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wenn der Bittende der Gabe nicht würdig, oder unbescheiden zu sein
schien. Was er als richtig erkannt, daran hielt er mit einer Zähigkeit
fest, die unüberwindlich war; er konnte lieben und hassen, der kleine,
weiche Mann konnte hart und streng sein.
Durch die Eigenart seiner Persönlichkeit bezwang er die Menschen
auch da, wo er ihnen nicht willfahrte. Wenn er die Alten und Kranken
besuchte und mit ihnen sprach, so leuchteten ihre Augen auch dann,
wenn er ihnen etwas versagte. Um Gunst hat er nie gebuhlt.
Heut, in den Tagen des Völkerringens, wo es gilt, aufgehen in der
nationalen Gemeinschaft, in die uns das Schicksal hingestellt, verblassen
die Wertunterschiede der Individuen; nur die Züge der Persönlichkeit
gelten, die ein Ausdruck nationaler Eigenart sind. Weil sich in ihm
Judentum und Deutschtum zu wahrem Menschentum verkörperten, wird
sein Andenken unvergessen sein.
(IDEDEÖDGIIEDÜDGI]
Umschau
0000000©
Polen
Das jüdisch-politische Leben on
Polen wird, je näher die Wahlen in
den Gemeinden und zu dem Obersten
Rat rücken, desto lebhafter und be¬
wegter. Die Orthodoxen haben
sich nach der Begründung ihrer Or¬
ganisation eine eigene Zeitung, „Das
jüdische Wort", angeschafft und
propagandieren durch diese ihre poli¬
tischen Ziele. Die Zionisten
entwickeln seit einiger Zeit eine
überaus lebhafte Tätigkeit. Anstatt
• des ihnen gehörigen und eingegange¬
nen Tageblattes .„Hazefirah" in
hebräischer Sprache) erscheint seit
wniffer Zeit die W o c h e n s c h r i f t
„üazefirah" (ebenso in hebräischer
Sprache). Diese Wochenschrift, zu¬
sammen mit der in jiddischer Sprache
erscheinenden, neu begründeten
Wochenschrift „Das jiddische Volk",
bildet die neue zionistische Presse
Polens.
Die jüdische Volkspartei.,
diese jüngste Erscheinung des
jüdisch-politischen Lebens in Polen,
steht im Begriff, sich als Partei end¬
gültig und fest zu organisieren. Das
neue Organ der Partei, die in jiddi¬
scher Sprache erscheinende Wochen¬
schrift „Das Volk", erfreut sich in
Polen großer Beliebtheit. Am
• 11. März fand in Warschau eine von
der Volkspartei veranstaltete 'Grün¬
dlingsversammlung des neuen poli¬
tischen Mittelpunktes dieser Partei,
(„Volksklub") statt. Der Ver¬
sammlung wohnten über 400 Per¬
sonen, Mitglieder der Volkspartei und
der neuen Institution, bei. Rechts¬
anwalt N. Prilutzki hielt die Eröff¬
nungsrede, iiKder er ein Bild von
der Entstehung der Volkspartei und
ihrer weiteren Arbeit entwarf und
die gegenwärtigen und künftigen
Ziele der Partei klarlegte. Nach
einer Reihe von Reden ging man an
die Wahlen eines Klubrates, der aus
den Führern der Partei und einer
Reihe, von Ratsmiinnem besteht.
Am 26., 27. und 28. März ünikt in
Warschau die erste jüdische Kul¬
turkonferenz statt, in der eine
Reihe von wichtigen Fragen beraten
wird. So über das jüdische Schul¬
problem, Aufgaben der jüdischen
Kulturarbeit, über jüdische Sprache
und ihre Bedeutung für das jüdische
Leben, über das jüdische Theater,
jüdische Bibliotheken usw.
Das polnische Judentum rüstet
sich, um stark organisiert an die,
Wahlen zu der obersten Repräsentanz'
(dem Obersten Rat der J u -
d e n) heranzutreten. Wie wir hören,
sollen die Waiden * kurz nach den
Feiertagen stattfinden.