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heit verstellend sich nahe zu bringen , hieß ihn auch für die Zukunft
Gegensätze versöhnlich ausgleichen , weitete ihn zuletzt zum philo -
sophischen als synthetischen Geist und bildete ihn selbst zum har -
monischen Charakter . Aus bejahendem , vertrauenden Geist quoll
sein Glauben wie sein Denken und darum gab es in ihm zwischen
beiden , zwischen Herz und Kopf , nicht jenen Zwiespalt , der den
Zeitgeist in so laute Extreme zerriß . In einer Zeit , die da schwankte
zwischen konventionellem oder romantischem Traditionalismus und
dem , ,neuen Glauben ‘ ' oder Unglauben eines David Friedrich Strauß
und schon eines Hackel , in dieser Zeit , in der Manuel Joel selbst
verdiente Führer des jüdischen Gemeindelebens innerlich ungläubig
fand , stellte er selber in seiner Person eine lebendige Verbindung
jüdischen Glaubens mit wissenschaftlich bewußter moderner Kultur
dar , und so durfte gerade die Vereinigung des Predigers und des
Gelehrten in ihm , dieses Priestertum eines , ,Weisen, “ dem Judentum
zum Segen gereichen . War es doch damals , als zur Rettung vor dem
vorherrschenden Unglauben der Protestantismus sich auf die sozial -
praktische , ja sozialpolitische Mission warf , wie der Katholizismus
auf die Erneuerung der Hierarchie im Unfehlbarkeitsdogma , in seinem
inneren Halt am meisten bedroht , wenn nicht Persönlichkeiten wie
Manuel Joel als Retter des Alten im Neuen auf die Schanze traten .
Er selber war weit davon entfernt , sich für einen großen Mann
zu halten ; aber ob nicht etwas von jenem Kennzeichen , das er
diesem gab , von der Vereinigung für unvereinbar geltender Eigen -
schäften , ihm selber innewohnte ? Als Nahestehender habe ich zuletzt
kein Recht ihn einzuschätzen ; aber wenn ich den Gesamteindruck
meiner Erfahrungen bekennen darf : es war mir auf meinem Lebens -
weg beschieden , so manchem bedeutenden Mann nahe zu kommen ,
aber kaum einem , dem gleich ihm die geistige Bedeutung so unmittel -
bar aufgeprägt war , so anspruchslos anhing , der wie er so natürlich ,
so naiv in einer Atmosphäre von Geist atmete , so ungewollt , un -
gemacht eine innere Würde zur Schau trug als harmonisches Maß .
Er brauchte nicht erst von seinem philosophischen Lehrer
Trendelenburg , dem Erneuerer des Aristoteles , dessen Lehre
zu vernehmen , daß die Tugend die Mitte zwischen Extremen sei ;
er trug in einer Zeit , die teils im nüchternen Materialismus am Boden
kroch , teils im hohen und hohlen Pathos ausschweifte , jene klassische
Tugend der Mitte , jene reife Besonnenheit in sich , die ohne Zwang
der Gegensätze Herr wird , die fest auf der Erde stehend sich doch
von höherer Macht erhalten und erhoben fühlt , jenes Ethos , das
sein Leben , sein Denken , sein Glauben als verbindende Kraft durch -
drang und das unserer wirr suchenden Zeit wieder so dringend nottut .
Joel als Semmarlehrer
und seine Wahl zum Rabbiner in Breslau .
Von A . Eckstein in Bamberg .
Das 10 jährige Lehren und Wirken M . Joels am jüd . - theo -
logischen , Seminar zu Breslau ( 1854 — 1864 ) bedeutete in seinem
Leben gleichsam die Frühlingszeit , in der seine große Begabung zu