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auf den Kopf. Aber solche Fälle müssen Ausnahmen bleiben. Wie
unwichtig erscheinen uns „große" Kämpfe oft schon nach wenigen
Jahren! Und wie winzig werden sie in der Geschichte erscheinen!
Theodor Fontane, der wahrlich kein Antisemit war, schrieb einmal:
„Die Juden sind und bleiben politisch unverständlich; sonst so prak¬
tisch, verfallen sie politisch sofort der Phrase. Sie sind Phantomanbeter,
Anbeter eines Gottes, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit
immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts, sie
schreiben Zeitungen, aber nicht Geschichte."
Dies Wort ist nur allzu wahr; es gilt nicht nur von denen, die
Geschichte schreiben, sondern auch von denen, die am Webstuhl der
Zeit mitschaffen wollen. Für das deutsche Judentum ziehen dunkle
Wolken herauf. Sorgen wir beizeiten, daß der Ausspruch Fontanes bald
unwahr werde.
Die Lodzer Stadtratwahlen und ihre Bedeutung
für das polnische Judentum
Von einem hervorragenden Kenner der Lodzer Ver¬
hältnisse gehen uns folgende Betrachtungen zu:
In den letzten Wochen haben in dem okkupierten Gebiet die Stadt¬
ratwahlen stattgefunden. Sie sind nun fast überall abgeschlossen und
bieten Gelegenheit, sich ein Bild von der Stimmung der Bevölkerung zu
machen. Die Wahlen sind auch darum von besonderer Bedeutung, als
sie den ersten freiwilligen politischen Akt der Bevölkerung in dem neu-
gegründeten Staatswesen darstellen und erkennen lassen, welche
politisch-nationalen Strömungen sich im neuen Polen bemerkbar machen.
Man darf die Bedeutung der Wahlen natürlich nicht überschätzen.
Wahlen können nur dann ein wirkliches Bild von der Stimmung des
Landes geben, wenn die Bevölkerung schon eine gewisse politische Reife
besitzt und die Wahlen unter normalen Verhältnissen stattfinden. Dazu
kommt noch, daß das Wahlrecht selbst ein geeignetes'sein muß. Alle
diese Voraussetzungen treffen aber nur im geringen Maße in dem heutigen
okkupierten Polen zu. Am ehesten kommen aber noch die Verhältnisse
in Warschau und in Lodz in Frage. Warschau scheidet jedoch für die
Beurteilung aus, weil dort in Wirklichkeit keine Wahlen stattgefunden
haben, sondern eine Einigung* in den fünf ersten Kurien erfolgte. Zudem
fanden die Wahlen vor der, Proklamierung des Königreichs statt. Für
die Beurteilung der allgemeinen Lage wären also in der Hauptsache
die Lodzer Wahlen in Betracht zu ziehen.
Die Kenner der Verhältnisse hatten im allgemeinen den Ausgang
der Wahl so vorausgesagt, wie er tatsächlich erfolgt ist. Das war
auch nicht so schwer, da Lodz gewisse typische Verhältnisse bietet.
Lodz ist Industriestadt. In den Wahlen kommt also die Stimmung der