250 Di© Vorlesungen Harnaeks über das Wosen des Christonthums.
als eine sogenannte ß e c b t s p a r ö ש i e erscheinen,
wie als ein zur Ausführung bestimmtes Gesetz. Das war
jedenfalls die Meinung der P 11 ar is a e r, welche bei der
U n m 5 g 1 i c h k e i t von dessen gerechter Ausführung
es als die Forderung eines dem Schaden möglichst nahe-
kommenden Ersatzes inGeldes werth ansalio n 1 ).
Ueberhaupfc waren gerade sie von einer solch milden Ge-
sinnung im Strafrecht geleitet, dass bei ihnen die Anschau-
ung sich bilden konnte, ein Gerichtshof, der auch nur inner-
halb sieben Jahren ein Todesurfcheil fülle, verdiene ein mör-
derischer Gerichtshof genannt zu werden, und dass 11ervor-
ragende Schriftgelehrte um das Jahr 100 n. Chr. erklären
konnten, sie würden niemals ein Todesurtheil gelallt haben 2 ).
Darum wird wohl zu* jenem Satze des Strafrechtes
in der Pfrmahnung zu weitestgehender Nachgiebigkeit,
Jesus ausspricht 3 ), ein überaus wirkungsvoller Gegensatz
aufgestellt, aber der Gegensatz, ist mehr r h e t o 1 ־ i s c h, als
sachlich berechtigt. Auch auf andere pharisäische Lehren
lallt vielfach ein falscher Schein und es werden ihnen An-
Behauungen unterstellt, die dem wirklichen, in den jüdischen
IJeberlieferungen erhaltenen, Sachverhalte geradezu wider-
sprechen 4 ).
Die Hauptquelle der christlichen Vorstellungen von den
Pharisäern und den Schriftgelehrton ist die Paraboi Jesu
vom P 11 a r i s ä e r u n d dem Zöllner geworden. Sie ist
eine Perle des Lucasevangeliums 5 ) und stellt mit schlagender
Kraft der Selbstgenügsamkeit und dem beschränkten Hoch-
muthe eines äusserlich correcten, aber innerlich holden
״Frommen 44 die Demuth und den hoffnungsvollen Glauben
einer sündigen, aber zu Gott sich emporringenden, Seele
gegenüber. Die in ihr enthaltene Lehre ist jedoch nichts anderes,
als was auch die grosse Mehrheit der Schriftgelehrten
gelehrt hat. Sie haben in gleicher Weise die selbstbewusste,
geschäftige und ostentative Frömmigkeit verurtheiit und die
D e m u t h als die Krone der wahren Frömmigkeit geprie-
seu. Sie haben als eine der schwersten Sünden es bezeich-
net, Andere öffentlich zu beschämen, zu dem, der seine
*) T. b. Baba kamma 83b f. Vgl. dazu Graetz IIP, 98 u, 652, 8 owi 0
Saalschutz, das mosaische Recht, 2. Auf!., 449 ff.
2 ) Mischna Makkot 1, 10.
Matth. 5, 38—42. .
• *) Vergl. Wünsch© a, a. 0. zu Matth. 15, 3 ff. (Marcus 7, 9 ff.)
0)18,9—14.