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des Gewissens und der Kulturzugehörigkeit , die auch eine Art von
Gewissensfrage fst . Ich bedaure nur , daß Rosenfeld die Selbstverwal¬
tung in die Hand der Kulturgemeinden legen will . Er beruft sich dabei
auf die Beselersche Judenordnung , und wir stimmen ihm darin zu ,
daß diese einen beträchtlichen Fortschritt bedeutet . Aber sie ist theo¬
retisch unzweifelhaft noch sehr unvollkommen . Denn die Juden als
Religionsgemeinschaft und die Juden " als Sprach - und Kulturgemein¬
schaft fallen auch in Galizien und Polen durchaus nicht zusammen .
Wer die Kulturangelegenheiten in die Hände der Religionsgemeinden
legt , muß die Gefahr in Kauf nehmen , die polnisch assimilierten Juden
zu vergewaltigen und im schlimmsten Fall aus der Religionsgemcinde
herauszudrängen . Die theoretisch richtige Lösung ist offenbar die ,
neben den religiösen Korporationen , die Juden aller sprachlichen und
kulturellen Zugehörigkeit umfassen , nationale , , Volkuni versittiten " zu
errichten , die sich nur aus den „ Bokennorn " des jüdischen Sprach tu ins .
zusammensetzen . Was nötig ist , ist reinliche Scheidung des Unter¬
schiedenen , Organisation des Zusammengehörigen .
Von hohem Interesse sind die historischen und soziologisch - theo¬
retischen Kapitel der kleinen Schrift . Besonders schlagend ist , was
R . über die Art und Weise sagt , wie die Polen bisher die „ Assimilation
der Juden " aufgefaßt haben . Sie haben in Galizien , wo sie seit 50 Jahren
unumschränkt regierten , auch nicht das mindeste getan , um die Juden
mit polnischer Sprache und Kultur zu tränken und wirtschaftlich der
sogenannten Wirtsbevölkerung anzugleichen . Sie haben all das , d . h .
die echte Assimilation , im Gegenteil eher verhindert . Assimilation heißt
ihnen nichts anderes als die blinde Gefolgschaft der jüdischen Masse
bei den Wahlen und ihr Bekenntnis zur polnischen Gemeinschaft bei
der Statistik , die auch nur ein Mittel für Wahl - und Herrschaftszwecke
ist . Solange die Juden diese rein passive Rolle als Stimmvieh , nament¬
lich gegen die Ruthehen , spielten , waren die Polen zufrieden . Und in
dieser Beziehung soll es , darüber können vereinzelte Äußerungen wohl¬
meinender Idealisten nicht forttäuschen , auch beim Alten bleiben . Die
starke Minderheit , die mehr als ein Zehntel der gesamten Bevölkerung
Galiziens ausmacht , und die etwa ein Viertel so stark ist , wie die Polen
im Westen und die Ruthenen im Osten , soll nach wie vor staatsrechtlich
als nicht existent oder vielmehr als staatsrechtlicher Bestandteil des
Polentums betrachtet werden , soll aber gleichzeitig nach wie vor als
Fremdvolk sozial niedergehalten und wirtschaftlich immor mehr ihrer
Existenzmittel beraubt werden . Ein seltsames Paradoxon : offiziell
sollen sie Polen sein , offiziös aber als Nichtpolen drangsaliert und ent¬
wurzelt werden . Wir haben hier die widerspruchsvolle Logik der auf¬
kommenden polnischen Bourgeoisie , die die Juden als Werkzeug ihrer
politischen Macht nicht aus der Hand geben , und die sie andererseits
als wirtschaftliche Konkurrenten iii Gewerbe und Handel ausschalten
will . Der verstiegene Nationalismus ist auch hier , wie überall in der
Welt , das ideologische Mäntelchen des zwischen den kapitalistischen
Elementen tobenden Konkurrenzkampfes . R . sagt ausgezeichnet : „ Im