Preis 20 Groschen
10 Jahrgang
Freitag, den fanner 1936
Nr« 5*6
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DIE NEUE
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Zeitung vom Verleger versendet
„Journal expedle pur redltetir**
Titt. Ünivei-sitäfcsbibliothek
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HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
BEZUGSBEDINGUNGEN. Oesterreich monatlich ö i._u, vlerteijänrig » 4.-. ganzjährig » 16.-; Polen monaUtcH Zloty 1.50.
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Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
ailt B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich.
Redaktion u, Verwaltung: IX, UniversMtsstr. 8, Tel, A-20-2.78 — Ersdteint Dienstag u. Freitag
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Lord Read-taf m
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Naoh einer u^^^.^^a Karriere ist Rufus Daniel
Isaacs, der nachmalige Lord Reading, im Alter von
75' Jahren gestorben. Sohn eines jüdischen Kaufmannes
aus London City, verläßt der 14jährige Rufus Daniel die
bürgerliche Enge seines Elternhauses, fährt nach Indien
und läßt sich nach mannigfachen Abenteuern nach Eng¬
land zurückholen, wo er sich dem Rechtsstudium hingibt,
nach/kurzer Zeit führender Advokat der City, später
Finanzberater der Regierung wird, im Jahre 1910 zum
Generalstaatsanwalt, 1913 zum. Lord-Oberrichter von Eng¬
land avanciert. Eine Laufbahn, die auch für britische Ver¬
hältnisse sensationell genannt werden kann!
. •/ Politisch, hat sich ( R. D. Isaacs der liberalen Partei
angeschlossen. Seine, staatsmännischen Fähigkeiten be¬
weist er in den ersten Jahren des .Weltkrieges, wo er das
berühmte Moratorium und die Staatsgarantie für die eng¬
lischen Wechsel vorschlägt; die. das: Weltreich- vor dem
Chaos : und die Entente vor'dem Zusammenbruch bewahren.
«.:-.;■ . Im .Jahre 1921 geht Lord Reading als Vizekönig
nach In di;cn, also gerade zu einer.Zeit, wo. der schärfste
Kampf Gandhis für ■ die Freiheit Indiens und gegen die
englische . Vorherrschaft tobt. Fünf Jahre lang arbeitet
Lord. Reading in Indien. Seine Klugheit und Gewandtheit
machen;seinc Arbeit erfolgreich. Wie sein Vorgänger, der
Jude, Benjamin Disraeli-Beaconsfield, Indien für England
■g;e w a n n, sp b e w ah r t.e. er es dem britischen Im¬
perium. Im Jahre, 1931 wird er Außenminister im Kabinett,
^apclonald, im .Jahre 1933, bei Beginn des Hitler-Regimes
in Deutschland, legt er das Präsidium der Deutsch-eng¬
lischen ^Vereinigung nieder.
. •< Im Bereich der jüdischen Politik,, des jüdischen
Volkstums spielte Rufus Daniel Jsaags bis zum Jahre 1929
keine Rolle. Die zionistischen, Bestrebungen waren ihm
fremd, .sein Untertauchen in den Interessen der britischen
imperialen Politik gestattete ihm — insbesondere wegen
der, indischen Mohammedaner ( —. keine Teilnahme am
Zionismus. Erst die seelische Erschütterung durch die
arabische : Pogromrevolte im August
1Ö2 9 brachte; es mit ; sich, daß der Mann, der
in . .der Hochblüte der Emanzipation zu der .höch¬
sten Spitze der . staatlichen Laufbahn aufgestiegen
war, den jüdischen, zionistischen,Dingen seine Aufmerk¬
samkeit zuwendete. Von da ab fanden alle zionistischen
Plärre und Aspirationen, insbesondere soweit sie .direkt
dem, Aufjmu. des jüdischen Palästina dienten, bei Lord
Reading. wärmste Unterstützung. Das große Ruthenberg-
Prpjekt; (die .Elektrifizierung, Palästinas durch ein jüdi¬
sches Kraftwerk) wurde von ihm, der später Präsident
der Ruthenbcrg-Gescllschaft war, , wärmstens gefördert.
Lord Reading hatte auch mehrfach Gelegenheit, bei der
englische» Regierung die zionistischen Wünsche zu unter¬
stützen, Nach einem Aufstieg sondergleichen fand
Isaacs-Reading;: zum Judentum zurück. Sein Alter gehörte
dem "Jüdischen Volk, das ihm, dem großen englischen
Staatsmann und großen Sohn Israels, ein ehrendes An¬
denken bewahren wird. ,
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30.000 Familien in den Hungertod!
