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• bereitung | iir Gymnasium und Abiturienten . 2
• Eigene Villa mit Garten . Bestr Verpflegung . •
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Lodz geführt hatte . Ich begleitete sie zu
dem Wiener Advokaten , der die Sache
führte ; es sah schlimm aus . Da hatte Mutter
nachts einen Einfall , den sie am folgenden
Morgen auch gleich dem Advokaten mit
teilte . Dieser war aufs höchste überrascht
von dem gesunden Plan , und als er erfuhr ,
daß er aus Mittlers Kopf stammle , was sie
ihm zu Beginn der Unterredung wohlweis¬
lich verschwiegen hatte , da sprach er ihr
seine unverhohlene Bewunderung aus . , ,Sic
sind ja ein juristisches Genie " , versicherte er
ihr ein über das anderemal . Damals rettete
Mutter auch eine verhältnismäßig große
Summe .
Vater hatte in den letzten Jahren nur
wenig Geschäfte mehr gemacht . Er sah und
hörte schon schlecht , war von jeher von
schwächlicher Gesundheit gewesen , und
Mutter sowohl , als auch die Brüder be¬
standen darauf , daß er sich ganz vom Ge¬
schäft zurückziehe . Er gab nur widerstrebend
nach . Drei Töchter waren bereits verheiratet ,
die vier Kleinen im Alter von elf bis fünf
zehn noch zu Hause . Hugo , den Jüngsten ,
hatten wir , mein Mann und ich , zu uns nach
Wien mitgenommen , wo er das Gymnasium
besuchte .
Mutter aber — sie war damals 47 Jahre
alt — konnte das ruhige Leben nicht er¬
tragen ; seit sie im Hause nicht mehr viel
zu tun hatte — die Schwestern besorgten
abwechselnd die Wirtschaft — ruhte und
rastete sie nicht , vorläufig nur mit ihrer Phan¬
tasie . Und als endlich ein großes Kon¬
fektionshaus aus Wien in allen großen
Provinzstädten Filialen errichtete , da über¬
nahm sie eine solche Filiale in B . Wir
Kinder suchten sie vergebens davon abzu
halten , kein Bitten , kein Flehen half ; sie er¬
widerte , sie könne nicht müßig gehen , dazu
sei sie noch nicht alt genug , und sie wolle
auch Geld verdienen , das sie für ihre jün¬
geren Töchter notwendig brauche . In ihrer
ungewöhnlichen Klugheit sah sie unsern
nächsten Schritt voraus , und so schrieb sie
an alle Kinder nach Wien , wenn wir viel¬
leicht vorhätten , hinterrücks bei den Chefs
durchzusetzen , daß sie unter irgend einem
Vorwand ihre Einwilligung zurückzögen , so
würde sie auf und davongehen , so weit ihre
hüße sie trügen und sich irgendwo als
Kinderfrau verdingen . Da war nicks zu
machen . Ihre Pflichten wären übrigens nicht
so schwer gewesen , wenn sie sie nicht , wie
alles im Leben , zu ernst genommen hätte .
Sie hatte eigentlich nur die wenigen Bücher
zu führen , das Geld zu übernehmen , all¬
wöchentlich nach Wien zu sclrcken und di . 1
Bestellungen aufzugeben . Aber sie war nicht
zu halten . Früh um sieben Uhr war sie
schon be ; m Aufsperren , mittags blieb sie nur
eme Stunde zu Hause , den ganzen Tag über
r und
arbeitete sie im Geschäft . Sie beteiligte sich
auch , was sie durchaus nicht mußte , lebhaft
am Verkauf , und bald blühte das Geschäft ,
und niemand wollte kaufen , ohne Mutters
Rat einzuholen . Und wie erzog sie dabei
die Kunden ! Kam da eine Mutter mit ihrem
hochaufgeschossenen Jungen und wollte einen
Überzieher kaufen ; der Student wollte aber
immer einen andern als die Muitcr . Da legte
sich Mutter ins Mittel und schlug vor , einige
Überzieher in gleicher Preislage zu wählen ,
die engere Wahl aber dem Sohne zu über¬
lassen .
