Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie
Ein Gedenkblatt zum 70. Geburtstag
Von
E. v. Aster
„Wenn jemand den ganzen Tag über läuft und kommt abends ans Ziel,
so ist es genug." Dieses Wort Schopenhauers kann Sigmund Freud sich zu
eigen machen, wenn er jetzt vom biblischen Alter aus auf sein Lebenswerk zu¬
rücksieht Dauert auch in der Öffentlichkeit der Streit um die Psychoanalyse
noch hie und da in den alten leidenschaftlichen Formen fort, wird die Lehre
selbst auch in vieler Hinsicht sich noch wandeln und klären, so ist doch der
Entwicklungsprozeß heute nicht mehr aufzuhalten, der die Grundlagen der
psychoanalytischen Theorie und Praxis als unverlierbares wissenschaftliches Be¬
sitztum einfügt in unser Verständnis des menschlichen Seelenlebens, seiner nor¬
malen Gesetzlichkeit und mannigfachen seltsamen Seitenwege.
Nicht von der ärztlichen Seite der Freudschen Arbeit und von der Psycho¬
analyse als Therapie der Neurosen soll in diesem kurzen Gedenkblatt die Rede
sein — für ihre Würdigung wäre der Verfasser dieser Zeilen nicht zu¬
ständig —, sondern von der Bedeutung der psychoanalytischen Theorie und
ihrer Begriffe für die Psychologie, für die Wissenschaft vom seelischen Leben
überhaupt. Denn der Fortschritt und die Wandlung, die die Freudschen Lehren
hier heraufführen müssen, scheinen mir größer und wichtiger zu sein, als
man in den Kreisen dieser Wissenschaft selbst noch anzunehmen geneigt ist.
Drei wichtige Gedanken kennzeichnen den Entwicklungsgang der Psycho¬
analyse. Der erste ist der des „Unbewußten" in der Gestalt des „Verdrängten",
der zweite der der sexuellen Verursachung der Neurosen, der dritte der der
infantilen Sexualität und der Stufen ihrer Entwicklung. Josef Breuer war es,
der anläßlich des von ihm untersuchten berühmt gewordenen Hysteriefalles
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