Au» Berlin: Das Reichsministerium hat mit
Datum vom 24. Dezember (Heiliger Abend!) sämtliche
Polizeistellen des Reiches angewiesen, jüdischen
Handelsreisenden ihre Lizenzen, die gewöhnlich in
der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zur Er¬
neuerung einzureichen sind, nicht zu verlängern,
da „Juden als politisch nicht zuverlässig"
gelten müssen. Hinzugefügt wird noch, daß insbesondere
jüdische Handelsreisende sich in der Verbreitung von
Greuelmärchen hervortun und auf diese Weise
staatsgefährdend wirken.
Diese Verfügung des Reichsministcriums hat in den
jüdischen Kreisen niederschmetternd gewirkt. Allein in
Berlin gibt es mehr als 2000 verheiratete
jüdische Handelsreisende, ihre Gesamtzahl im Reich
wird auf 30.000 bis 40.000 geschätzt, ist also größer als die
Gesamtzahl der in juristischen, medizinischen oder
anderen Berufen tätigen jüdischen Personen.
»> Noch am Weihnachtstage haben sich verantwort¬
liche jüdische Persönlichkeiten an den Reichswirtschafts-
minister Dr. Hjalmar Schacht mit der dringenden
Bitte gewandt, auf das Reichsinnenministerium dahin zu
wirken, daß die Verfügung, die von katastrophalen
Folgen für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutsch¬
land begleitet sein müß, zurückgezogen wird.
Die Polizeistellen wurden ferner angewiesen, jüdi¬
schen Fabrikanten die Erlaubnis zur Ein¬
stellung von Handelsreisenden nicht mehr zu
j' erteilen,.da auch . hi«;die|^efiÖir der Verbreitung von
Greuelmärchen gegeben sei. ;
Aus Berlin: Die über viele Täuaende 1 jüdische-
Handelsreisende ^in- Deutschland hereingebrochene Ka t a-
atrophe hält die entsetzte deutsche Judenheit in Atem.
In jüdischen Kreisen werden die Bemühungen des Doktor..
Schacht, die drohende Katastrophe abzuwenden, mit
Dankbarkeit vermerkt, aber als aussichtslos be¬
trachtet. Es hat die bisherige Erfahrung gelehrt, daß
Dr. Schacht sich immer weniger durchzusetzen vermag.
Als ein Beispiel wird die Beschlagnahme der Suhler
Simson-Werke, die trotz seiner energischen Intervention
erfolgt ist, angesehen. Dem J.-T.-A.-Vertreter wurde im
Reichswirtschaftsministerium die Auskunft erteilt, daß es
in Deutschland laut den offiziellen Listen 24.386
jüdische Handelsreisende gibt. Nach zuverlässigen
Schätzungen der jüdischen Organisationen ist die Zahl
der jüdischen Handelsreisenden weit größer. .
*
Untätig sieht die „Kulturwelt" mit an, wie der
Greuel tobt. Unter dem Vorwand, die Reinheit der deut¬
schen Idee zu schützen, hat Hitler die jüdischen Intelli¬
genzler weggejagt. Die Welt hat weiter mit ihm verkehrt.
Dann wurde jüdischen Kranken die Medizin und jüdischen
Kindern die Milch entzogen. Aber englische und: franzö¬
sische Minister sind nach Berlin gefahren. Jetzt werden mit
einem Schlage 30.000 Familien, d. s. 100.000 Menschen
zum Hungertod verurteilt. Die Kulturwelt, welche über
Opium- und Sklavenhandel in exotischen Ländern so be¬
weglich jammert, tut nichts, um dem mörderischere
Treiben im Zentrum Europas Einhalt zu gebieten.
Infoige der Feiertagsruhe am 6. Jänner erscheint
> die nächste Ausgabe
unseres Blattes Freitag, den 10. Jänner
1936, in verstärktem Umfang
&f!fljss©lBns und die Juden
Das römische Organ Mussolinis, „Giornale
d'Italia", zählt die Kräfte auf, welche heute in der
Welt gegen das faschistische Italien feindlich wirken.
Es nennt zuerst die Freimaurer, deren Feind¬
schaft daher rührt, daß der Faschismus mit der
katholischen Kirche Frieden geschlossen und ihr in
gewissem Maße wieder weltliche Souveränität einge¬
räumt hat. Dann den Bolschewismus. Schlie߬
lich die Juden. Das Blatt behauptet, daß die Juden
über das heutige Italien falsch und gehässig denken.
