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AUS UNSERE!? ZEIT
I.
Inszenierung und Taktik der antisemitischen
Studentcnkrawallc an der Wiener Universität
weisen einen Grad von Zielbewußtscin und poli¬
tischem Raffinement auf, der ohne die Voraus¬
setzung einer sehr geschickten und einflußreichen
Leitung gar nicht denkbar wäre.
Wer näher zusieht, wird sich in Zukunft
davor hüten, von Temperamentausbrüchen ciner
verbitterten und durch vermeintliche Provokationen
unzurechnungsfähigen Jugend zu sprechen. Man
bedenke: zuerst flackern die Demonstrationen
gerade in den Hörsälen zweier jüdischer Profes¬
soren, Tandler und Grünberg, auf, die als en-
ragierte und prominente Sozialdemokraten be¬
kannt sind, gleichsam um die Identifizierung des
akademischen Judentums mit dem Marxismus
zu demonstrieren. Der Schachzug gelingt,
die Sozialdemokratie muß, so gerne
sie sonst in der Juden frage schwer¬
hörig ist, zu dieser Provokalion
Stellung nehmen. Nun plötzlich
wendet sich das Blatt: die Ruhe¬
störer fühlen sich verpflichtet, allen
nichtjüdischen Sozialisten spontan
die Versicherung zu geben, daß
sich die Krawalle lediglich gegen
die Juden richten, die gewarnt
werden, den akademischen Boden
zu betreten. Damit ist es den großen
Unbekannten, die hinter diesen
Auftritten stehen, in geradezu raf¬
finierter Weise geglückt, die So¬
zialdemokratie, die schon zum Ver¬
lassen ihrer Vogclstraußpolilik ge¬
nötigt wurde, vor das Dilemma zu stellen, der er¬
hofften Neuregelung der akademischen Jüdcnfrage
entweder freie Hand zu lassen oder aber sich als
„Judenschutztruppe" vor aller Welt zu kompro¬
mittieren. Grund genug anzunehmen, daß die
Krawalle wieder einmal nur Mittel zu einem ganz
anderen Zweck sind.
Diesem sehr geschickt arrangierten Vorgehen
gegenüber wirken die von ehrlicher Entrüstung
erfüllten Abwchrmaßrcgeln des Wiener Juden¬
tums zwar höchst sympathisch, doch allzu primi-
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Uv. So lange wir Juden nicht mit kühlem Kopfe und
warmem Herzen uns einer politischen Auffassung
unserer kritischen Situation hingeben werden, ist kein
Ende der ständigen Konflikte abzusehen. Gerade
jetzt, wo das provozierend rüde Vorgehen des
Radauantisemitismus allmählich weitere, nicht-
jüdische Kreise zur Verurteilung dieses Treibens
nötigt, wäre der richtige Moment zu zielbewußten
und weitblickenden \'erständigungsversuchen mit
dem ruhig denkenden Teile unserer Umgebung.
Noch viel mehr als der Rektor der Wiener
Universität, der katholische Theologe Döller, der
inmitten stark antisemitischer Einflüsse bisher vor¬
bildlich korrekt vorgegangen ist, hat sich der Erz-
bischof von München, Kardinal I'aulhabrr, in der
Judenlrage exponiert, der in einem Schreiben an
den Reichskanzler wie in einer Predigt am
Allerseelenlage äußerst scharf gegen den haken-
krcuzlerischen Antisemitismus .Stellung genommen
hat. Es ist bezeichnend für die Uj,o der Dinge,
daß in einem erzkatholischen, monarchistischen
und vorgeblich chauvinistisch-christlichen Lande
dieser schöne Schritt des höchsten kirchlichen
Oberhauptes, eines Fürsten der römischen Kirche,
der überdies noch durch vertraute Beziehungen zu
dem Thronanwärter, dein früheren Kronprinzen
Rupprecht, eine besonders prägnante Stellung
einnimmt, seinem Urheber eine Mut gemeinster
Beschimpfungen eingetragen hat, die — auf den
gesamten katholischen Klerus als „Judenpfaf¬
fen" (!) ausgedehnt -— wieder eine außerordent¬
lich scharfe Verurteilung in der gesamten alpen-
ländischen, auch österreichischen katholischen
Presse gefunden haben, eine Konstellation, auf
die vielleicht auch die Differenzen zwischen den
Wiener deutschvölkischen und
deutschkatholischen Studenten zu¬
rückzuführen sind.
Gerade in diesem wichtigen
Zeitpunkt verbreitet sich die Nach¬
richt, daß in Genf Verhandlungen
zwischen dem \ atikan und dem
ökumenischen Patriarchat begonner
haben, die auf die Beseitigung des
Schismas, die Vereinigung der sei!
1000 Jahren verfeindeten katho¬
lischen Konfessionen hinzielen. Ge¬
lingt dieser Plan, der nicht aus¬
sichtslos sein soll, so bedeutet dies
einen ganz ungeheuren Macht-
Zuwachs des päpstlichen Stuhle?
im nahen Osten, also auch in Pa¬
lästina, Syrien und Mesopotamien, eine Entwick¬
lung, der auch England nichts in den Weg zu
legen scheint, und die Frankreich unterstützen
wird, das nach der berühmten Maxime G a in-
Waldeck-Rousseaus und Combes niemals seinen
Antiklerikalismus zum Exportartikel gemacht hat.
Gibt es einen Weg für das Judentum, die
wichtige Unterstützung, die sich unvermutet an
der Isar gehend machte, am Jordan wiederzu¬
finden? ------ch.
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