„ Vergönnen Sie Ihrem Sohn doch che
1 ' reude , sich allein einen Überzieher aus¬
wählen zu dürfen " , redete sie der Mutter zu ,
und fast immer half ihr Dazwischentreten .
Sie redete auch direkt vom Kauf ab , wenn
ihr das Kleidungsstück für den beabsichtigten
Zweck nicht praktisch genug erschien , kurz ,
sie tat , was sie konnte , um die Kunden , aber
auch um ihre Chefs zufriedenzustellen .
Und die Charakterstudien , die sie machte !
Sie erzählte bei Tisch stets , was sie erlebt
hatte und war unermüdlich im Lobe der an¬
ständigen Leute . Unter anderem erzählte sie
mir , als ich wieder einmal in B . zu Besuch
war , daß der Gatte einer Schulfreundin von
mir , ein Seminarlehrer , sich einen Salon¬
anzug ausgesucht und gebeien habe , ihm
denselben erst am 2 . des nächsten Monats
ins Haus zu schicken , da er ihn am 1 . be¬
zahlen würde . Mutter suchte ihm das aus¬
zureden , sie kannte den Mann und wußte
sehr wohl , daß er bezahlen würde , sie hätte
auch monatelang auf das Geld gewartet , das
ihr sicher war , aber er bestand darauf , daß
er zuerst zahlen und dann den Anzug haben
wolle . „ Ich mache niemals Schulden , gnä¬
dige Frau, " sagte er , „ das ist ein Grundsalz ,
von dem ich nie abgehe . " Mutter drückte
ihm ihre Anerkennung aus , und uns erzählte
sie voller Freude , daß es so prinzipientreue
Menschen gebe , die ganze Geschichte . Im
Sommer brachten wir sie durch Bitten und
oft erst durch die Drohung , daß wir alle
nach B . kommen und uns nicht wegrühren
würden , dazu , eine Erholungsreise anzu¬
treten , die sie jetzt mehr brauchte als je
Aber sie sehnte sich immer wieder nach ihrer
Tätigkeit zurück , so sehr sie auch einen
Aufenthalt in den Bergen oder an der See
genoß . Immer wieder pries sie die Arbeil
als den größten Segen auf Erden .
Wie sehr sie sich jedesmal weigerte , eine
solche Erholungsreise anzutreten , mag aus
einigen Briefen ersehen werden .
„ Liebe Rosa !
Dein Brief hat mich sehr überrascht . Ich
schreibe ausdrücklich , ich will von nieman¬
dem etwas wissen , und nun teilst Du mir
plötzlich mit , Du willst mit mir nach
Franzens ' . . acl gehen . Wo bleibt der Stolz
meiner i - ' . den Töchter ? Ich bekomme näm¬
lich fas > . . « glich zehn solcher Briefe . — Das
allein ge ' . - . igt , mich von Franzensbad fernzu¬
halten . Und wenn es nur Franzensbad wäre !
Aber es gibt noch anderes — vorher die
Professoren in Wien , zu denen Ihr mich hin
schleppen wollt . Der eine wird staunen , daß
man mich nach Franzensbad schicken will ,
der andere , daß man mich nicht längst hin¬
geschickt hat .
Unsere Völkerwanderung hat mir immer
zu schaffen gegeben , aber die heurige ver¬
dient verewigt zu werden .
Herzliche Grüße von Deiner treuen Mutter
Klara . "
„ Liebe Rosa !
