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MENORAH
hier sind junge, unwissende Geschöpfe. Vielleicht ist das ihr
erster Frühling, vielleicht haben sie noch nie einen Nestbau sehen
können. Sie können es, ohne es je gelernt zu haben. Das Können
ist in ihrem Schnabel. Nur die Sehnsucht muß man
haben und die Liebe, die Liebe zum Nest. Ich
treffe es also auch, denn ich habe die Sehnsucht und die Liebe
dazu. Ich kann es, weil es i n mir ist, ich fühle es in meinem Arm
und in meiner Faust. Ich weiß, ich weiß, wie man sät.
Ich bleibe am Rain des Ackers stehen, flüchtig ebne ich ihn
noch mit dem Rechen, ich gehe zum Sack, greife hinein, streue
den Samen langsam aus. Nicht gut so . . . ich war unentschlos¬
sen ... ein ganzer Klumpen fiel hier unter die Scholle, dort ist
das Feld leer geblieben. Noch einmal, Und doch, ich bin be¬
fangen: meine Hände zittern. Mir ist kalt und warm, ich fürchte
mich. Wovor? Mich durchbebt der Schauer einer längstvergan-
genen Nacht, dort, in der Fremde. Drei Soldaten pochen wild an
mein Fenster: „Jude, Wein!" Als ich die Tür aufmachte, schäum¬
ten sie in mörderischer Wut. Der eine schwang sein Seitengewehr,
stieß es rasend in den Tisch. Ich sah hin: es troff von Blut. Drinnen
die Frau und die zwei Kinder, das jüngste noch unter ihrem
Herzen. Die Hand zitterte mir, als ich den Wein einschenkte.
Sie zitterte wie jetzt.
Warum aber jetzt? Wo ist das blutige Messer? wo der Mord¬
gesell, der mich überfiel? Hier überwölbt der Himmel mich, hier
wandert die Sonne mir, hier bin ich daheim. M i r gehört die
Erde. Mirl Ich greife in den Reissack und streue den Samen
auf, beherzt, mit Schwung. Noch einmal. Ebenso. Und wieder.
Und abermals. Das, das ist säen! Und der Sämann: ich! Als hätte
ich stets getrieben dies Handwerk. . . Ich kann es, ich erinnere
mich irgendwie daran . . . meine geschlossene Handfläche öffnet
sich, meine fünf Finger spreizen sich, der gelbe Samen, schwirrt
und fliegt zur Erde, wie ein Bienenschwarm. Hie und da ist er
aufgesprungen, die Schale fiel herab vom Reiskorn, mich dünkt,
ich säe den Kern silberner Taler, oder winzige Perlen . . . Indes
bis zum Sommer werden Taler und Perlen sprießen. Nicht doch,
wozu brauchte ich harte Perlen und klingendes Silber! Der Reis
ist, wie die feinsten Zähne meines Jüngsten . .. Segen brauche
ich, Segen auf dem Feld, Segen im Stall und Segen im Haus.
Und ein Weib, das mein neues Leben mitleben will und erleben
kann. Das brauche ich, das allein.
Und wie ich den Reis säe und mich mitten in der Bewegung
fühle, die mir selbst so traumhaft schön vorkommt, sprudelt aus
mir die Vergangenheit und ich fange an das Lied zu singen, das
ich allwöchentlich von meinem Vater hörte, das Lied, das von
Geschlecht zu Geschlecht geht und an den kerzenbeleuchteten
Freitagsabenden vorgesummt wurde. „Ein tüchtiges Weib, wer
vermag es zu finden? Kostbarer ist es als edelste Perlen."
Und was ich bis jetzt nicht gefühlt, nun fühle ich es auf
einmal; als hätten sich mir alle Sinne erschlossen: die Luft ist voll
Wohlgerüche. Das kleine Stück Unendlichkeit: ein seltenes Gefäß
voll ungeahnter Spezereien. Das Meer und die Erde, die Obst¬
bäume, die knospenden Olivenwälder vom Berge entladen sich
über mir: und ich streue den Samen und singe das Lob des tüch¬
tigen Weibes .. . Das Licht überströmt mich. Der Wind streicht
hinter mir. Ein bekannter Hund von meiner ersten Wanderfahrt,
kläfft jetzt, da wir einander begegnen, vor Freude, wedelt, springt
an mir herauf und leckt mir die Hand, die nackten Arme und das
Gesicht . . . Ich lasse den Reis fliegen und besinge das Weib,
welches, mitschaffend, sich sein Leben erneuert. Alles ist mir hier
in Erinnerung und Wiedersehen, alle Poren öffnen sich dem Duft,
und mit vollen Händen streue ich den Samen und singe: das Lied
schlägt zurück zu mir wie ein Echo, es singen die Berge und
Bäche mit mir:
„Seine Hüfte umgürtet es mit Kraft und es ißt nicht von der
Tafel des Müßigganges ..."
Das Lied und das Säen schwellen meine Brust wie der Wind
die Segel. Ich glaube, nie habe ich etwas anderes getan. Das
ist meine Arbeit. Soweit mein Gedächtnis reicht, bebaue ich den
geerbten Acker. Zuweilen dämmert es in mir: ich fahre mit der
Bahn an der Landstraße vorüber, sitze beim Fenster und schaue
hinaus. Ich sehe Einen, der da singt und auf dem Feld arbeitet:
ich sehe mich selbst. Ich bin der Ackersmann, der Bauer mit den
straffen Muskeln, mit dem erdenbraunen Gesicht und schwei߬
bedeckter Stirn. . . Wer staunt ihn an? Mein altes Leben . . .
