Preis 20 Groschen
Jahrgang 9
Freitag/ den 85* Oktober 1935
Nr« 507
V* b.b.
Zeitung vom Verleger versendet
„Journal expediö par rediteur«'
Tltl. Universitätsbibliothek
Wien, I.
REVUE
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 1.40, vierteljährig S 4.-. ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 1.50,
vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.--; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-. viertel¬
jährig Dinar 40.-; Rumänien monatlich Lei 40—, vierteljährig Lei 120.-; Deutschland monatlich Mark: 1.-. vierteljährig
Mark 3.-; Bulifarien monatlich Lewa 30.-, vierteljährig Lewa 80.-; Italien monatlich Lire 5.-. vierteljährig Lire 14.—;
Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50.
Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich.
Redaktion u.Verwaltung: lX,Umversitatsstr.8,7eLA~20-2~78 — Erscheint Dienstag u,Freitag
Jetzt kommen die Toten dran!
Der Kampf unterm Hakenkreuz gegen
jüdische Kinder, Greise und Kranke ist
siegreich abgeschlossen. Schulausspeisungen,
Kinderheime, Altersversorgung und Spitäler sind für
Juden gesperrt. Die kleinen, großen und kranken
Feinde sind besiegt. Jetzt kommen die Toten dran!
In den Zeitungen des Dritten Reiches steht ge¬
schrieben :
Reichspropagandaminister Dr. G ö b b c 1 s
hat folgendes Rundschreiben erlassen:
„Hiermit gebe ich den Landesstellen und
allen nachgeordneten Dienststellen des Mini¬
steriums davon Kenntnis, daß es verboten
ist, die Namen gefallener Juden auf
Ehrentafeln und Denkmälern für die
Gefallenen des Weltkrieges anzuführen. Ich bitte,
für die Beobachtung dieses Verbotes innerhalb des
Dienstbereiches Sorge zu tragen."
Nach dem Weltkrieg wurden von allen größeren
Betrieben in Deutschland Ehrentafeln für
ihre gef allen.enBe.tr ieb.s angehörigen
errichtet, die die Namen der Gefallenen in alphabeti¬
scher. Reihenfolge verzeichnen. Nach Verkündung den
Nürnberger Gesetze war es vor den Ehren¬
tafeln zu Diskussionen gekommen, wobei manche, An¬
gestellte und Arbeiter ihrem Unwillen darüber Aus¬
druck ' gaben, daß die Kinder ihrer k r i e g s-
gefal'l'ene'n jüdischen Kollegen ohne jedes
persönliche Verschulden durch gesetzliche Ma߬
nahmen -diffamiert werden. Auf diese Vor¬
kommnisse wurde das Reichsprogagaridaministerium
von den nationalsozialistischen Betriebszellenleitungen
aufmerksam gemacht. Die Folge davon ist das Rund¬
schreiben Dr. Goebbels'. Auf Veranlassung des Pro-
pagändaministeriums sind auch bereits die Betriebs-
zellerileiter verschiedener Unternehmungen an die
Geschäftsleitung mit der Aufforderung herangetreten,
dafür/Sorge zu tragen, daß die Namen der
jüdischen Kriegsgefallenen von den
Ehrentafeln verschwinden.
jjAlbert Ballin" mußte verschwinden
Die Hamburg-Amerika-Linie hat den
Dampfer, der zu Ehren ihres früheren General¬
direktors, des Freundes und Beraters Kaiser
Wilhelms, „Albert B a 11 i n", benannt war, in
„Hansa" umgetauft. Albert Baliin war der
Organisator der deutschen Handels-
Edmund Baumgartner
Aus Warschau (J. T. A.): Das Deutsche Nach¬
richtenbüro hat bekanntlich die durch viele Zeitungen der "
Welt gegangene Nachricht, daß der junge jüdische
Sportler Edmund Baumgartner, der bei einem
Fußballmatch in Ratibor, Deutsch-Oberschlesien, als Mit¬
glied eines polnischen Teams aus Rybnik, Polnisch-
Oberschlesien, spielte, von der nationalsozialisti¬
schen Zuschauer menge angegriffen und töd¬
lich verletzt wurde, glattweg abgeleugnet. Von
deutscher Seite wurden sogar ausländische Journalisten
veranlaßt, nach Ratibor zu reisen, um sich un¬
mittelbar von der Unrichtigkeit dieser Auslandsmeldung
zu überzeugen.
