M E N O R A H
181
x '
rZ & j £ f > * ' * > ir
W ^ t ^ / * ? s % r . . Wr *
i . ^
JERUSALEM : VIEHMARKT AM HERODES - TOR
Panischer Schrecken
VON M AX BROD .
Eine kleine Gesellschaft , drei Freunde , spazierte durch einen
Wald in der Nähe Berlins und kam zu einer Lichtung , die Aus¬
blick auf Chaussee , Bahnhof und den sauber von Dämmen einge¬
faßten Flußkanal mit der neuen Eisenbrücke darüber bot .
, ,Was ist eigentlich noch Natur hier ? " rief der eine , ein Film¬
regisseur . „ Der Mensch verpatzt alles . Man sieht nur noch Kunst¬
bauten , Schotter , Schienen . Die paar Grashalme an der Straße
scheinen sich für ihre Anwesenheit entschuldigen zu wollen . Sie
sind nur noch geduldet . Im übrigen hat der Mensch alles rundum
domestiziert , seiner Herrschaft unterworfen . "
„ Und als Fahnen dieser Herrschaft, " sagte der andere , „ pflanzt
er diese scheußlichen Warnungstafeln und Wegweiser auf . Schaut
euch einmal um , wie viele man von da aus sehen kann . Ich zähle
zwölf auf den ersten Blick . Nein , dort hinten noch eine Gruppe .
Und hier am Bahnübergang wimmeln sie ja . . Achtung Hochspan¬
nung ' und , Das Überschreiten der Gleise verboten ' . In wenigen
Jahren werden sie den eigentlichen Wald bilden und von dem
Wald hinter uns werden nur ein paar Erinnerungsbäume auf
dürrem Beden übriggeblieben sein . " Er sprach so suggestiv , daß
man vor seiner Handbewegung wirklich schon den Stangenwald
aus dem Boden schießen und die Tannen und Kiefern in vergeb¬
lichem Wettbewerb vor diesem Kunstforst hinschwinden sah .
Der dritte sagte nichts . Einige Tage später aber , als die
beiden anderen bei ihm eingeladen waren , um seinen Abschied
und Aufbruch zu einer Sahara - Forschungsreise zu feiern , kam er
auf dieses Ausflugsgespräch zurück . Es war nicht seine Art zu
widersprechen . Er machte immer nur Einschränkungen , drang
darauf , daß man das Leben in seiner ganzen Kompliziertheit
nehme , wie es eben ist , und lehnte oberflächliche Vereinfachungen
ab . Er tat das aber nicht etwa ausdrücklich und in großen Be¬
hauptungen , sondern gab gewöhnlich nur höfliche Zusätze zu
dem , was gesprochen wurde , stimmte meist sogar zu , aber auf
eine seltsame Art , die neben der Regel gleich auch wieder die
Ausnahme aufwies und allmählich immer weiter abbog , so daß
neben der ursprünglichen Behauptung eine bald unübersehbare
Fülle von Berichtigungen stand . So auch diesmal . „ Wir haben
vielleicht wirklich die Absicht, " begann er , „ die Natur zu ver¬
menschlichen , wie Erich neulich beklagt hat . Die Frage ist nur ,
ob es je gelingt . So waren ja die antiken Gottheiten , Baum - und
Bachnymphen nichts anderes als ein Versuch , die feindlich unzu¬
gängliche Natur unsere , die Menschensprache sprechen zu lassen !
Der moderne Mensch möchte diese Zutraulichkeit durch das
herstellen , Avas er . Naturgesetz ' nennt . So glaubt er , mit dem
Fremden , das ihn umgibt und das keine Notiz von ihm nimmt ,
auf Du und Du zu kommen . Es gibt Landschaften , in denen
dieser kindische Irrglauben gleichsam körperliche Gestalt bekommt .
Ein Areal von Kais , Beton - und Eisenbauten , reguliertem Wasser ,
— der Mensch hat hier so lange und so intensiv auf die Natur ein¬
geredet , bis er sie überredet , vielleicht auch nur niedergeredet hat .
Zumindest bildet er sich das ein . Hätte er es nicht nötig , sich
diese Illusion zu verschaffen , — er würde so viel Mühe nicht
aufwenden . So sind . vermenschlichte Landschaften ' nicht nur
Kraftäußerungen des Menschen , nein , gleichzeitig Ausdruck seiner
Not und grenzenlosen Verlassenheit im Weltall . Und wehe , wenn
die Natur den Schein einer Konversation , an der sie ja im Grunde
gar nicht teilnimmt , plötzlich abzuwerfen beliebt , - Wenn sie dem
Geist wieder fremd und in ihrer ursprünglichen Unauflöslichkeit
entgegentritt . Diese Unauflöslichkeit ist Grauen . Das , was die
Alten den . panischen Schrecken ' nannten . Aus dem Schweigen
der Mittagshitze , aus der ewig fernen , grünen Tiefe des Waldes
löst sich der Schrei los , den das Ohr nicht faßt , der lautlos ins
Herz sinkt , — Angst , Angst vor dem Nichts , vor dem Geheimnis ,
das noch weiter als das Nichts entrückt ist . Dennoch glaube ich ,
daß die Alten den . panischen Schrecken ' nie in dieser wütenden ,
ja häßlichen Entsetzlichkeit erleben konnten , wie er uns manchmal
überfällt . Ihre Natur , ihr Wald , ihre Flüsse waren ja nicht so
zurechtgestutzt , nicht so unterjocht ( scheinbar unterjocht ) wie
unsere Umgebung ; daher der Sprung nicht so groß , wenn sich