Vom Haus kommt die Frau. Sie bleibt vor mir stehen, blickt
mich an, sagt nichts. Ich wühle im Grund des Sackes herum,
streue die letzten Samen in die letzten Reihen. Ich habe die Hand
nicht mehr voll mit Samen, der Schwung bleibt aber derselbe.
Die Frau sieht meiner Arbeit zu.
— Siehst du! — sagt ihr mein Blick. Ich trete auf sie zu und
sage ihr:
—■ Beracha!
Sie weiß, daß es ihr Name ist, so wenig ich sie auch früher
mit dem Wort angeredet hatte. Sie weiß, daß dieses Wort Sinn
meiner Arbeit ist. Und sie versteht den Sinn: Segen!
— Beracha! — sage ich ihr. — Mein Segen!
— Jischaj! — erwidert sie und wir wissen nimmermehr, daß
wir uns je anders genannt haben.
Anders?
Anders ?
Wie wir da arbeiten, sei es unter lautem Gesang oder dem
Finger des Schweigens auf den Lippen, erschließt sich uns ein ge¬
heimnisvolles Heiligtum: die Sprache, die wir längst vergessen
haben. Seit zweitausend Jahren wurde sie nicht mehr gesprochen,
sie lebte i n uns bloß, wie eine ins Buch gepreßte Blume. Und jetzt
erblüht ihr wieder ein strotzendes Leben. Liegt es in der Würze
des Windes? In der feurigen Sonne des Südens? In der Erde, die
wieder auflebt? Ich rufe im Morgentau der Scholle auf einen
Augenblick wieder ein Stück tiefer Vergangenheit in mein Ge¬
dächtnis. Meine Vergangenheit? Vielleicht ist sie gar nicht die
meinige. Doch halt! Ich sitze im Zwielicht von vier Wänden, vor
mir ein Buch, vor dem Buch eine Kerze. Das unruhige Licht tanzt
über den Buchstaben, wie die Sonne unlängst über den Furchen,
ich stammle, ich lalle den drolligen Text, ich ringe mit ihm; hier
habe ich meine Sprache, ich verstehe sie und verstehe sie nicht.
Doch jetzt, in diesem Lande, habe ich sie auf der Zunge, stark
und sicher, wie ich das Säen in den Armen hatte. Ich kenne all
ihre Tiefen, Wendungen, Falten und Rätsel. Meine Frau kennt
sie auch. Wiewohl sie sich nie mit ernsten Büchern geplagt und
höchstens nur dann und wann irgend ein rätselhaftes Gebet ge¬
flüstert hat. Wir sprechen nicht viel, wir kargen mit der Wonne.
Wir heben sie uns auf für den Winter, wo man leichter auch Pläne
machen und besprechen kann. Jetzt brauchen wir die Kraft, die
im Sprechen steckt, für die Arbeit.
Und die Kinder. Sie wissen noch mehr als wir. Von früh bis
abends halten sie sich draußen auf dem „Mohnkuchen" auf. Der
liebe Gott allein weiß, wer die milden Hügelketten von Tel-Chalom
mit diesem Namen bedacht hat. Wenn sie heimkehren, so bringen
sie immer neue Worte; mit immer neuen Ausdrücken schreien sie
das Haus voll. Zuweilen muß ich mir das Gedächtnis recht an¬
strengen, um ihren Sinn herauszufinden. Ihnen ist diese Sprache
unserer weihevollen Stunden so natürlich wie ein durchsonnter
Werktag. Sie wächst draußen auf dem Feld, die Kleinen pflücken
sie mit den Kindern der Nachbarkolonisten wie bunte Blumen.
Mitunter lerne ich auch von ihnen. Wußte ich doch anfangs
nicht, wie man in meiner alt-neuen Sprache die Kartoffel aus¬
spricht, und habe mich gar nicht getraut, sie zu säen, ehe ich das
gewußt hatte. Jetzt aber, nachdem ich es von ihnen erfahren habe,
verlängere ich den Garten, dort grabe ich ein neues Beet. Wieder
eine harte Arbeit mit Spaten und Beil. Aber ich merke es kaum.
In der Ferne sehe ich die drei Kinder, die zwei Ziegen und die
Kuh im Lauf und die Knäblein weinen ihrer Schwester mit süßem
Klagen nach:
— Zipporah warte doch, lauf nicht so! Vöglein warte —
Zipporah warte! Es liegt mir im Ohr, wie ein altes Volkslied:
„Wart' du Vöglein, nimmer wird das sein . . Und ich lache in
den Bart hochmütig, jauchzend: nimmer? Siehe da, unter mir
grünt die Wiese, blau ragt um mich der Berg. Und ist es auch
sonst still, so höre ich doch die Laute der in die Erde gesteckten
Sprößlinge und der springenden Keime: das nur dem Traum¬
siedler verständliche Zwiegespräch des neuen Lebens.
'Das III. Kapitel: „Abu Abdullah", folgt in der nächsten Nummer.')