MENORAH 183
Leo Feld / Richard Beer - Hofmann und das deutsche Theater
„ Beer - Hofmann ist im hohen lyrischen Drama heute , ohne den
Schatten eines Zweifels , der Erste . "
So ließ sich Alfred Kerr , die erste kritische Stimme Berlins
einmal vernehmen . Es war , als Max Reinhardt , der Meister der
deutschen Bühne , das letzte Werk des Dichters „ Jaakobs Traum "
dem Theater erschlossen hatte . Und Berlin schien einer Mei¬
nung mit Alfred Kerr zu sein . Wenigstens bereitete es der Dich¬
tung eine enthusiastische Aufnahme . An einer sehr gedehnten ,
stets sich erneuernden Reihe von Aufführungen wurde dieser
erste Eindruck immer wieder bestätigt . Wien aber hatte dem
Werk seines Dichters schon vorher eine Triumphpforte errichtet .
„ — ohne den Schatten eines Zweifels , der Erste . "
Dieses unbedingte , den Rang des Dichters entscheidende Ur¬
teil gilt einem Manne , der die Schwelle seines sechsten Jahrzehntes
längst überschritten hat . Und der in dieser großen Reihe von
Jahren dem deutschen Theater zwei Werke gegeben hat ; vor
fünfzehn Jahren ein Trauerspiel , , ,D er Graf von Charo -
I a i s " und das Mysterium „ Jaakobs Traum " .
Das ist sehr merkwürdig . Bisher ohne Beispiel in der deut¬
schen Literatur . Ein Dichter , der mit so sparsamen Gaben eine
so weithin sichtbare Stellung gewinnt .
Denn , ob man nun der leidenschaftlichen Bewunderung
Kerrs dieser Königsproklamation beistimmt oder nicht , das ist
gewiß : Beer - Hofmann gehört heute zu den repräsentativen Künst¬
lern des deutschen Theaters .
Mit zwei Dramen .
Und das Phänomen wird noch interessanter , wenn man be¬
denkt , daß die ganze Ernte des Dichters nur noch zwei Bücher
erzählender Prosa umfaßt ; einen schlanken Novellenband , „ Das
K i n d " , zwei mit großer Exaktheit geschaute und wiedergegebene
Geschichten in der Art Maupassants , und das in der Fülle seiner
Gedanken und Gesichte prunkende , menschlich und dichterisch
edle Bekenntnisbuch „ D er Tod Georg s " .
Aber in diesen wenigen , durch viele Jahre hingezögerten
Schöpfungen seiner Kunst liegt wirklich der Gehalt und Gewinn
eines ganzen Lebens .
Sie sind nicht das rasche Aufleuchten seltener , schöpferisch
begnadeter Stunden ; Gaben , die eine eilige , von anderen Zielen
gelockte Hand auf die Straße wirft . Man fühlt ihr langsames ,
stetiges Blühen und Reifen ; fühlt , daß ein ungemein wählerischer
und wägender künstlerischer Geist hier am Werke war . Daß sie in
Wahrheit das Beste sind , das der Dichter zu geben vermochte .
Denn er hat , wie sein Jaäkob , mit seinem Gotte gerungen , bis er
die höchste Fülle seines Segens über ihn ergoß .
Der Dichter lebt in Wien . Er gehört zur Generation Bahrs
und Schnitzlers , mit denen ihn auch mannigfache persönliche Ge¬
meinsamkeiten verbinden . Auf dem Boden Wiens ist seine Kunst
groß geworden . Ihr Antlitz trägt auch dieses Heimatszeichen .
Wien hat die leidenschaftliche literarische Revolution , die das
Berlin der Neunzigerjahre erregte , nie mitgemacht . ( Denn selbst
die naturalistischen Exzesse Hermann Bahrs gehören seiner Ber¬
liner und nicht seiner Wiener Periode an . ) Hier war das ästhe¬
tische Erbe der Vergangenheit doch zu stark , zu tief in Blut und
Nerven gesenkt , als daß es so plötzlich hätte entwurzelt werden
können . Die Schönheit der Form gehört — oder vielleicht sollte
man jetzt in diesen aufwühlenden Tagen vorsichtiger sagen , ge¬
hörte — unablösbar zum Wesen Wiens . Ein in weit zurück¬
reichender Kulturentwicklung gereifter Geschmack hat alle Lebens¬
äußerungen Wiens — die Formen des künstlerischen wie des
gesellschaftlichen Lebens — immer geadelt . Die Lust am Glanz ,
am Reiz der Erscheinung war stets eine der stärksten und trieb¬
haftesten Kräfte der Wiener Seele . Im Wiener Gemeinderat er¬
eignete sich vor mehreren Jahren ein Vorfall , der der Erinnerung
aufbewahrt werden soll , weil er über das künstlerische Wesen des
Wiener Naturells aufschlußreicher ist , als es die gelehrtesten Ab¬
handlungen vermöchten . Es lag der Antrag vor , die offenen Märkte
aufzuheben und — etwa nach dem Pariser Muster — in ge¬
schlossenen Hallen zu zentralisieren . Man hätte zunächst wohl
Argumente oder Gegenargumente hygienischer und verkehrstech -
RICHARD BEER - HOFMANN
Nach einer Zeichnung von Dario Rappaport ( Wien
nischer Natur erwartet . Aber Dr . Lueger — der populärste und
wienerischeste Bürgermeister , den die Stadt je hatte — stand auf
und meinte bedenklich : „ Ich weiß nicht , meine Herren — ich
finde , das sieht wunderschön aus , wenn die Weiber so auf
der Straße sitzen mit ihren Blumen und Früchten . . . " In welchem
Gemeinderat der Welt wäre eine solche Begründung möglich ge¬
wesen ?
Wien ist in Wahrheit immer eine Stadt der Schönheit ge¬
wesen . Und darum hat die formauflösende ( wenn auch gewiß
sehr heilsame ) Gewalt des Naturalismus nie über seine Kunst
Macht gehabt . Zur Zeit , da die Gewitterstürme der jungen
naturalistischen Kunst die Bühnen in Deutschland draußen rein
fegten , zog hier Hofmannsthal die schimmernden Fäden seiner
Verse zu kostbaren Gespinnsten , stellte Schnitzler seine schwer¬
mütigen , leise verklärten Bilder aus dem lustigen Leben des
eleganten Wien auf die Bühne , sammelte und bereitete sich Beer -
Hofmann zu seinem ersten Drama .
Es war „ Der Graf von Charolais " .
Fünffüßige Jamben , Kostüme , der Glanz des mittelalterlichen
Burgund ; also durchaus in eine poetische Ferne gerückt , ein Werk
stilisierender Kunst . Man fühlte , daß dieses Gedicht in der Stadt
Grillparzers aufgeblüht war . Noch strenger und keuscher ist die
Linie der Schönheit in „ Jaakobs Traum " gezogen . Hier erheben
sich die Verse in die Sphäre hymnischer Verzückung . Und aus der
Enge einer bedrückenden Gegenwart flüchtet der Dichter an die
Schwelle aller geschichtlichen Tage , da Gott zu den Menschen
redete und seine Boten noch in ihre niedere Hütte traten .
Bilder einer verklärenden , verklärten Kunst ; kein Ausschnitt
aus dem Leben unserer Zeit .
Und doch tief zu ihr gehörig .
Schon in der Form . Trotz der Musik der Verse , trotz dem
bunten Glanz der weit entrückten Szene .