Lösung und Lösungen
tum zurückgewiesen sieht — schon schwierig, jüdische Kinder zu
aufrechten Menschen zu erziehen, so sind wir es uns um so mehr
für die Zukunft schuldig, Gefühlsäußerungen zurückzustellen und
eine neue Lage in großer Ruhe zu übersehen. Es wird sich auf die
Dauer fragen, ob nicht Mauern aus Gesetzen und Definitionen auch
innerhalb der Mauer neue Überlegungen und Entschlüsse notwen¬
dig machen.
Die staatsrechtliche Konzeption, die sowohl hinter dem Wehr¬
gesetz wie hinter dem zu erwartenden Staatsbürgergesetz steht,
formuliert ein Aufsatz der Zeitschrift „Das schwarze Korps" vom
15. Mai in dem Satz: „deutscher Staatsbürger kann nur ein arischer
Volksgenosse werden". Auch hier liegt jedoch, ebenso wie im
Wehrgesetz, über die Stellung, die die Juden in Zukunft einneh¬
men sollen, nur eine negative Formulierung vor. Eine positivere
zitiert der gleiche Aufsatz zustimmend in der Form, die Zionisten
hätten „aus ihrem fremden Volkstum die anerkennenswerte Er¬
kenntnis gezogen", daß sie „hier in Deutschland ein jederzeit künd¬
bares Gastrecht genießen" (von uns hervorgehoben. D. Red.). Es
ist allerdings schwer zu verstehen, wie verantwortliche Zionisten
in einer so entscheidenden Frage Auffassungen sollten vertreten
können, die die Stellung der deutschen Juden nicht nur in die
Epoche vor der Emanzipation, sondern sogar noch vor der mittel¬
alterlichen Judengesetzgebung des 13. Jahrhunderts zurückver¬
setzen würden. Denn in der Formel servi camerae nostrae, in der
sich diese aussprach, lag nicht nur die Unterstellung unter die
kaiserliche Gewalt, sondern die nach den Grundsätzen germani¬
schen Lehenswesens allein schutzverbürgende Aufnahme in den
Verband des kaiserlichen Hauswesens, lag also nicht nur ein Herr¬
scher recht, sondern eine staatsmännische (und christliche) Ver¬
antwortung: kurz, schon diese Judengesetzgebung war eine
echte Rezeption. Es ist also bei einer nicht erst seit einem, son¬
dern seit über sechs Jahrhunderten entschiedenen Frage doch nicht
wohl angängig, die in feierlichsten Staatsakten niedergelegten
Rechte der deutschen Juden einfach preiszugeben, zumal das Pa¬
lästinamandat ausdrücklich eine Verletzung der Rechte anderer
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