Necensionen.
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das Asyl der unklaren und unreinen Geister gewesen ist, bahnt und ebnet
den Weg der — Reformation, der Reformation, welche, wie sehr sie auch
später verfallen und verknöchert ist, in ihren Ursprüngen nichts Anderes
war, als ein Protest gegen die Knechtung des Geistes, als eine Mündig-
keitserklärung der Wissenschaft. Mystik und Reformation, ja sind denn die
Gegensätze auch wirklich so klaffend und unversöhnlich, als es gemeinhin
angenommen wird? Bei Lichte besehen, doch wol nicht. Denn beide ent-
springen aus dem Bedürfnis;, die überkommene Dogmatik vor den! eigenen
Urtheil Zu rechtfertigen. Beiden wird das Dogma, das man früher un-
besehen hinnahm, zum Räthsel; da ist ein Knoten, der will entwirrt, der
will gelöst werden; aber während der Mystiker in dem Bemühen zu ent-
wirren sich nur immer n!ehr verwirrt, sich nur imn!er tiefer in seinen
eigenen Hirngespinnsten verrennt, schneidet der Reformator den Knoten
mitten durch und denkt nach dem Vorbild des großen Griechen, das sei
auch eine Lösung. So haben Mystik und Reform denselben Vater, den
Zweifel, wie ungleichartig auch die Geschwister immer sein mögen. Und aus
dieser innigen Verwandtschaft ist es zu erklären, wenn grade der Refor-
mation ein Jahrhundert voranging, in welchem die Mystik aller Orten und
besonders von den Vertretern einer freieren Richtung, von den Humanisten,
gepflegt und geschätzt wurde. Aber die Mystik bedurfte in dieser Zeit, wo
die Büchergelehrsamkeit alles galt, eines gelehrten Anstrichs; sie bedurfte
in einem Jahrhundert, wo nur das Alte ehrwürdig war, auch einer Be-
Währung durch alte Autoren. Dies Alles, was man brauchte, fand sich
in der jüdischen Kabbala. Sie gewann zahlreichen und mächtigen Anhang
in Italien wie in Deutschland. Hier war es Johannes Reuchlin, das
berühmte Haupt der deutschen Humanisten, der mit einer den Jetztlebenden
wohl kann! faßlichen Lust sich auf das Studium derselben warf. So
wurde die Kabbala, welche den innersten Kern des Judenthums, seine ge-
sunde und klare Weltanschauung so bedenklich geschädigt und getrübt hat,
nach außen sein Stolz, ja sein Schutz. Denn in dem berühmten Streite,
welcher wegen der jüdischen Literatur zwischen Pfefferkorn und Reuchlin
entbrannte und bald die weitesten Kreise in Mitleidenschaft zog, war sie
es, unter deren Fittige das jüdische Schriftthum sich rettete; um dieses
Ungerechten willen ließ Reuchlin so viele Gerechte am Leben. Dieser
Streit, von dem Strauß sagt, daß ״durch ihn die Fortschrittspartei sich zu-
erst als geschlosiene Macht fühlen lernte", hat von jeher die besondere Auf-
merksamkeit der Geschichtsschreiber auf Reuchlin gelenkt. Selbst das Leben
des Erasmus, so sehr es durch den Reiz des Wechselvollen und der Ro-