Bey Nashashibi eingereichten,
übrigens unbegründeten, Wahlprotestes einzu¬
berufen, damit er die Verwaltungsgeschäfte übernehme.
Bs wurde, u. a. darauf hingewiesen, daß nach dem kürz¬
lich erfolgten Ausscheiden vcm drei arabiachen
Stadträten, die ge^ep, Nashashibis Verwaltun^amethoden
höhnen, weil einige von uns den Weg ins Freie suchen.
Den allermeisten von uns ist dieser Weg versperrt,
da sie keine Existenz im Auslande finden
würden. Ein „herrschaftliches Wohnhaus in
Luxemburg" existiert für sie höchstens im Wunsch¬
traum. Diejenigen, die nach Palästina auswandern, er¬
wartet dort ein Leben harter Arbeit. Für die große Masse
der saarländischen Juden gibt es nur eines: Ausharren
und kämpfen! Vielleicht werden sich Herr Mages und
seine Freunde noch wundern, mit welcher Entschlossen¬
heit die Saarjuden ihr Recht auf Leben und Ehre ver¬
teidigen.
Vielleicht werden aber auch der Welt die Augen
darüber aufgehen, welches Spiel man mit den
Juden an der Saar treibt, wie man sie be¬
schimpft und bedroht — und sie schließlich, wenn man
ihnen die Heimat geraubt hat, als vaterlandslos ver¬
höhnt. Ob die Welt nicht doch begreift, daß
diese 5000 Menschen eines Schutzes be-
dürfen?"
■ *
Herzzerreißend ist die Frage: „Ob die Welt nicht
doch begreift...?" Die Frage verhallt ungehört! Die
großen Mächte, welche die Wahrung der Menschenrechte
an der Saar immer und immer wieder beschworen haben,
haben sich's überlegt und wollen um 5000 Saarjuden
keinen Lärm machen. Sie Haben mit Hitler Saarfrieden
geschlossen. Arme Saarjuden! Eure Frage verflattert
ins Blaue! Die Welt begreift nicht . . *
Rasche Post
Aus Saarbrücken (J. T. A.): Das ganze Saar¬
land wird jetzt mit anti jüdischer Hetzliteratur
überschwemmt. Die Pamphlete werden auch unter den
Soldaten der ausländischen Besatzungen verteilt.
Zahlreiche Offiziere der Besatzungskontingente, beson¬
ders die englischen, erhielten antisemitische Flug¬
blätter, in denen vor allem zu erklären versucht wird,
warum Hitler die Juden entrechtet hat.
Aus dem Inhalt ist zu schließen, daß diese Flugblätter
von einer reichsdeutschen Zentrale ausgegeben werden.
Die saarländischen Behörden ordneten die Beschlagnahme
der Flugschriften an und leiteten eine Untersuchung
darüber ein, wie es kommt, daß die Privatadressen
der Offiziere der Besatzungskontingente, denen die
judenhetzerischen Flugschriften durch die Post ins
Haus gesandt werden, den Absendern so rasch be¬
kannt geworden sind.
protestierten, ein legales Quorum nicht mehr besteht und
der Stadtrat nicht mehr beschlußfähig ist. (Die jüdischen
Mitglieder des alten Stadtrates sind vor längerer Zeit
zurückgetreten.) Da der Stadtrat aus z"wölf Mit¬
gliedern besteht, ist die Anwesenheit von minde¬
stens sieben Stadträten zwecks Beschlußfassung er¬
forderlich. Nach dem Ausscheiden von vier Juden und
drei Arabern zählt der Stadtrat nur noch fünf Mitglieder.
Es wird ferner ausgeführt, daß der Protest Nashashibis
sich bloß auf die Neuwahl von drei Stadträten
bezieht, während die Wahl von neun Stadträten (sechs
Juden, zwei Christen, ein Araber) unangefochten bleibt,
somit - der neugewählte Stadtrat über ein gesetzliches
Quorum verfügt.
In dem Memorandum wird die Regierung ersucht,
in das Amt des Jerusalemer Bürgermeisters
einen Vertreter der jüdischen Bevölkerung zu berufen,.
da die Juden heute die überwiegende Mehrheit
der Stadtbevölkerung bilden.
Major Campbell versprach den jüdischen Stadt¬
räten, daß die Regierung ihre Postulate ernstlich in
Erwägung ziehen wird; er stellte in Aussicht, daß der
High Commissioner Sir Arthur Wauchope in einer direkten
Aussprache mit den jüdischen Stadträten die Fragen be¬
handeln wird
i Agudah-Zertifikate werden in Warschau verlost
Aus Warschau: Auf die .90 Palästina-Elnwande-
rungwertifikate, die der Agudas Jisroel in Warschau zur
Verfügung gestellt wurden, waren rund 500 agudlstische
Chaluzim vorgemerkt; sie alle fanden sich im Warschauer
Aguda-Büro ein, wo die Zertifikate unter den Anwärtern
SHWl&Sbk mit&w*
Judenstaatspartei Oesterreichs
Mittwoch, den 2, Jänner 1935, um halb 9 Uhr abends
im großen Saale des Heimes, I, Werdertorgasse 14
Di*Uus#iaH&a6eHd
„Ueber zionistische Außen«
und Innenpolitik"
Einleitendes Referat; Dr. Sah WOLF
Freie Aussprache!