• Wie nun die Warschauer Jüdische
Telegraphen-Agentur durch eingehende
Recherchen feststellen konnte, ist dieses Dementi des
offiziellen DNB. irreführend: Der junge Edmund Baum¬
gartner wurde tatsächlich von einer nationalsozialisti¬
scher} MengQ in barbarischer Weise überfallen und fo j
schwer mißhandelt, daß kurz danach sein Tod
eintrat.. Per Vorfall spielte sich aber nicht in
Ratibor, sondern in der schlesischen Hauptstadt
Breslau ab. Daß der Vorfall nicht gleich bekannt
wurde, liegt daran, daß von deutscher amtlicher
Schiffahrt. Er war der angesehenste und am
meisten geehrte deutsche Jude des wilhelminischen
Kaiserreiches.
Er war der glühendste deutsche
Patriot. Der Kaiser, Fürsten und Prinzen, Minister
und Generäle haben die Niederlage Deutschlands im
Weltkriege ruhig überlebt. Ballin nicht. Als die
Kunde von der Niederlage seines über alles geliebten
Deutschland kam, da beschloß der hochgestellte,
reiche Jude, seinem ihm wertlos gewordenen Leben ein
Ende zu machen. Ballin schoß sich am 9. November
1918 eine Kugel ins Herz. Für das Deutschland, das
jetzt seinen Namen auslöscht.
Der englische Generalstabschef Feldmarschall Mont-
gomery nimmt bei der Reichs-Gefallenenfeier die
Parade der jüdischen Frontkämpfer ab.
Aus London: Auf dem Horse Guards Paradefeld
in London findet am Sonntag, den 10. November, der Ge¬
dächtnisgottesdienst der jüdischen Kriegsteil¬
nehmer des Britischen Reiches für die Gefallenen des
Weltkrieges statt. Die Parade über die ausgerückten jüdi¬
schen Frontkämpfer wird der Chef des britischen
Reich s-Generalstabes Feldmarschall Sir
Ar chibald A. Moni g-o m e-ry-Ma^singberd
abnehmen. Sir Archibald; wird auch Ehrengast bei der
Feier sein, die nach der Parade in der Royal Albert Hall
veranstaltet wird.
Auf dem Paradefeld wird der Gottesdienst von dem
Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. J. H. Hertz,
unter Assistenz des höchsten jüdischen Feldkaplans der
englischen Armee geleistet werden. Der Verlauf der Feier¬
lichkeiten wird im Rundfunk durch die British Broad-
casting Corporation verbreitet und durch die National
Broadcasting Company nach Amerika übertragen.
Das Kommando bei der Parade wird Oberst¬
leutnant J. H. Levey führen, Vorsitzender der Feier
in der Albert Hall wird Major J. B. Brunei Cohen, der
Schatzmeister der British Legion, sein. Zwei jüdische In¬
haber des Victoria-Kreuzes werden am Grabmal des un¬
bekannten Soldaten einen Kranz aus Mohnblüten nieder¬
legen.
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wurde dodi ermordet
Seite sofort alle Maßnahmen ergriffen wurden, damit
nichts über ihn in die Oeffentlichkeit komme.
Der Mord an Edmund Baumgartner hat sich wie
folgt zugetragen:
Am 15. September d. J. wurde im Stadion zu
Breslau vor etwa 50.000 Zuschauern ein Fußballmatch
zwischen einem polnischen und einem deutschen Team
ausgetragen. Juden war der Zutritt zu den
Tribünen als Zuschauer streng verboten.
In der polnischen Mannschaft spielte ebensowenig wie in
der deutschen ein Jude mit. Als nach Schluß des Matches
die Menge das Sportfeld verließ, kam es zu Unruhen, als
Hufe laut wurden, daß doch Juden „g e t a r n t" unter der
Zuschaucrmengo sich befanden. Es wurden jüdische
Passanten in dem dem Stadion naheliegenden Stadtteil an¬
gegriffen und blutig geschlagen. Unter den Angegriffenen
befand sich auch Edmund Baumgartner, dessen
Verletzungen so schwerer Natur waren, daß er
kurz danach verschied. Die „Breslauer Nach¬
richt e n" berichteten noch am selben Tage über diesen
Fall und teilten mit, daß Edmund Baumgartner
gelyncht wurde, weil er trotz Verbotes des Zu¬
tritts von Juden zu den Tribünen doch als Zuschauer dem
Match beigewohnt hatte. Diese Begründung war falsch;
Baumgartner wurde nicht im Stadion selbst, sondern
außerhalb desselben getötet.
