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Interesse des zahlreichen polnischen Bürgertums und der Intelligenz liegt
die Dissimilation der Juden" (S. 37). Und ebenso vorzüglich
weiter: „Die Frage ist eben eine nationale, weil sie eine wirtschaftliche
ist." Unter diesen Umständen ist von der nur bürgerlichen Gleich¬
stellung der Juden keine Lösung des Problems zu erhoffen: sie haben
ja in Galizien die „Gleichberechtigung" seit Jahrzehnten, kommen
dabei aber politisch und wirtschaftlich immer mehr herunter — und die
Assimilation mit den bisherigen Methoden ist gescheitert, wie die pol¬
nischen Führer haben notgedrungen zugeben müssen. Nur die Anerken¬
nung dessen, was ist, mag man es lieben oder hassen, des Daseins
einer jüdischen Nationalität, als eines unbestreitbaren Faktums, kann
aus der Sackgasse herausführen, kann die innere Reibung beseitigen,
unter der nicht zuletzt die Polen selbst schwer leiden, Polen kann nie¬
mals ein „Nationalstaat", es kann eben nur ein Nationalitätenstaat sein.
Im übrigen glauben wir, daß Galizien auch mit der national-kultu¬
rellen Autonomie nicht auf die Dauer zu helfen ist. Seine Agrarver-
fassung ist zu jämmerlich schlecht. Ein Land mit solchem ungeheuer¬
lich geballten Großgrundbesitz kann kein vernünftiges Städtewcsen
entwickeln, kann nicht zu Reichtum und nicht einmal zu bürgerlicher
Ehrbarkeit gelangen. Es muß arm und korrupt bleiben. Wenn nicht
eine gewaltige innere Kolonisation eine halbwegs vernünftige Grundlage
schafft, ist dem Lande ebensowenig zu helfen wie Rumänien. Und
dann ist auch die Judenfrage nicht gründlich lösbar. Denn so lange
ist (ür' Intelligenzen und Gewerbe- und Handeltreibende der Betäti¬
gungsraum derartig eng, daß der wütendste Konkurrenzkampf um die
allzu spärlichen Stellen an der Krippe fortdauern muß. Und in diesem
Konkurrenzkampf werden die Massen der Juden die Leidtragenden
bleiben, da die Staatsgewalt und die Konsumenten, nationalistisch--
^ antisemitisch verhetzt, sich immer gegen sie stellen werden. Wenn
aber einmal auf der Kundschaft neuer Bauernschaften zahlreiche wohl¬
habende Städte entstehen werden, dann wird für Gewerbetreibende
und Händler, christlicher und jüdischer Konfession, Spielraum genug
sein — und dann erst kann an eine Assimilation im politischen und
wirtschaftlich-kulturellen, vielleicht sogar auch im sprach¬
lich-kulturellen Sinne gedacht werden. Wir werden, wenn
das neue Regime in Rußland sich hält, sehr bald die Wirklichkeits¬
probe auf diese theoretische Rechnung machen können. Und hoffentlich
wird man in Galizien und Rumänien die Moral daraus zu ziehen ver¬
stehen.
Moritz Manheimer ,
Von Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Berlin
Am 27. März 1917 ist die erste Jahreswende des. Tages, .an dem
Moritz Manheimer verstorben ist. Am 1. Mai 1917 (nicht 1916) hätte
er das 90. Lebensjahr vollendet.