Gäste aller Parteirichtungen willkommen!
Wir §md fur§/Aufräumen'
Wie alle Erscheinungen des sozialen und künstleri¬
schen Lebens ist auch der Film der Kritik von rechts
und links ausgesetzt. Seine Wirkungskraft, sein propagan¬
distischer Einfluß, seine Werbefähigkeit machen ihn zu
einem Objekt weitesten Interesses, besonders heute, wo
jedes Mittel zur Führung der öffentlichen Meinung in
Anspruch genommen wird.
Die Bedeutung des Films für die kulturelle
Bildung der Massen ist klar. Man sucht sich seiner
zu bedienen. Damit aber greift man in die ästhetische
und künstlerische Sphäre ein. Wenn man den Radius der
Filmproduktion auf das rein Erzieherische ein¬
schränken will, dann nimmt man ihr die großen, inter¬
nationalen Möglichkeiten, auf denen-sie bisher fußte..
Etwas aber ist klar: So wie jede Produktion, so
ist auch die Filmproduktion den wirtschaftlichen Ge¬
setzen unterworfen. Angebot und Nachfrage, Qualität und
Quantität, Preis und Nutzen sind Faktoren, die sich hier
nicht elimin leren lassen. Das „Wiener Montags¬
blatt" (die Vertreterin der seinerzeitigen christlich¬
sozialen Interessen), so naiv es sich auch gebärdet, kennt,
diese Gesetze zur Genüge. Es erzählt in einem „Auf¬
räumen!" betitelten langen Aufsatz, daß durch die
spekulative Filmproduktion viel Mist auf den Markt ge¬
bracht wird, Kitsch- und Schundfilme, die den Geschmack
hauptsächlich der Jugend korrumpieren, weshalb es vom
Gesichtspunkt eines christlich-deutschen Staates wie
Oesterreich notwendig sei, hier einzugreifen, dem Volk
nur den guten Film zu bieten usw.
Es sind dies alte Klagen; ewige Sorgen einer auf
Kultur und Sittlichkeit bedachten Gesellschaftsrichtung.
Die Wirklichkeit sieht bekanntüch anders aus. Die Film¬
produzenten in Amerika, England, Deutschland usw,
haben sich ein Rezept für den internationalen Geschmack
hergerichtet und nach diesem Rezept wird verfahren. Den
Film übernimmt der Verleiher und dieser gibt ihn an den
Kinobesitzer weiter. Das ist der Weg. Es gibt zur Zeit
keinen andern.
Das „Wiener Montagsblatt" aber, das sich zum,
Anwalt österreichischer Kulturinteressen macht und als
solcher sich verpflichtet fühlt,- jeden Montag einen Angriff
gegen die Juden zu unternehmen, verknüpft diese Tat¬
sache mit der „Judensache". Nachdem es über die von
uns oben erwähnte Erscheinung theoretisiert hat, ruft ea
plötzlich, ohne jeden Zusammenhang und auch ohne jede
innere Logik, aus:
„Es sind eben jüdischer Spekulation^
g e i s t und jüdische Geschäftspraktiken, die in der
Filmproduktion wie im Filmverleih und nicht zuletzt
im Kinobetrieb hemmungslos und derzeit noch unbe¬
hindert sich auswirken dürfen. Während in der
Vorkriegszeit 90 Prozent aller Kino¬
theater in bodenständigem Besitze sich
befanden, ist heute das Verhältnis um¬
gekehrt. Damit ist de r Ring geschlossen, aus dem
alle Mißstände und Gefahren des heutigen
Filmwesens immer voii neuem sich entwickeln."
Es macht also letzten Endes den jüdischen
Kinobesitzer für die gebotenen mehr oder weniger
:?uten Filme verantwortlich. Der Ring, aus dem alle Ge¬
fahren sich entwickeln, besteht nach der Darstellung des
antisemitischen Montagblattes aus den Gliedern: Produ¬
zent, Verleiher, Kinobesitzer, wobei alle mit dem Attribut
„jüdisch" geziert werden.
Das Montagsblatt weiß natürlich genau, daß sejna
Schlußfolgerung purer Unsinn ist, ein Faustschlag ini
Gesicht der Tatsachen. Aber ihm ist es ja in diesem Faili