Noch während die ersten Exemplare der „Breslauer
Nachrichten" mit der Nachricht von der Ermordung
Baumgartners in den Straßen verkauft wurden, griff die
Geheime Staatspolizei ein und beschlag¬
nahmte sämtliche bereits ausgedruckten Exemplare
der Zeitung. Die weiteren Exemplare von diesem Tage
enthielten die Nachricht nicht mehr.
Die irrtümliche Meldung, daß Baumgartner in
Ratibor getötet wurde, ist darauf zurückzuführen, daß am
gleichen Tage wie in Breslau, nämlich am 15. September,
auf dem Ratiborer Sportplatz ein Fußfcallmatch
zwischen einer Ratiborer und einer Rybniker Mannschaft
ausgetragen werden sollte; dieses Match wurde aber in
zwölfter Stunde abgesagt, weil das Ratiborer Team nach
Breslau gehen mußte.
Baumgartner war der Sohn eines Breslauer jüdi¬
schen Bürgers, der im Weltkriege auf deutscher.
Seitegefallen ist.
Palästina kauft deutsche
Waren
Wachsende Empörung im Lande. — Erbitterung in
englischen Kreisen. — Colonel Kish fordert zum
Kampf gegen die Zionistische Exekutive auf. — Dia
ägyptischen Juden boykottieren den Jüdischen Natio-
nalfonds und Keren Hajessod
Unser Palästina-Korrespondent berichtet aus
Tel-Aviv:
Immer mehr deutsche Waren kommen nach
Palästina. Während im ersten Quartal 1934 der
deutsche Import 400.000 Pfund Sterling betrug, ist
er im ersten v Quartal 1935 um über 50 Prozent auf
610.000 Pfund gestiegen. Nach dem Luzerner Zio-
nistenkongreß im August 1935 ist er noch rapider an¬
gewachsen, denn von da ab haben die jüdischen Im¬
porteure und Verschleißer von Waren aus Hitler-
Deutschland jede moralische und nationale
Hemmung verloren. Auf dem Kongreß wurde die
Frage des deutsch-palästinsischen „Transfer s",
d. h. jenes Uebereinkommen, wonach jüdische Gelder
aus Deutschland in Form deutscherWaren nach
Palästina gebracht werden sollen, eifrig behandelt.
Die Judenstaatspartei hat bekanntlich dort
den Antrag gestellt, den zionistischen Banken und
Körperschaften jede Beteiligung am Transfer zu ver¬
bieten, weil er nationale und moralische Erniedri¬
gung, Ermutigung aller Judenfeinde, Beleidigung
aller Judenfreunde und Verletzung der nationalen,
wirtschaftlichen und politischen Interessen Palä¬
stinas bedeutet.
Die Arbeiterpartei, d. h. die von ihr beherrschte
Zionistische Weltexekutive, hat nicht nur den Antrag
der Judenstaatspartei bekämpft, sondern Weiter-
entwicklung des Transfer und Uebernahme der
Förderung und Leitung des deutschen
Warengeschäftes durch die Zionistische Or¬
ganisation gefordert. Gegen diesen Antrag haben nur
die Judenstaatspartei und zwanzig andere gestimmt.
Arbeiter, Allgemeine Zionisten und Misrachisten haben
laut Klubbeschluß dafür gestimmt. Allerdings haben
es über hundert von ihnen vorgezogen, vor der Ab¬
stimmung den Saal zu verlassen.
Aber jetzt zeigt es sich, daß das jüdische Palä¬
stina in dieser Frage nicht hinter den Transfer-
Siegern vom Kongreß, sondern hinter der in Luaern
überstimmten Judenstaatspartei steht.
Die Erbitterung gegen das Deutschland-Geschäft
wächst und läßt sich nicht eindämmen.
Vor allem mußte die Arbeiterpartei dem
Druck dieser Erbitterung weichen. Der W a a d
Leumi (Jüdischer Nationalrat), die oberste, gesetz¬
lich anerkannte und von allen Juden gewählte
Behörde, hat sich vom Transfer losgesagt.
Wenn man in Betracht zieht, daß der .Präsident und
die überwiegende Majorität des Waad Leumi Arbei¬
terparteiler sind, so wird klar, daß h:er eire
Revolte gegen die Luzerner Beschlüsse vorj?c->;omm^n
ist. Gegen den Transfer nimmt das vereinigte Konui, o
aller jüdischen Jugendorganisationen, wc\:iucUc
Boykottaktion gegen deutsche Waren leitet, FvrUung.
Leidenschaftlich protestiert der Industriellea-
verband. Großes Aufsehen aber hat jetzt das Eias»
greifon der einflußreichen englisch-zionistiscMui
Gru#»e hervorgerufen m itaren 4*r f*üh«*