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MENORAH
Die Farm Migdal
„Lache! denn du bist begnadigt;
Denn du bist der Sünde lcdig.
Die dich lockte, — die dich trog
Dir zum Heil; ob auch zur Lehre?"
„Wärest du nur, was ich suchte.
Und ich bliebe, der ich brannte.
Und die Sonne, unser Drittes,
Sag', wo wäre Sünde dann?"
„Dir im Herzen!" spricht der Rabbi.
„Mir im Herzen steckt sie auch.
Wenn ich fehlgesprungen habe."
Tief erstaunt der erhöne Rabbi.
„Eine junge Schwester blüht mir —
Neben ihr im Kranz der Mädchen
Unter Männern ich als Mann,
Bin ein Schatten ihres Glanzes.
Folge mir! Zu höherm Streite,
Will dich Gottes Gnade sparen.
Sei ein Schüler, werd' ein Meister!
Meine Schwester geb' ich dir,"
Simon lacht. „Ich folge, folge!
Nun voran! Ich war der Meister
In den Wäldern — hier wie dorten
Werde ich der Meister sein."
Palmen in Migdal am Tiberiasse
W. benhard / Fo 1 k 1 oristisches Allerlei
23. GEHEIME WIRKUNG
Vor R. Motclc 1 schernoblcr, dem großen
Zadik, standen zwei Männer zu Gericht. Der
e ; nc war arm, der andere reich. Das Recht stand
nach der Meinung des Richters auf der Seite des
Armen, er neigte aber trotzdem zur Seite des
anderen. Alle Überlegungen halfen nicht, diese
Doppelerscheinung zu bannen. R. Motele beschied
nun die Parteien auf den folgenden Tag. Dem
heiligen Manne ließ die Sache keine Ruhe.
Immerzu schlug er den Schulchan-Aruch und
die großen Decisorcn nach. Immer wieder das¬
selbe Bild. Noch auf dem Nachtlager beschäftigte
ihn die Prozeßangelegenheit, die morgen zur Ent¬
scheidung kommen sollte. Zur Beförderung der
Gedanken tat er ungefähr dasselbe wie wir, nur
daß wir zur Hcrvorlockung glücklicher Gedanken
uns der Zigaretten bedienen, während R. Motele
dies durch Schnupftabak zu bewirken suchte. Als
er nun, in den Sachverhalt vertieft, eine Prise
nach der anderen der Dose entnahm, bemerkte
er zwischen den zwei Fingern einen blanken
Golddukaten. Nun erkannte er mit einem Male,
warum es ihn trieb, die Partei des Ungerechten
zu ergreifen.
24. EINE FRAGE, DIE EINEN
ANDEREN ANGEHT
Ein frommer Mann, der oftmals in der Woche
mit Toralcrnen die Nacht in Beth ha-Midrasch
, zubrachte, hielt einmal bei einer solchen Nacht¬
wache, auf seinem Stocke gestützt, eine kleine
Schlummerpartie. Als er erwachte, bemerkte er
zu seinem Entsetzen die Abwesenheit seines
Spodaks 1 ). Auf einem Haken bemerkte er jedoch
einen anderen Spodak. Er nahm nun diesen in
die Hand und stellte folgende Betrachtung an:
Lomir) nur sehn, wi' 1 ) is man Spodak? soll 'ch
sugen, as dus s man Spodak is doch die Kasche 1 ),
wi is san Spodak? Sol 'ch wider sugen, as dus is
san Spodak, is doch di Kasche. wi is man Spo¬
dak? ---Le ojlem taky dus is man Spodak,
aj wi is san Spodak? Darf 'ch fregin, wi is man
Spodak, sol er fregin, wi is san Spodak! r> )
') Zobelmütze, die Kopfbekleidung frommer
Leute der alten Generation. '-') Wir wollen.
;l ) Wo. A ) Die Frage. 5 ) Variante bei Rawnitzki,
Nr. 332, ohne diese dialektische Finesse.
25. DIE GELEHRSAMKEIT IST
SCHULD DARAN
R. Jankcle Ornstcin. unabhängig, reich und
Oberrabbiner von Lemberg, besuchte auf der
Durchreise in Stryj den dortigen in kümmerlichen
Verhältnissen lebenden Dajjan R. Löbele 1 ). Ura
das Selbstbewußtsein R. Löbeles zu heben,
sagte R. Jankele Ornstein zu ihm:. „Wie groß
ist der Kibud ha-Tora'), wenn der Lemberger
Rouw die Mühe nicht scheut, den Weg in dieses
Gäßchcn zu finden, um Euch, den großen Ge¬
lehrten, aufzusuchen?" „Umgekehrt, Lemberger
Rouw," erwiderte der Angesprochene, „wie
groß ist der Bisjon ha-Tora?*) Wäret Ihr
bloß ein reicher Mann, Ihr wäret sicher zu
mir armem Schlucker nicht gekommen, da Ihr
aber obendrein Lemberger Rouw seid, erniedrigt
Ihr Euch, einem solch Geringen wie mir Euere
Aufwartung zu machen."
«) Löb Heller, der Verfasser des Werkes
„K ezoth ha-Choschen" und Schwieger¬
vater S. L. Rapaports. '-') Respekt vor der Ge¬
lehrsamkeit. :: ) Verachtung der Gelehrsamkeit.
Eine feinsinnige Satyre, deren Ausdeutung so
manches in das richtige Licht rücken würde.
Die MENORAH
interessiert jedermann, bringt
Unterhaltendes, Belehrendes, Wissenswertes.