Aus einer Handschrift (14. Jahrhundert)
Gebetbuch für die Festtage / Japanisches Palais, Dresden
JAHRESPROGNOSEN
Von Dr. Viktor Rur rein
Im Talmud berichtet R. Isak b. Abdimai, daß die Leute im alten
Palästina bei Ausgang des letzten Tages vom Hüttenfeste die Rich¬
tung der Rauchsäule, die von der Opferstätte in Jerusalem aufstieg,
aufmerksam betrachteten. Nahm der Rauch eine Richtung nach Nor¬
den, so freuten sich die Armen, während die Reichen betrübt waren.
Denn der Südwind, der den Rauch nordwärts trieb, verhieß ein regen¬
reiches Jahr, in dem sich die Früchte nicht hielten und deshalb schnell
und billig verkauft werden mußten. War die Richtung der Rauchsäule
südwärts, waren die Armen betrübt und die Reichen froh, weil Nord¬
wind Haltbarkeit der Frucht mit entsprechender Preissteigerung
brachte. Die Richtung nach Osten machte alle froh, weil Westwind
Regen in richtigem Maße und gute Fruchtbarkeit bedingt. Zeigte aber
die Rauchsäule einen Weg nach Westen, so bemächtigte sich aller Be¬
trübnis, denn der Wind von der Wüste war allem Wachstum gefähr¬
lich und der Vorbote von Not und Teuerung. Wie ehedem im alten
Palästina waren immer und überall die Menschen begierig, das Schick¬
sal des kommenden Jahres voraus zu wissen. Denn niemals haben sich
die Menschen über ihre Abhängigkeit vom Wetter getäuscht, das nicht
nur die Laune bessert oder verdirbt, sondern das „Befinden" des Men¬
schengeschlechtes im weitesten Sinne, Hunger oder Sättigung, Gesund¬
heit und Krankheit, Armut oder Reichtum bestimmt. Die Dienste,