Zwar bin ich noch sehr böse auf Dich ,
aber ich bin in einer Lage , in der man sich
sogar an Feinde wendet . Die liebe Jetty ist
heute gekommen mich abholen : ich soll mil
ihr nach Wien und von dort weiter * ) — ich
spreche den Ort nicht aus , weil ich zu Gott
hoffe , daß ich irgend eine Hilfe finden und
doch noch schön zu Hause bleiben werde .
Auch mit Dir fahre ich nicht , Du bist eine
Verschwenderin ! Ich weiß am besten , wie
ich an der Reise zugrunde gehen werde , mir
fehlt zum Wohlleben alles , auch der Wille .
Ich bin heute noch im Bett — die liebe
Jetty glaubt , das Bett wird mich retten , und
ich glaube , die Ungeduld wird mich töten .
Kannst Du raten ? Aber nicht handeln , nur
raten , den Oberbefehl habe ich selber noch .
Deine treue Mutter Klara . "
„ Lieber Moritz !
Damit ich gleich mit der Hauptsache an¬
fange : ich bin ganz gesund . Es ist mein
fester Wille , das Geschäft noch dieses Jahr
zu behalten * * ) , geht es mir aber so gut wie
im vergangenen Jahr , so gebe ich noch
ein Jahr zu . Ich bereite Dich darauf vor ,
lieber Moritz . Ich fühle mich am wohlsten
in meinem Wirkungskreise ; das Bewußtsein ,
daß ich zu irgend etwas da bin , daß ich
Geld verdiene , macht mich stark . Ich
wiederhole Dir , ich fühle mich ganz wohl .
Mit tausend Grüßen an Dich , die liebe
Anna und die lieben Kinder
Deine treue Mutter Klara . "
Es war ein großer Schmerz für Vater , daß
das Geschäft am Samstag offen war . Aber
Mutter konnte natürlich nicht anders , denn
es war ganz ausgeschlossen , daß die Chefs
in Wien gestattet hätten , den Laden am
Samstag zu schließen . Und da erzählte sie
unserem Vater zu ihrer Entschuldigung fol¬
gende Geschichte :
Es lebte einmal eine Familie in Wohlstand :
das Geschäft des Mannes blühte , die Fa¬
milie hatte jeden Samstag ihr Huhn im Topf ,
am Freitag abend gab es Barches und Fisch .
Mit einemmal begann der Mann zu krän¬
keln , das Geschäft ging bergab , die Krank¬
heit verschlang Unsummen , denn die gute
Frau tat , was sie konnte , dem Manne sein
trauriges Leben zu erleichiern , endlich starb
der Mann . Die Frau rettete noch so viel aus
dem Schiffbruch , um sich eine Strick¬
maschine zu kaufen ; mit der ernährte sie sich
und ihre beiden kleinen Kinder . Eines
Abends — es war am Freitag — kam eine
Nachbarin zu Besuch , die mit ihrem Tage¬
werk längst fertig war , denn sie war keine
Witwe und hatte nur die Hausarbeit zu
leisten ; sie traf die Freundin noch an der
Strickmaschine . Erschrocken fragle sie :
„ Jetzt arbeiten Sie noch , es ist ja schon
Schabbes ? "
„ Die Arbeit muß ich morgen abliefern, "
antwortete die Witwe , „ sonst werde ich
nicht bezahlt , und ich habe keinen Kreuzer
im Haus . Übrigens werde ich Ihnen noch
etwas sagen : so einen Schabbes mir der
liebe Gott beschert , so einen Schabbes be¬
reite ich ihm . Früher hab ' ich einen Mann
gehabt , der mich und meine Kinder ernährt
hat , ich hab ' ein Dienslmädel gehabt , am
Schabbes gab es immer Fisch und Bar¬
ches — jetzt . . . " ( Fortsetzung folgt . )
* ) Meran .
* * ) Sie behielt es noch sechs Jahre !
mtlich Wien . I . . Zelinkajjasse 13 . Verantwortlicher Redaktei
. WIELAND ) , Wien , V1L , Scidengnssc 3 - 11 .