Sie verwechseln den Faschismus mit dem deutschen
Nationalismus. Sie berücksichtigen nicht, daß Italien
nicht nur seine eigenen Juden mustergültg behandelt
sondern auch für die verfolgten in anderen Ländern
eingetreten ist, nicht allein mit Worten, sondern auch
mit Taten. Es hat jetzt die deutsch-jüdischen Emi¬
granten gastfreundlich aufgenommen, wie früher die
jüdischen Studenten aus Polen, Rumänien und Un¬
garn; welche, von den heimischen Hochschulen ver¬
wiesen, bei den italienischen Hochschulen nicht nur
Hebevolle Aufnahme, sondern Unterstützung jeder Art
fanden. Unter diesen Umständen muß die aggressive
Haltung der jüdischen Zeitungen und jüdischen Kreise
gegen Italien als Ausfluß der Unwissenheit oder Un¬
dankbarkeit verurteilt werden.
■»
Was das Blatt Mussolinis schreibt, ist eine ernste
Sache. Seine Angaben über die Haltung Italiens in der
Judenfrage sind durchaus richtig. Italien hat vollen
Anspruch auf jüdische Dankbarkeit. Aber in seiner
Verallgemeinerung bezüglich der Haltung der Juden
im Auslande, geht das Blatt fehl. Vor allem gibt die
Haltung der national bewußten Judenschaft keinen
Anlaß zu Klagen über Undankbarkeit und Gehässig¬
keit, In ihr gibt es Gruppen, welche den Standpunkt
Italiens teilen. Dann solche, welche den italienisch-
abessinischen Konflikt bedauern, nicht, weil sie gegen
Italien eingestellt sind, : sondern weil sie in ihm eine
Gefährdung des Völkerbundes und damit des Welt¬
friedens erblicken. Wenn sie gegen die Fortführung
des Krieges sind, so sind sie dabei frei von jeder Ge-
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Kapelle Isy Geiger
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(Hinter 4« m Deutschen Volksthcqtcr) Beginn %9 Uhr abends // Musikschutz 60 Gr.
' liässigkeit und gegen jede Demütigung Italiens und
Verletzung seiner gerechten Ansprüche. Auf dieser
jüdischen Seite findet Italien wohlwollendes Verständ¬
nis und nicht Feindschaft.
Doch soll nicht verschwiegen werden, daß es
jüdische Elemente gibt, deren Haltung zu berechtigter.
Klage Anlaß bietet. Das sind diejenigen, die kein
Empfinden für eigene Würde haben und auch nicht für
die Würde anderer, die der Tagesstimmung schamlos
nachlaufen. In Ländern, welche mit Italien in Kon¬
flikt stehen, glauben sie sich im Streite besonders her¬
vortun zu müssen. Soweit sie nicht national, sondern
international orientiert sind, glauben sie mit beson¬
derem Elan dabei sein zu müssen, wenn es gegen den
Faschismus geht. Sie benehmen sich gegenüber dem
jetzt schwer kämpfenden Italien so tadelnswert, wie
gegenüber den großen Interessen ihres eigenen, des
jüdischen Volkes. Man kann und soll sie nicht über¬
sehen. Aber das Blatt Mussolinis geht in einer an sich,
begreiflichen Verbitterung zu weit und wird unge¬
recht, wenn es diese Elemente der jüdischen Gesamt¬
heit gleichsetzt. r. st;
Araber für PalästinasParlament
Aus Jerusalem wird gemeldet: Die arabische Zei¬
tung „Falastin", welche die Interessen der christlichen
Araber vertritt und der Nashashibi-Partei (Partei des
früheren arabischen Bürgermeisters von Jerusalem) nahe¬
steht, spricht sich für eine positive Teilnahme an dem
projektierten Legislative Council (Parlament)'
aus. Das Blatt fordert alle Araber auf, die Pläne des
Oberkommissärs Sir Arthur Wauchope zu unter¬
stützen.
Dizengoff wieder Bürgermeister
Aus Tel-Aviv wird gemeldet: Aro 80. Dezember
fand hier die konstituierende Versammlung des neu-
gewählten Stadtrates statt.
Meir Dizengoff, der das Amt des Bürger¬
meisters von Tel-Aviv, mit einer kurzen Unterbrechung,
seit Gründung der Stadt bekleidete, wurde neuerlich zum
Bürgermeister gewählt. 1
8000 Kinder im Fackelzug
Aus Jerusalem: Die traditionelle öffentliche
Ch anukah-Fei er in den Straßen von Tel-Aviv
fand Sonntag abend beim Entzünden des dritten
Chanuka-Liqhtes vor dem Rathaus statt. Ein Fackelzug,
an dem 8000 Schüler der Tel-Aviver Schulen teil¬
nahmen, bewegte sich zum Rathaus, vor dem drei riesige
Chanukah-Lichter entzündet wurden. Bürgermeister
Dizengoff hielt eine Ansprache an die versammelten
Jugendlichen^